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Nach 64 Jahren: Wie Italiens Polizei mit einem Tweet das Rätsel um einen verschollenen Skifahrer löste

64 Jahre lang blieb Henri Le Manse spurlos verschwunden. Familie und Ermittler tappten im Dunkeln. Einzige Gewissheit: Seine Gebeine mussten am Matterhorn liegen. Ein Aufruf der italienischen Polizei über Twitter brachte den Durchbruch.

Joseph Leonce Le Masne starb 1954 auf der italienischen Seite des Matterhorns

Joseph Leonce Le Masne starb 1954 auf der italienischen Seite des Matterhorns

DPA

Henri Le Manse war ein Mann im besten Alter. Mit 35 Jahren arbeitet er im französischen Finanzministerium, war finanziell bestens abgesichert und genoss das Leben eines Junggesellen. Seine Leidenschaft war das Skifahren, erzählt sein kleiner Bruder Roger. Er liebte die Einsamkeit in den Bergen. Beim Klettern und auf der Piste überkam ihn ein Gefühl der Freiheit. Um die Gefahren seines Hobbys scherte er sich nur wenig.

An seinem Geburtstag - dem 26. März 1954 - brach er zu einem Ausflug vom schweizer Matterhorn auf. Ziel war eine Berghütte in Cervinia. Doch dort kam er nie an. Sein jüngerer Bruder fahndete vergeblich nach ihm. Einen Monat lang suchte er das Areal zwischen Cervinia und Turin ab. Doch er fand nichts: Keine Ausrüstung, keinen Leichnam. Henri Le Manse blieb verschollen und das sollte auch die nächsten 64 Jahre so bleiben.

Italiens Polizei fand 2005 einen Toten am Matterhorn

Bis zum vergangenen Sonntag mussten sich seine Verwandten mit dieser Wahrheit abfinden. Denn dann konnten italienische Ermittler ihnen bestätigen: Ihr Bruder und Onkel lag bereits seit 2005 in den Kühlkammern der italienischen Polizei. Die hatte zunächst nur wenige Anhaltspunkte, wer der Tote war: Den Namen konnte sie nie ermitteln. Die Recherchen in den italienischen Vermisstenkarteien brachte nichts. In einem letzten Versuch teilten sie ihre Erkenntnisse Ende Juni auf Facebook mit. Ende Juli hatten sie Erfolg.

Era Henri le Masne, impiegato francese di Parigi scomparso sul Cervino nel 1954, lo sciatore il cui resti sono stati...

Gepostet von Chi l'ha visto? am Sonntag, 29. Juli 2018

Schon 2005 hatte die Polizei auf der italienischen Seite des Matterhorns auf 3100 Metern Höhe einen Leichnam entdeckt. Die Forensiker schätzen den Mann auf um die 30 Jahre, Körpergröße zwischen 165 und 175 Zentimeter. Seine vergleichsweise leichte Kleidung deutete auf ein Ableben im Frühjahr hin. Münzen im Portemonnaie ließen den Schluss zu, dass er in den 1950er Jahren starb. Seine Skier waren von der Marke Rossignol, die Stöcke aus Metall. Diese Ausrüstung war damals nicht für jedermann erschwinglich und nicht in Italien erhältlich, so der Befund. Zudem fanden die Ermittler eine Uhr, eine Brille sowie ein Hemd mit aufgestickten Initialen. Doch all dies half nicht weiter.

Letzte Gewissheit brachte der Gentest des Bruders

Ende Juni veröffentlichten die Ermittler ihre Erkenntnisse samt Bilder der Skier, der Schuhe und des Hemdes auf Twitter und Facebook. Der Appell an die Leser: Informationen über den Toten den Behörden mitzuteilen und die Suche speziell in Frankreich und der Schweiz publik zu machen. Italienische Medien sprangen auf das Thema an und wenig später auch Radiosender in Frankreich.

Die Französin Emma Nassem meldete sich, nachdem sie von der unidentifizierten Leiche gehört hatte. Ihr Onkel, Henri Le Masne, sei im Frühjahr 1954 auf dem Matterhorn verschwunden. Le Masnes jüngerer Bruder Roger schrieb daraufhin den italienischen Behörden und schilderte ihnen die näheren Umstände des Verschwindens.

Auf einem Foto der Familie konnte die Polizei die Brille des noch unbekannten Toten wiedererkennen. Ein Gentest des 94-jährigen Roger räumte die letzten Zweifel aus: Der Tote war tatsächlich Henri Joseph Leonce Le Masne, geboren 1919 in Alençon. Sein Leichnam soll nun nach Paris überführt werden.

tkr