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Im Jemen ermordete Deutsche: Ihr Lieblingsbuch war die Bibel

Zwei der drei im Jemen ermordeten Frauen sind Deutsche. Sie waren Studentinnen einer Bibelschule in Lemgo, die in einem Krankenhaus des Entwicklungslandes halfen. Beide waren Mitglieder in einer Wolfsburger Baptistengemeinde - und gaben auch in einer Internet-Community über sich Auskunft.

Von Malte Arnsperger

Nicht nur in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Lemgo dürfte die Nachricht Trauer ausgelöst haben: Bei den beiden im Jemen getöteten deutschen Frauen handelt es sich um zwei Studentinnen der Bibelschule Brake in Lemgo - Rita S., 26, und Anita G., 24. Das hat die Bibelschule auf ihrer Internetseite bestätigt. "Mit tiefer Bestürzung haben wir die Nachricht vom Tod unserer Studierenden Anita G. und Rita S. aufgenommen", heißt es dort. Die beiden jungen Frauen besuchten die Schule demnach seit drei Jahren.

Praktikum an Krankenhaus in Saada

Die Schule gab auf diesem Weg auch Auskunft darüber, weshalb sich die Rita S. und Anita G. im Jemen aufhielten, weshalb sie im Krankenhaus von Saada arbeiteten. Aufgrund ihres "ausgeprägten sozial-diakonischen Engagements" hätten sich die beiden für ein Praktikum in dem gefährlichen Land entschieden, heißt es. Dort hätten sie als Kurzzeitmitarbeiter von "Worldwide Services" die medizinische Versorgung der Bevölkerung unterstützt, teilte die Bibelschule mit. Ein Sprecher der in den Niederlanden registrierten Wohltätigkeitsorganisation "Worldwide Services" bestätigte unterdessen, dass alle neun entführten Ausländer in ihrem Auftrag am Al-Dschumhuri- Krankenhaus in der Stadt Saada gearbeitet hätten. "Zwei davon waren deutsche Frauen, die dort als Krankenpflegerinnen tätig waren. Gestern Abend haben wir erfahren, dass sie getötet wurden", sagte Paul Lieverse stern.de. Nähere Auskünfte über die Opfer wolle er nicht geben, dies sei mit den jemenitischen Behörden vereinbart worden.

Die beiden Frauen stammen aus dem niedersächsischen Landkreis Gifhorn. Gemeinsam mit einer fünfköpfigen deutschen Familie, einem Briten und einer Südkoreanerin brachen sie am vergangenen Freitag zu einem Ausflug auf. Während des Ausfluges wurden die Ausländer von bisher Unbekannten verschleppt. Drei ihrer Geiseln haben die Entführer getötet, neben den zwei Deutschen wohl auch die Südkoreanerin. "Wir müssen leider davon ausgehen, dass von den drei gefundenen Toten zwei die deutschen Praktikantinnen sind", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Berlin: "Das ist eine sehr traurige Nachricht."

""Sie war ein Engel"

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich am Dienstag ähnlich: "Wir müssen leider davon ausgehen, dass sich unter den Toten zwei vermisste deutsche Frauen befinden." Die Todesumstände seien derzeit unklar. Die Bundesregierung habe am Morgen ein Expertenteam in den Jemen entsandt, um eine genaue Identifizierung vorzunehmen. Über den Verbleib der übrigen fünf vermissten Deutschen habe die Regierung aktuell keine gesicherten Erkenntnisse, sagte der Vizekanzler. "Wir müssen aber nach den Ereignissen der letzten Tage davon ausgehen, dass sie in der Hand skrupelloser Gewalttäter sind."

Entsetzen herrscht auch bei der Hilfsorganisation Worldwide Services: "Nach meinen Informationen waren die neun Leute mit zwei Autos in einem Randgebet der Stadt Saada unterwegs zu einem kurzen Ausflug. Sie waren nur wenige Meilen von dem Krankenhaus entfernt", sagte Paul Lieverse. "Es ist eine schreckliche Tragödie."

Der Vater von Rita S. zeigte sich tief bestürzt. "Sie war ein Engel", sagte Albert S. der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Diejenigen, die seiner Tochter das angetan hätten, seien "skrupellose Verbrecher, die möchten, dass wir leiden". Er hoffe nun, dass die übrigen Geiseln mit dem Leben davon kommen werden. Er habe mit seiner Tochter einen Tag vor der Entführung zum letzten Mal am Telefon sprechen können. "Sie war sehr glücklich, den Menschen im Jemen helfen zu können."

