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Klimawandel Extreme Hitze in den Städten wird für immer mehr Menschen immer häufiger zur ernsten Belastung

Eine Frau schützt sich notdürftig vor sengender Hitze im vergangenen Sommer in Moskau. Durch die globale Erwärmung sind gerade in Städten immer mehr Menschen zunehmend extremen Temperaturen ausgesetzt.
Eine Frau schützt sich notdürftig vor sengender Hitze im vergangenen Sommer in Moskau. Durch die globale Erwärmung sind gerade in Städten immer mehr Menschen zunehmend extremen Temperaturen ausgesetzt.
© Kyrill Kudrawtsew / AFP
Da kommen zwei Probleme zusammen: Klimawandel und Bevölkerungswachstum haben dazu geführt, dass weltweit immer mehr Menschen extremer Hitze ausgesetzt sind. Vor allem in den Städten wird die Situation zunehmend gefährlich.

Rund die Hälfte aller Menschen – also knapp vier Milliarden – leben in Städten. Bis 2050 werden es nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sogar zwei Drittel der Menschheit sein. Ohnehin wird erwartet, dass das Gros des künftigen Bevölkerungszuwachses auf die Städte fallen wird; in weniger entwickelten Regionen der Welt werden zudem wohl neue Städte entstehen. Das ist auch wegen der Klimakrise problematisch.

Wie eine jetzt veröffentlichte Langzeitstudie ergeben hat, sind dadurch immer mehr Menschen zunehmend extremer, gesundheits- und lebensgefährdender Hitze ausgesetzt. Denn über den versiegelten und verdichteten Flächen der Ballungsräume staut sich die Hitze ganz besonders.

"Milliarden Menschen in Tausenden von städtischen Siedlungen weltweit sind seit den 1980er Jahren einer zunehmenden Belastung ausgesetzt. Dies ist kein Problem der Zukunft. Vielmehr müssen Stadtbewohner, hauptsächlich in Afrika und Südasien, seit Jahrzehnten mit immer gefährlicherer Hitze umgehen und das Problem wird immer schlimmer", fasst Cascade Tuholske von der Columbia University die Untersuchungsergebnisse gegenüber der US-Nachrichtenseite "Axios" zusammen. Tuholske ist die Hauptautorin der Studie "Hitze-Exposition weltweiter Stadt-Bevölkerung". Das schiere Ausmaß der Hitze-Belastung in den Städten sei bei der Untersuchung besonders überraschend gewesen, so die Wissenschaftlerin.

Städte: Hitze-Belastung seit den 1980ern verdreifacht

Tuholske und ihre Kolleg:innen von insgesamt vier US-Universitäten hatten für ihre Studie über einen Zeitraum von 1983 bis 2016 die Situation in mehr als 13.000 Städten untersucht. Dabei setzten sie Temperatur- und Bevölkerungsdaten in Beziehung zueinander und maßen die durchschnittliche jährliche Zunahme der Hitzebelastung in Stadtgebieten anhand von Personentagen pro Jahr. Diese Personentage sollen angeben, wie viele Menschen unter Berücksichtigung von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Bevölkerung wie lange extreme Hitze erleben mussten.

Der Untersuchung zufolge stieg die Zahl dieser Personentage von 40 Milliarden im Jahr 1983 auf 119 Milliarden im Jahr 2016 sprunghaft an – eine Verdreifachung. 2016 hätten somit 23 Prozent der Weltbevölkerung – 1,7 Milliarden Menschen – extreme Hitze erleben müssen. Dabei definierten sie extreme Hitze ab einer Kühlgrenztemperatur des menschlichen Körpers von 30 Grad Celisus bei hoher Luftfeuchte. Ab 35 Grad Kühlgrenze wird es selbst für gesunde Menschen im Schatten lebensgefährlich.

Besonders drastisch sei die Hitzebelastung statistisch in Dhaka in Bangladesh angestiegen, heißt es in der Studie. Allein dort wurden im gut drei Jahrzehnte umfassenden Untersuchungszeitraum 575 Millionen Personentage extremer Hitze verzeichnet. Diese Zahl sei allerdings zum Großteil auf das Bevölkerungswachstum in dieser Zeit zurückzuführen, heißt es. Indem sie in der Hoffnung auf Arbeit und ein Auskommen in die Städte drängten, setzten sich die Menschen zunehmend extremen Hitze-Ereignissen aus. Dies gelte in besonderem Maße auch für Bagdad (Irak), Lagos (Nigeria) sowie Mumbai und Kolkata in Indien. 

Insgesamt sei durch die Untersuchung deutlich geworden, dass das Problem extremer Hitzebelastungen vor allem in den Tropen und Gebieten mit stark wachsender Bevölkerung wie dem Nahen Osten, dem Sub-Sahara-Afrika und Südasien bisher stark unterschätzt worden sei.

Klimawandel heizt die Städte gefährlich auf

Dass der Klimawandel für die Betonwüsten moderner Städte eine große Herausforderung bedeutet, ist keine neue Erkenntnis. Längst beschäftigt man sich in zahlreichen Metropolen wie London, Kopenhagen, Helsinki oder Wien mit Konzepten, wie der drohenden Aufheizung der Städte begegnet werden kann. Dazu gehören vor allem Dachbegrünungen, das Pflanzen von Bäumen, aber auch städteplanerische Maßnahmen. Statt immer größerer Straßen müssten sich künftig mehr Grünflächen durch die Städte ziehen, um die drohende Überhitzung zumindest einzudämmen. 

Generell müsse die Versiegelung von Flächen aufhören beziehungsweise wieder zurückgefahren werden. Cascade Tuholske ist zuversichtlich, dass die Erkenntnisse aus ihrer neuen Studie Städteplanern vor Augen führen, dass die Metropolen keine Zeit mehr verlieren dürfen, wollen sie der Gefahr vorbeugen, in Teilen womöglich gar unbewohnbar zu werden.

"Wir wissen, dass Hitze tötet", zitiert "Axios" Jeremy Hoffman, einen Klimaforscher am Science Museum of Virginia, der an der Studie nicht beteiligt war. In den USA ist sie laut dem Bericht des Nachrichtenportals schon jetzt die häufigste wetterbedingte Todesursache. Auch in Deutschland fordern starke Hitzewellen meist Tausende Hitzetote – am meisten 2003, als es 7600 hitzebedingte Todesfälle gab – und auch hier treten extreme Hitze-Ereignisse seit der Jahrtausendwende gehäuft auf. Laut Hoffman verstärken sich in aufgeheizten Städten aber auch die Folgen sozialer Isolation, chronischer Krankheiten und fortgeschrittenen Alters unverhältnismäßig stark. 

Die Studie von Tuholske und Kolleg:innen steht keineswegs für sich allein. Erst Mitte September hatte eine Analyse der britischen TV-Anstalt BBC ergeben, dass sich die Zahl der Tage mit 50 Grad Hitze und mehr im Jahr ebenfalls seit den 1980er-Jahren fast verdoppelt habe. Der Sender zitierte dabei auch eine Studie der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey, nach der im Jahr 2100 etwa 1,2 Milliarden Menschen Hitzestress ausgesetzt seien, sollte die globale Erwärmung nicht abgebremst werden können. Nach den jüngsten Erkenntnissen scheint diese Einschätzung sogar noch zu optimistisch gewesen zu sein.

Quellen: PNAS"Axios"Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Ärzteblatt; Nachrichtenagentur DPA


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