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Meinung

Trauer um Tiere: Inferno im Krefelder Zoo – warum bewegt uns der Tod der Affen so sehr?

Nach der Brandkatastrophe im Krefelder Zoo ist die Anteilnahme groß. Fotocollagen von Silberrücken Massa und Briefe schmücken den Eingang. Warum empfinden wir so große Trauer nach dem Tod der Tiere im Affengehege? Ein Erklärungsversuch.

"Wir werden euch vermissen!" steht auf einem Zettel vor dem Krefelder Zoo, in dem 30 Affen bei einem Brand starben

Dass eingesperrte Tiere in Deutschland qualvoll verbrennen, ist nicht extrem selten. Manchmal sind es ein paar Dutzend Rinder, mal aber auch gleich Tausende Schweine oder Puten, die elendig im Feuer verenden, wenn irgendwo eine Scheune oder eine Zuchtanlage in Brand gerät. Wer beispielsweise die Wörter "Scheune", "Brand" und "Schweine" googelt, bekommt eine ganze Auswahl an Artikeln zu dem Thema aus den vergangenen Jahren.

In der Regel beklagen nach solch einem Brand ein paar Tierschützer wütend die Zustände in der Massentierhaltung, meist wird noch der Schaden vorgerechnet, den der Halter der Tiere erlitten hat – große Anteilnahme in der Bevölkerung bleibt aber in den meisten dieser Fälle aus. Tausende Lebewesen sterben qualvoll in einem brennenden Gebäude? Wirklich emotional erreichen kann eine solche Nachricht die Menschen nur noch selten.

Das Orang-Utan Baby "Suria" klammert sich im Zoo in Krefeld an seine Mutter "Lea"

Das Orang-Utan Baby "Suria" klammert sich im Zoo in Krefeld an seine Mutter "Lea". Beide Tiere starben bei dem Inferno im Krefelder Zoo in der Neujahrsnacht

Das ist dieses Mal anders: Bei dem Inferno in der Silvesternacht im Krefelder Zoo wurden – so könnte man zynisch sagen — "nur" etwa 30 Tiere getötet, darunter mehrere Menschenaffen. Aber in diesem Fall ist die Anteilnahme riesig. Seit dem Neujahrstag erinnert ein Meer aus Kerzen, Stofftieren und persönlichen Worten auf Pappschildern beim Krefelder Zoo an die Tiere, die im Affenhaus des Tierparks so elendig verbrannten. Menschen weinen vor dem Zoo. Der Zoodirektor spricht im WDR-2-Interview davon, dass nach dem Brand die Trauerverarbeitung im Vordergrund stehe, und bis Donnerstagmittag kamen mehr als 4000 Geldspenden in dem Tierpark an.

Auch im Netz viel Anteilnahme mit dem Krefelder Zoo

Auf Twitter verliehen Menschen ihrem Mitgefühl Ausdruck – ebenso wie der Wut darüber, dass dieser Brand offenbar durch Himmelslaternen ausgelöst wurde, also durch eine Kleinigkeit, die zur großen Katastrophe wurde. Am Arbeitsplatz und privat in den Familien ist der Brand im Affenhaus ein Thema, das uns bewegt.

Aber warum trauern wir, wenn einige Affen verbrennen? Warum ist das Mitgefühl hier so groß? Größer als bei anderen getöteten Tieren – und teilweise sogar größer als mit Menschen, von deren Schicksalen wir beinahe täglich in den Nachrichten hören? Menschen, die bei Unfällen, Unglücken oder in Kriegen umkommen. Ist es nicht zynisch, um ein paar Affen zu trauern – aber nur wenig zu empfinden, wenn irgendwo in der Welt ein Flugzeug in eine Mauer kracht oder ein Boot mit Migranten sinkt und dabei Dutzende Menschen sterben?

Der Unterschied liegt vermutlich in dem Grad der Abstraktion – oder umgekehrt: darin, wie detailliert wir uns solch ein Unglück vorstellen können und mit diejenigen mitfühlen, die dabei hilflos starben.

Beinahe jeder dürfte ein Bild im Kopf haben, wenn er an Menschenaffen denkt. Diese Tiere sind dem Menschen recht ähnlich. Fotos von Orang-Utan-Müttern mit ihren Kindern erinnern uns an Menschenmütter. Zudem haben wir alle einmal einen Zoo besucht, meistens mit unseren Familien, haben also persönliche Erinnerungen, eine Art der Beziehung – das löst Emotionen aus. Und vielleicht macht es uns auch wütend, wenn wir daran denken, dass der Tod der Tiere im Krefelder Zoo vollkommen sinnlos war – er wurde vermutlich durch ein Silvesterritual ausgelöst, das niemand braucht und niemand vermissen würde. Verboten ist es zudem ohnehin.

Menschen haben Mitgefühl — nicht nur mit Menschen

Mitgefühl ist eine wunderbare menschliche Eigenschaft. Wunderbar vor allem auch deswegen, weil wir sie — und das zeigt der Fall des Krefelder Zoos — auch für andere Lebewesen aufbringen können. Insofern ist es völlig normal, dass wir so viel Mitgefühl mit den Affen des Krefelder Zoos empfinden. Dass wir umgekehrt oft mit Kriegs- oder Unfallopfern weniger mitleiden, liegt wohl nicht daran, dass wir völlig abgestumpft sind, sondern daran, dass solche Nachrichten uns meist in einer distanzierten, sterilen Sprache erreichen. Sie sind traurigerweise zum wiederkehrenden Bestandteil vieler Nachrichten geworden. Emotionen haben dabei nur wenige Anknüpfungspunkte.

Sobald aber Einzelschicksale in den Vordergrund rücken, empfinden viele Menschen großes Mitgefühl. So war es beispielsweise im Falle des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, dessen Bild 2015 um die Welt ging und große Anteilnahme auslöste. Dieses Foto löste vermutlich mehr Emotionen aus als alle Fernsehbilder von zerstörten syrischen Städten zuvor.

Jetzt trauern wir um die Affen und die anderen verbrannten Tiere im Krefelder Zoo. Das ist nicht seltsam – es ist sehr menschlich.