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Gewerkschaft: Air-France-Crews sollen A330-Jets meiden

Es soll kein Boykott-Aufruf sein, doch es klingt wie einer: Die Pilotengewerkschaft Altar hat Air-France-Besatzungen aufgerufen, keine Flüge mit Airbus-Jets anzunehmen, die die selben Geschwindigkeitsmesser haben wie der abgestürzte A330-200. Angeblich warnte Air France ihre Piloten bereits vor Monaten vor Problemen mit den Sonden.

Die französische Pilotengewerkschaft Alter hat den Air-France-Besatzungen geraten, Flüge mit Airbus-Langstreckenjets mit Geschwindigkeitsmessern wie beim abgestürzten A330-200 abzulehnen. Ein Versagen der sogenannten Pitot-Sonden zählt zu den möglichen Faktoren, die zu dem Unglück mit 228 Toten am Pfingstmontag geführt haben könnten. Möglicherweise flog der Unglücks-Airbus zu langsam durch eine Gewitterfront.

"Wir rufen nicht zum Boykott der Flugzeuge auf", sagte ein Alter-Sprecher in Paris am Dienstag. "Wir wollen aber ein Minimum an Sicherheit durchsetzen." Mindestens zwei der drei Sonden je Flugzeug müssten auf dem neuesten Stand sein. Bei Air France läuft bereits wegen früherer Vorfälle ein Programm zum Austausch der alten Sonden. Seit mehr als zehn Jahren gebe es Probleme, sagte der Gewerkschaftssprecher.

Laut Air France hat seit Montag jede A330 und A340 mindestens eine neue Sonde, neun von etwa 35 Maschinen wurden schon mit zwei neuen Sonden ausgestattet. Der Austausch ist einfach und nicht teuer, doch es mangelt Experten zufolge an Nachschub der Hersteller. Fehlmessungen der Geschwindigkeit sind nach Airbus-Angaben nicht ungewöhnlich. Es gibt deswegen extra Verhaltensregeln für die Piloten. Die Luftfahrtbehörden und die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) sahen bisher in den Fehlmessungen keinen Anlass, auf einen schnelleren Austausch der Messgeräte zu drängen.

Die Behörde, die 2003 für die Zulassung von Flugzeugmodellen in Europa zuständig ist, gab vorsorglich eine Sicherheitsinformation an alle Betreiber von Langstreckenflugzeugen heraus. Darin weist sie alle Piloten darauf hin, dass auch bei einem möglich Ausfall der Geschwindigkeitsmessung die Maschinen sicher geflogen werden können. Es gelte, die entsprechenden Betriebsvorschriften einzuhalten.

Piloten bereits im November gewarnt

Bereits Monate vor dem Absturz einer ihrer A330-Passagiermaschinen über dem Atlantik hat die Fluggesellschaft Air France Piloten vor Problemen mit den Geschwindigkeitsmessern bei diesem Flugzeugtyp gewarnt. Das geht aus einem auf den 6. November 2008 datierten Memo hervor, das der Nachrichtenagentur AFP vorliegt. Darin ist von einer "beträchtlichen Zahl von Zwischenfällen" in Verbindung mit Tempomessern an Airbus A330 und A340 die Rede. Die Zwischenfälle seien auf "Anomalien" an diesen Messgeräten zurückzuführen. Das zweiseitige Dokument listet falsche Geschwindigkeitsmessungen, unterschiedliche Tempo-Angaben auf den Kontrollschirmen von Pilot und Kopilot und das Abschalten des Autopiloten auf.

Zwei Air-France-Piloten, die nicht namentlich genannt werden wollten, bestätigten AFP die Echtheit des Dokuments. Einer von ihnen sagte, das Memo belege, dass die Fluggesellschaft schon seit November vergangenen Jahres von den Problemen gewusst habe, "die die Katastrophe von Flug AF 447 zu erklären scheinen". Der Airbus war am 1. Juni mit 228 Menschen an Bord auf dem Weg von Rio nach Paris über dem Atlantik abgestürzt.

Die genaue Absturzursache ist weiter unklar. Auf Probleme mit den Geschwindigkeitsmessern deuten den Ermittlern zufolge letzte technische Meldungen hin, die das Flugzeug vor dem Absturz automatisch absetzte.

Die Suchmannschaften haben bislang mindestens 29 Tote und etliche Wrackteile des Airbus' aus dem Atlantik geborgen. Zudem wurde mit einem Heckstück ein Trümmerteil entdeckt, von dem sich die Ermittler wichtige Hinweise bei der Suche nach der Ursache der Katastrophe erhoffen.

Das gefundene Teil des Leitwerks vom Heck könnte die Suchmannschaften auf die Spur der Flugschreiber bringen, denn die sogenannten Blackboxes sind bei diesem Flugzeugtyp am Heck angebracht. Die Geräte werden in mehreren tausend Metern Tiefe auf dem Meeresgrund vermutet. Sie zeichnen während des Flugs Daten auf und könnten damit Rückschlüsse auf die Geschehnisse in den letzten Minuten vor dem Absturz ermöglichen.

Am Mittwoch sollte das französische Atom-U-Boot "Emeraude" vor Ort eintreffen, demnächst soll auch das französische Meeresforschungsschiff "Pourquoi pas?" mit Tauchrobotern dazu stoßen. Ebenfalls erwartet werden zwei Schiffe der US-Marine mit speziellen Suchvorrichtungen. Sollten die Blackboxes gefunden werden, wird ein französisches Forschungs-U-Boot zur Bergung losgeschickt. Bei der "Nautile" handelt es sich um dasselbe Schiff, das auch das "Titanic"-Wrack untersuchte.

Der brasilianische Luftwaffensprecher Henry Munhoz sagte, seit Samstag seien 24 Opfer des Flugzeugabsturzes geborgen worden. Vertreter der französischen Seite teilten später mit, an Bord einer französischen Fregatte seien mindestens fünf weitere Leichname. 16 der Toten wurden per Schiff zur Insel Fernando de Noronha gebracht, wo sie Dienstag eintreffen sollten. Die Opfer sollten dann zur Identifizierung nach Recife auf dem brasilianischen Festland geflogen werden. Hier stehen Gerichtsmediziner bereit, um die Toten mit Hilfe von zahnärztlichen Dokumenten und DNA-Vergleichen zu identifizieren. Die übrigen Opfer würden "zu gegebener Zeit" ebenfalls nach Recife gebracht, teilte die Luftwaffe mit.

DPA/AFP / DPA