"Ohne Jesus kannste alles haken"

Rita S. war aber nicht nur hilfsbereit, sondern auch begeisterte Sportlerin. Seitdem sie acht Jahre alt war, turnte sie im Verein, später betrieb sie Leistungsturnen. "Die Todesnachricht ist ein schwerer Schock für uns", sagte Vereinskamerad Heiner W. stern.de. "Rita war ein sehr fröhliches Mädchen und hat über all die Jahre ihre Gruppe immer mitgerissen. Früher war sie jede Woche vier Mal in der Turnhalle, weil sie auch noch kleine Kinder trainiert hat. Ein tolles Mädchen." In den vergangenen Jahren widmete Rita S. sich offenbar verstärkt ihrem Glauben. Nachdem sie eine Ausbildung bei einer Krankenkasse absolviert habe, habe sie sich der Kirche zugewendet, erinnert sich Heiner W. "Sie hat immer öfter gesagt, dass der Glaube ihr gut tue. Sie wollte ihren Glauben mitteilen - und vor allem wollte sie anderen Menschen helfen." Heiner W. berichtet, im vergangenen Winter habe sich Rita S. in Kasachstan aufgehalten - ebenfalls im Rahmen eines humanitären Praktikums. "Sie hat mir davon berichtet und gesagt: Wir haben es so gut in Deutschland und wissen es gar nicht zu schätzen."

Auf ihrer Seite in der Online-Community "StudiVZ" gibt Rita S., die Mitglied der Wolfsburger Immanuelgemeinde war, die Bibel als Lieblingsbuch an. Die Immanuelgemeinde bezeichnet sich selbst als "freie evangelische Baptistengemeinde." Ihre Interessen waren demnach "Alles für den Herrn! Und Kunstturnen", ihr Lieblingszitat "Ohne Jesus kannste alles haken". Auch viele Freunde von Rita S. haben offenbar mittlerweile die Schreckensnachricht aus dem Jemen erhalten. Auf Rita S. StudiVZ-Seite gedenken sie der Verstorbenen mit Einträgen. "Du wirst uns sehr fehlen...", schreibt etwa Ina D. "Muss immer an den Punch denken und den Spaß, den wir zusammen hatten!", heißt es dort. Auch Daniel R. hat ein paar Zeilen an Rita S. geschrieben: "Liebe Rita..., ich weiß nun.., dass Du mit Anita und den anderen bei Jesus bist, und dafür beneide ich Dich sehr, aber du sollst wissen, dass Du uns hier auf der Erde fehlen wirst. Wann kann ich dich nun wieder zum Lachen bringen? Wem soll ich nun immer meinen Ghettoblaster ausleihen? Diese Menschen, die solche abartigen, gottlosen Taten tun, kann ich nicht verstehen." (Die Zeichensetzung des Originaltexts ist verändert worden).

Doch warum haben sich die beiden jungen Frauen in eines der gefährlichsten Länder der Welt begeben, in dem es in den vergangenen Jahren mehrfach Entführungen von Ausländern gab –darunter auch deutschen Staatsangehörigen? "Sie haben sich ihren Praktikumsort selber ausgewählt und wussten, dass es gefährlich ist", sagte ein Sprecher der Bibelschule in Lemgo. "Sie wollten ihre Erfahrungen in einem armen Land sammeln und Nächstenliebe weitergeben. Wir haben sie nicht davon abgehalten, weil wir dachten, dass es in dem Krankenhaus sicher ist."

Auch die Hilfsorganisation "Worldwide Services", die nach eigenen Angaben ehrenamtlich tätig ist, weist jede Verantwortung von sich. Die deutschen Frauen seien freiwillig in den Jemen gegangen, betont Paul Lieverse. Zwar sei vor Jahren schon einmal eine niederländische Familie entführt worden, die für die Organisation in demselben Krankenhaus gearbeitet habe. Die Leute seien jedoch bald wieder freigelassen worden. "Außerdem werden die Ausländer in dem Krankenhaus dringend gebraucht, etwa als Ärzte oder Schwestern. Ohne sie würde da nichts funktionieren." Ob seine Organisation weiterhin ausländische Helfer in den Jemen schicken wird, will Lieverse noch nicht entscheiden. "Es geht erstmal darum, die anderen Menschen zu retten."

Während von den sechs weiteren Entführten am Dienstag noch jede Spur fehlte, sind die sterblichen Überreste der drei getöteten Frauen am Dienstag per Hubschrauber in die jemenitische Hauptstadt Sanaa gebracht worden. Das berichteten Augenzeugen am Flughafen. Die Leichname der zwei deutschen Pflegehelferinnen und der koreanischen Lehrerin sollten nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums zunächst zur Autopsie gebracht und dann in ihre Heimatländer übergeführt werden.