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Kölner Stadtarchiv: Vermisste bisher nicht gefunden

Die Bergungsarbeiten in Köln gestalten sich weiterhin schwierig: Spezialisten aus Japan und den USA konnten nicht helfen. Unterdessen wurde bekannt, dass ein Gutachten bereits 2004 "Hohlraumbildungen" auf Grund der Tunnelarbeiten feststellte.

An der Stelle, wo sich am Dienstag in der Kölner Innenstadt die Erde auftat und einen ganzen Häuserkomplex verschlang, graben Helfer seit Freitag nach zwei Menschen. Es wird so nicht offen ausgesprochen, aber es ist wohl eine Suche nach zwei Toten. Dort unten kann man nicht tagelang überleben.

"Wir haben im Moment keinerlei Hinweise, wo die Personen sich aufhalten könnten", sagte Feuerwehrdirektor Stephan Neuhoff. Zwar schlug einmal ein Leichenhund an, aber an der Stelle wurde nichts gefunden.

Den "Krater" oder den "Trümmerkegel" nennen sie dieses Loch an der Severinstraße, das bis oben hin mit Steinen, Geröll, Brettern und anderen Bestandteilen einer ehemals wohlgeordneten Welt gefüllt ist. Vor einer Woche stand hier noch alles: das Archiv, in dem jede Urkunde der Stadtgeschichte ihren Platz hatte, und die beiden Nachbarhäuser mit den Dachgeschoss-Wohnungen von Khalil (23) und Kevin (17). Khalil, ein Designstudent, hatte sich an diesem Tag krankgemeldet und war vermutlich ins Bett gegangen, um sich auszukurieren. Kevin wollte nach einer anstrengenden Schicht in der Bäckerei ausschlafen. Für sie kam jede Warnung zu spät.

Zwei mögliche Ursachen

Die Staatsanwaltschaft hat offenbar noch keine eindeutige Erklärung für den Einsturz des Historischen Kölner Stadtarchivs. Die Ermittlungen konzentrieren sich laut "Focus" auf zwei mögliche Ursachen. In Frage komme zum einen das Wegbrechen der einen Meter dicken Betonwand, die das Grundwasser von der Baugrube abhalten sollte. "Möglicherweise ist die Wand fehlerhaft montiert worden und hat dem Druck nachgegeben oder ist schlicht eingedrückt worden", wird ein Beamter zitiert. Die zweite Theorie geht davon aus, dass Wasser durch den unbefestigten Boden eingedrungen wäre. "Vieles spricht in dem Fall für einen hydraulischen Grundbruch", sagte der Prüfingenieur für Baustatik beim Leipziger U-Bahn-Projekt, Harald Baumgarten. Bei diesem Effekt würden die Trennwände das Grundwasser umlenken, so dass es die Wände herunter fließe und den Boden der Grube abrupt anhebe. "Wasser und Erdreich sprudeln wie in einem Vulkan nach oben", berichtete der "Focus".

"Der Spiegel" veröffentlichte Passagen eines Gutachtens des Wülfrather Ingenieurbüros Zorn vom Oktober 2004. Zuvor hatte sich der Kirchturm der Gemeinde St. Johann Baptist in der Kölner Südstadt plötzlich um 77 Zentimeter geneigt. Die Gutachter sahen dem Bericht zufolge "vermeidbare Auflockerungen und Hohlraumbildungen" bei den Tunnel-Arbeiten.

Der KVB-Vorstandssprecher Jürgen Fenske sagte dazu, das zitierte Gutachten habe immerhin dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft ihr Ermittlungsverfahren damals eingestellt habe. Im übrigen könne er zu einzelnen Vorwürfen nicht Stellung nehmen, da dies alles Gegenstand von Ermittlungen sei. Laut "Spiegel" wollen die Staatsanwälte das Gutachten noch einmal auswerten.

"Übertriebene Gefahrenvorsorge"

Immer wieder greift der Bagger am Samstag in den Krater und holt eine neue Schaufelladung Schutt heraus, durchsetzt mit Akten aus der Bismarck-Zeit. Spürhunde werden eingesetzt, die manchmal bellen. "Die Tiere schlagen jedoch bei allem an, was nach Mensch riecht", erklärt ein Feuerwehrsprecher. Auch bei Kleidungsstücken oder Kissen. Stunde um Stunde vergeht, es wird Morgen, es wird Mittag. Zumindest endlich mal ein Tag mit Sonne statt mit Regen. Der Boden ist jetzt nicht mehr so glitschig.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis man auf Kevin und Khalil stößt? "Holt sie endlich hier raus!" lautet eine Schlagzeile am Zeitungsstand. Die Ungeduld wächst, es geht alles sehr langsam. Auswärtige Experten melden sich zu Wort und kritisieren "übertriebene Gefahrenvorsorge". Die Retter hätten zu lange gezaudert.

Feuerwehrsprecher Daniel Leupold bleibt ganz ruhig, wenn man ihn darauf anspricht. "Ich versichere Ihnen, der Weg, den wir gehen, ist der einzig gangbare", sagt er. "Man hat da immer diese Bilder aus Erdbebengebieten in Entwicklungsländern vor Augen mit irgendwelchen Laien, die in den Trümmern buddeln. Das ist unverantwortlich." An der Kölner Unglücksstelle waren mehrere Hausruinen vom Einsturz bedroht - sie mussten erst abgerissen werden, sagt Leupold.

Auch das Bergen von Archivgut ging am Samstag weiter. René Böll sagte dem "Kölner Stadt-Anzeiger", er erlebe es als "Katastrophe", dass bei dem Einsturz ein großer Teil des Nachlasses seines Vaters Heinrich Böll (1917-1985) verschüttet worden sei. Dabei geht es unter anderem um persönliche Dokumente wie Fotos, Bilder, Manuskripte und Briefe sowie die Nobelpreisurkunde des Schriftstellers. "Das ist ein unwiederbringlicher Verlust, zumal es von vielen Archivalien keine Kopien gibt", sagte Böll. Erst vor drei Wochen hatte er den Restnachlass dem Historischen Archiv übergeben: "Dort glaubten wir sie nun am sichersten Ort überhaupt aufgehoben."

Die Witwe des Foto-Sammlers L. Fritz Gruber (1908-2005), Renate Gruber, empfindet den Verlust des Nachlasses nach eigenen Worten "fast wie einen zweiten Tod". Es handele sich um 20 Regalmeter an Aufnahmen und Manuskripten, die nun unter den Trümmern begraben seien.

DPA/AP / AP / DPA