VG-Wort Pixel

Ungewisse Zukunft nach Brand Überlebende Schimpansen in Krefeld - Zoo wehrt sich gegen "Besenkammer"-Vorwurf

Schimpansen-Weibchen Bally erholt sich im Krefelder Zoo von den Folgen des Brandes in der Silvesternacht. Doch ihre Zukunft ist ungewiss
Schimpansen-Weibchen Bally erholt sich im Krefelder Zoo von den Folgen des Brandes in der Silvesternacht. Doch ihre Zukunft ist ungewiss
© dpa-Bildfunk / DPA
Zwei Schimpansen überlebten das Feuer in der Silvesternacht im Krefelder Zoo. Seit Monaten warten sie auf ein neues Zuhause – in einem abgetrennten Raum. Die Kritik an der Haltung der Tiere wächst.

Wer an den Brand im Affentropenhaus an Silvester im Krefelder Zoo denkt, dem kommt die Trauer von damals in den Sinn. Mehr als 50 Tiere starben in den Flammen, die durch eine in Deutschland verbotene Himmelslaterne entfacht wurden. Beinahe in Vergessenheit geraten sind die Überlebenden des Infernos: zwei Schimpansen warten bis heute auf eine neue Zukunft. Was wird aus Limbo, einem 27-jährigen Männchen, und dem 47-jährigen Weibchen Bally? Der Krefelder Zoo möchte die beiden Tiere voraussichtlich nicht behalten und sucht für sie ein neues Zuhause.

Lange war es still um die Schimpansen. Doch inzwischen wächst die Kritik von Tierschützern an der Situation der zwei Überlebenden des Brandes: Die Unterbringung der Tiere sei nicht artgerecht und es sei ungewiss, ob der Zoo ein gutes Zuhause für sie finden kann. Und werden die beiden Affen gemeinsam vermittelt? Am übernächsten Samstag (18. Juli) planen Tierschützer nach stern-Informationen sogar eine Demonstration vor dem Krefelder Zoo, um auf das Schicksal der Schimpansen aufmerksam zu machen.

Limbo und Bally verschwanden auch aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit, weil sie buchstäblich seit Monaten nicht mehr zu sehen sind. Zwar informierte der Zoo immer wieder über ihre Genesung, aber Besucher konnten nicht zu ihnen, die Tiere leben in einem abgeschirmten Bereich des Krefelder Zoos ohne Zugang ins Freie. Der Tierpark richtete für die beiden Tiere zwei Schlafboxen ein, die durch einen Raum miteinander verbunden sind. Eine vorübergehende Lösung, wie der Zoo versichert.

Schimpansen im Krefelder Zoo leben seit Monaten in einem Provisorium

Die Kritik der Tierschützer entzündet sich daran, dass dieses Provisorium nun schon mehr als ein halbes Jahr andauert. Als eine "Besenkammer" bezeichnet der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Colin Goldner das aktuelle Heim der Tiere. Goldner setzt sich weltweit für den Schutz von Menschenaffen ein und wurde unter anderem bekannt durch sein Buch "Lebenslänglich hinter Gittern", das sich gegen die Zoo-Haltung von Wildtieren richtet.

Würde kein neues Zuhause für die beiden Schimpansen gefunden, "werden sie weiter und auf unabsehbare Zeit in dem fensterlosen Absperrraum des Krefelder Zoos herumsitzen müssen, was nicht zuletzt einen eklatanten Verstoß gegen das Tierschutzgesetz bedeuten würde", sagte Goldner dem stern. Da er wegen seiner Kritik an der Zoohaltung eine "Persona non grata" in Tiergärten sei, habe er sich zwar persönlich kein Bild machen können. Durch Recherchen auch über Personen, die mit der Situation vertraut seien, wisse er aber detailliert über die Lage der zwei Schimpansen Bescheid.

Waren die Schimpansen seit Monaten aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit verschwunden, bemüht sich der Zoo aktuell wieder um mehr Transparenz: Seit ein paar Tagen streamt eine Kamera aus dem Schimpansen-"Wohnzimmer". Zoobesucher können über einen Bildschirm ins Innere des Raumes sehen, in dem die Tiere sich aufhalten und herumklettern können. Nur die Schlafboxen, die sich anschließen, sind nicht einsehbar. Auch Schimpansen brauchen Privatsphäre.

Zoodirektor will den Vorwurf der "Besenkammer"-Haltung nicht gelten lassen

In der lokalen Presse und gegenüber dem stern wehrt sich Zoodirektor Wolfgang Dreßen vehement gegen den "Besenkammer"-Vorwurf. Das Wort sei eine "Frechheit und zeugt von polemischer Argumentation". Die Tiere lebten in zwei Schlafboxen, die jeweils drei Meter lang, drei Meter hoch und 2,50 Meter breit seien. Und das Raumgehege sei mehr als fünf Meter lang, fünf Meter breit und vier Meter hoch, betont der Chef des Krefelder Zoos. Und wer sich Bilder des Videostreams anschaut, sieht, dass der Raum tagsüber hell ist. Dafür sorgt laut Tierschützer Goldner eine transparente Decke.

Allerdings gesteht Zoodirektor Dreßen ein, dass die Unterbringung der beiden Affen nicht den deutschen Mindeststandards gemäß Säugetiergutachten von 2014 entspreche. Aber schließlich wohnten sie ja nur vorübergehend dort – und dazu noch in ihrer gewohnten Umgebung mit ihren Pflegern. Dies sei "von gewaltigem Vorteil für den psychischen Genesungsprozess der beiden". Durch den Brand hatten die zwei Schimpansen Verbrennungen erlitten, die inzwischen verheilt sind. Der Zoo betont immer wieder, dass die Tiere auch den seelischen Schaden behutsam überwinden müssten – dies brauche seine Zeit.

Eine Organisation in Wales wollte die Tiere bei sich aufnehmen

Steht also noch die schwierigste Aufgabe an, ein neues Zuhause für die beiden zu finden. Vergangene Woche sah es so aus, als könne dies gelingen – und zwar in Großbritannien: So hatte das "Wales Ape & Monkey Sanctuary" angeboten, die zwei Primaten aus Deutschland aufzunehmen, eine private Organisation, die sich mit der Aufnahme von Affen aller Art inzwischen weltweit einen Namen gemacht hat und sich auf dem weitläufigen Areal einer ehemaligen Schaffarm befindet. Gründerin Jan Garen sagte dem stern: "Wir bieten den Affen ein glückliches, lebenslanges Zuhause" an. Doch Ende vergangener Woche kam die Absage aus Krefeld: Man sei dankbar für das freundliche Angebot, könne es aber nicht annehmen. Die Weitergabe der Tiere werde anders organisiert. Hintergrund der Absage sei, dass die fachliche Kompetenz der Einrichtung nicht bekannt sei, wie ein Sprecher des Krefelder Zoos dem stern erklärte.

Die Briten sind enttäuscht und hoffen, dass es für Bally und Limbo bald doch noch ein Happy End gibt. Und Tierschützer werden den Fall der beiden Schimpansen aus dem Krefelder Zoo weiterhin genau beobachten.

Quellen: "Wales Online", "Berliner Morgenpost", "Westdeutsche Zeitung", "RP-Online", "RP-Online"


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker