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Hochwasser: Die Flut wälzt sich flussabwärts

Nach der Hochwasserkatastrophe am bayerischen Alpenrand wandert die Flutwelle weiter die großen Flüsse abwärts. Die Pegel von Donau, Isar und Inn stiegen am Nachmittag an. Bundeskanzler Schröder warf der bayerischen Regierung mangelnden Hochwasserschutz vor.

Gefährdete Stellen wurden mit Tausenden von Sandsäcken gesichert. In neun Landkreisen sowie in Rosenheim galt Katastrophenalarm. In Mühldorf am Inn wurde der Alarm aufgehoben, in Ingolstadt dagegen neu ausgerufen. In Südbayern begannen die Menschen mit dem Aufräumen. Vielerorts waren aber Straßen und Bahnlinien weiter unpassierbar. Nach ersten Schätzungen liegen die Schäden im mehrstelligen Millionenbereich. Sie dürften aber trotz höherer Wassermengen fast überall geringer sein als bei dem Pfingsthochwasser 1999. Dies sei dem verbesserten Hochwasserschutz zuzuschreiben, hieß es.

Höherer Pegelstand als 1999 erwartet

Im niederbayerischen Passau spitzte sich die Lage überraschend zu. Die Hochwasserwelle des Inn habe länger angehalten als zunächst vorhergesagt, sagte ein Sprecher. Daraufhin sei der Donaupegel auf 9,20 Meter angeschwollen. Mehr als 200 Helfer schichteten weitere Sandsäcke auf die Dämme und errichteten Barrieren. Geschäftsleute räumten ihr Hab und Gut aus Läden und Gaststätten. In der Nacht sollte der Innpegel sinken.

Schröder wirft Bayern mangelnden Hochwasserschutz vor

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat dem von einem schweren Hochwasser betroffenen Bayern erneut Hilfen des Bundes zugesagt, dem Freistaat zugleich aber auch Versäumnisse vorgeworfen.

Bayern habe wohl ein langfristig angelegtes Schutzkonzept, sagte Schröder in einem am Mittwoch vorab veröffentlichten Interview des "Münchner Merkur". "Richtig ist aber wohl auch, dass in den beiden vergangenen Jahren die ursprünglich dafür vorgesehenen Mittel gekürzt wurden", ergänzte der SPD-Politiker. Auch er wisse um die Sparzwänge des Staates. Gleichwohl müsse überlegt werden, ob beim Hochwasserschutz ein Verzicht auf bestimmte Vorsorgemaßnahmen nicht viel teurer komme. Er sei aber sicher, dass die bayerische Staatsregierung die Lage in den Griff bekommen werde.

Auch Vertreter von SPD und Grünen in Bayern hatten der CSU-Landesregierung Versäumnisse beim Hochwasserschutz vorgeworfen.

Im niederbayerischen Landshut bereiteten sich Bewohner und Hilfskräfte mit tausenden Sandsäcken gegen die in der Nacht zum Donnerstag erwartete Flutwelle der Isar vor. Es werde mit einem höheren Pegelstand als beim Pfingsthochwasser 1999 gerechnet, sagte ein Sprecher des Wasserwirtschaftsamtes am Mittwochabend. Bis Mitternacht sollte der Pegel der Isar auf rund vier Meter anschwellen. Das Wasser wurde in eine Flutmulde abgeleitet. In diesem Bereich wurden bereits mehrere Straßen überflutet.

Donaupegel steigt langsam

Für die Donau rechneten Experten damit, dass die Pegelstände niedriger bleiben als anfangs befürchtet. In Ingolstadt und Neuburg an der Donau wurden noch am Abend die Scheitel der Flutwellen erwartet. In Neuburg wurden vorsorglich mobile Hochwassersperren installiert. "Bisher haben wir keine größeren Probleme. Der Pegel der Donau steigt sehr langsam", sagte ein Polizeisprecher. Im Stadtgebiet von Neuburg sei die Donau noch über die Ufer getreten. "Wenn es so weitergeht, dürften wir mit einem blauen Auge davonkommen."

In Regensburg rechneten die Behörden ebenfalls nicht mit dem Schlimmsten. "Bilder wie in Südbayern sind bei uns nicht zu erwarten", sagte ein Sprecher der Stadt Regensburg. Der höchste Pegelstand wurde am Donnerstagvormittag mit rund 5,60 Metern erwartet. Beim Augusthochwasser 2002 war die Donau auf 6,60 Meter angeschwollen.

Bahn schätzt Schäden auf zehn Millionen Euro

Die Scheitelwelle der Isar-Fluten hatte am Mittwoch auch München passiert. Im Deutschen Museum mussten zwei Ausstellungen geschlossen werden, weil Grundwasser in die unteren Räume sickerte. Insgesamt habe die Feuerwehr in der Landeshauptstadt zu rund 100 Einsätzen ausrücken müssen, die Lage sei aber im Griff, sagte Feuerwehrsprecher Thomas Zerle. "Die Isar ist da wo sie hingehört, nämlich in ihrem Hochwasserbett."

Allein die Deutsche Bahn schätzte ihren Schaden in Bayern auf annähernd zehn Millionen Euro. Nach Angaben von Bahnsprecher Horst Staimer bleiben die Strecken Murnau-Garmisch-Partenkirchen- Mittenwald, Immenstadt- Oberstdorf, Weilheim-Dießen/Ammersee sowie Pfronten-Garmisch bis auf weiteres gesperrt. An diesem Donnerstag soll dagegen der Zugverkehr zwischen Kempten und Immenstadt sowie zwischen Immenstadt und Röthenbach wieder aufgenommen werden.

"Nicht hier um Wahlkampf zu machen"

Bei einem Besuch in den Hochwassergebieten kündigte Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) ein Hilfspaket für die Opfer an. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und sein bayerischer Amtskollege Günther Beckstein (CSU) informierten sich ebenfalls vor Ort über die Flutschäden. "Wir sind beide nicht hier um Wahlkampf zu machen, sondern um den Menschen zu helfen", unterstrich Schily.

Bayerns Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) wies Vorwürfe zurück, Bayern sei nicht ausreichend auf die Flut vorbereitet gewesen. Die umfänglichen Hochwasserschutzmaßnahmen hätten Schlimmeres verhindert. In ganz Bayern waren bei der Katastrophe tausende Helfer im Einsatz, darunter 900 Kräfte des Technischen Hilfswerks (THW) sowie 850 Bundeswehrsoldaten und 2500 Helfer des Bayerischen Roten Kreuzes.

In den am Vortag besonders betroffenen Gebieten im Süden Oberbayerns gingen die Wassermassen weiter zurück. Garmisch- Partenkirchen war wieder zugänglich, in Eschenlohe floss das Wasser langsam ab. Auch in Schwaben stabilisierte sich die Lage. Die wieder befahrbare Autobahnbrücke bei Augsburg wurde mit Tonnen von Material stabilisiert. Der Markt Oberstaufen im Oberallgäu musste über eine Notversorgung aus Tanklastzügen mit Trinkwasser beliefert werden.

DPA