Katastrophe in China Erdbeben und politische Beben


Es scheinen zwei Welten zu sein: Hier die weltabgewandten Herrscher in Myanmar, die Katastrophenhelfer nur zögernd ins Land lassen, dort die zupackende chinesische Führung und ihre Medien, die die Hilfe für Erdbebenopfer zur Aufgabe Nummer Eins machen. Doch auch in Peking geht es um die Macht.
Von Adrian Geiges

Chinas Premier Wen Jiabao fliegt sofort ins Krisengebiet, klettert mit Schutzhelm durch Trümmer von Schulen und Krankenhäusern und ruft durchs Megafon: "Es kommt auf jede Sekunde an, wir müssen alles tun, um die Überlebenden zu retten." Chinesische Fernsehkanäle berichten ununterbrochen. Ist das ein neuer Ton aus Peking?

Auch schon bei vorherigen Katastrophen hat die Kommunistische Partei versucht, sich als aktive Vorkämpferin gegen die Not zu präsentieren - etwa bei den schlimmen Schneestürmen in diesem Winter. Damals war gleich das gesamte Politbüro unterwegs und packte vor Ort mit an, was das Fernsehen immer wieder zeigte. Die beste Figur machte auch damals schon Premier Wen. Chinesische Internetnutzer sorgen sich jetzt sogar um die Gesundheit des "alten Wen", wie er liebevoll genannt wird. Beliebt sind auch gemeinsame Benefizsongs chinesischer Schlagerstars, dem Modell "We are the world" folgend.

Nicht immer war die Volksrepublik so offen. Die Lungenkrankheit Sars wurde wochenlang verschwiegen, weil eine gleichzeitige wichtige Tagung des Volkskongresses nicht durch schlechte Nachrichten überlagert werden sollte. Dies hat nicht nur die Welt, sondern vor allem die Chinesen selbst empört. Die Führung hat daraus gelernt - auch deshalb, weil der Unmut für sie politisch gefährlich werden kann.

Auch in demokratischen Ländern schadet mieses Krisenmanagement der Regierung, wie man in New Orleans gesehen hat. Dort wirkt sich das vor allem bei den nächsten Wahlen aus. Eine Regierung wie die in China, die nicht durch Wahlen legitimiert ist, muss aber noch stärker befürchten, für alles verantwortlich gemacht zu werden, was im Land passiert - selbst wenn es die Schuld von Mutter Natur ist. Denn die Bürger sind so oft belogen worden, dass sie nichts mehr glauben.

So auch jetzt bei dem Erdbeben: Im chinesischen Internet kursiert die Nachricht, der Experte Chen Xuezhong von der Chinesischen Erdbebenbehörde habe dieses Beben schon vor sechs Jahren in einem wissenschaftlichen Artikel vorausgesagt. Es erscheint unwahrscheinlich, dass sich solche Naturkatastrophen so genau datieren lassen, sonst hätte auch der große Tsunami Weihnachten 2004 nicht 231.000 Menschen getötet. Weiter heißt es, Mitarbeiter der Erdbebenbehörde in Sichuan hätten von Erdbebenanzeichen gewusst, aber seien zum Schweigen verpflichtet worden, "um die Stabilität von Olympia zu garantieren". Auch das wurde von der Behörde natürlich sofort dementiert.

Aber solche Gerüchte setzen die Führung unter Druck, großen Einsatz zu zeigen. Denn Hunderttausende leben jetzt auf der Straße, weil sie Angst vor einem Nachbeben haben, und in ihren Häusern fließt kein Wasser, kein Gas und kein Strom. Verzweiflung kann sich da leicht in Zorn verwandeln und ein Erdbeben in ein politisches Beben.

So schreiben die chinesischen Zeitungen, das Erdbeben habe "den Dreischluchtendamm nicht beschädigt". Aber Chinesen fragen sich: Und umgekehrt? Der bekannte chinesische Umweltschützer und Geologe Yang Yong sagte gestern in einem Interview, Ökologen hätten schon vorher davor gewarnt, zu viel Industrie in dieser Gegend würde die geologische Struktur gefährden und zu Erdbeben führen: "Nun hat die Natur uns bestraft." Auch fragen Eltern nach der Bauqualität der Schulen, in denen ihre Kinder begraben wurden.

Aber nicht nur der Druck von innen hat zum schnellen und öffentlichen Handeln der Pekinger Führung beigetragen. Auch die Sorge um das Ansehen im Ausland spielt eine Rolle. Ein Argument für die Gegner eines Olympiaboykotts. Denn Regime, die vom Ausland isoliert werden (wie Kuba) oder sich selbst isolieren (wie Myanmar) handeln oft nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich völlig ungeniert.

Mitarbeit: Ellen Deng


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