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Loveparade-Tragödie in Duisburg: Nicht Schuld, sondern Verantwortung

Eine Tragödie - und keiner will's gewesen sein. In Duisburg muss endlich jemand Verantwortung für die Loveparade-Katastrophe übernehmen - unabhängig von der juristischen Klärung der Schuldfrage.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Die Katastrophe ereignete sich in Duisburg, mitten in Deutschland, in dem bestens organisierten Land mit all seinen tausend Gremien, Richtlinien, Bestimmungen, mit seinen Unter-, Ober- und Nebenbehörden und Aufsichtsämtern. 20 Menschen starben, weil Zigtausende Menschen in einen Tunnel gefüllt, zu einer Masse zusammengepfercht wurden, aus der es kein Entrinnen mehr gab. Das ist der Tragödie erster Teil.

Der Tragödie zweiter Teil ist, dass es keiner gewesen sein will. In diesem Land mit all seinen Politikern, seinen Zuständigkeiten und seinen Hierarchien stellt sich niemand hin und sagt: Ich stehe dafür ein. Der Veranstalter nicht. Der Bürgermeister nicht. Die Genehmigungsbehörden nicht. Die Polizei nicht. Seit Sonntag beobachten wir eine Farce.

Denn seit Sonntag schieben sich die mutmaßlich Verantwortlichen auf groteske Weise den Schwarzen Peter gegenseitig zu - stets mit dem Verweis auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, die Licht ins Dunkel bringen sollen. Irgendwann. In Monaten. Bei allem Verständnis für die schockierenden Umstände des Unglücks, die kurze Frist zwischen Tragödie und Auftritt, die Vorsicht angesichts drohender juristischer Konsequenzen: Allein die Pressekonferenz am Sonntagmittag war ein erschütterndes Zeugnis billiger Verantwortungslosigkeit, ein Affront gegenüber den Opfern und ihren Familien. "Rette sich, wer kann", schien das Motto zu lauten. Das kann nicht sein.

Gefragt ist Bürgermeister Adolf Sauerland

Bei genauer Betrachtung schieben die Verantwortlichen die Frage der Schuld vor, um sich vor der Frage der Verantwortung zu drücken. Dabei geht es eigentlich nicht darum, wer jetzt genau was bei der Organisation der Loveparade falsch gemacht hat. Das sollen tatsächlich die Ermittler in Ruhe klären. Es geht viel eher um Verantwortung, also um die Frage, wer stellvertretend für alle Fehler, die gemacht worden sind, sagen muss: Ich halte den Kopf hin. Gefragt ist dabei in erster Linie Adolf Sauerland, der Bürgermeister. Der CDU-Politiker müsste sagen: Ich bin der Stellvertreter der Stadt Duisburg und ihrer Behörden. Ich bin derjenige, der die Loveparade in Duisburg haben wollte. Und ich bin auch derjenige, der nun für die Katastrophe einstehen und Konsequenzen ziehen muss - unabhängig davon, was die Staatsanwaltschaft am Ende herausfindet.

Man muss Sauerland, dem CDU-Mann, zugestehen, dass er am Sonntag, als er in der Pressekonferenz auftrat, noch unter dem schockierenden Eindruck der Ereignisse gestanden haben mag - auch wenn es frappierend erscheint, dass ein Stadtoberhaupt in so einer Situation behauptet, er sei in die Planung des Ereignisses nicht persönlich einbezogen gewesen und sich so von der Arbeit seiner Behörden distanziert. In besonders schlechtem Licht erscheinen diese Sätze zudem jetzt, nachdem bekannt geworden ist, wie sehr sich Sauerland für die Loveparade eingesetzt hat, wie sehr er sich darum bemüht hat, dass seine Stadt, dass Duisburg, im Lichte dieser Großveranstaltung glänzt.

Am Montag dann veröffentlichte Sauerland einen "offenen Brief", eine Art persönliche Erklärung. Darin schrieb er, dass er sich der persönlichen Verantwortung stellen werde, aber erst, wenn die "vielen Puzzleteile" der Katastrophe zu einem Gesamtbild zusammengefügt worden seien. "Die Frage, ob wir uns etwas vorzuwerfen haben, beschäftigt mich ganz persönlich, lässt mich nicht ruhen […] Wenn sich die Stadt etwas vorzuwerfen hat", so Sauerland, "dann werden wir Verantwortung übernehmen." Einen sofortigen Rücktritt aber schloss er aus.

Auch dieser Brief zeugte davon, dass Sauerland noch nicht verstanden hat, dass er, ganz persönlich, schon jetzt für die Tragödie die politische Verantwortung übernehmen muss, dass das Teil seines Jobs ist, unabhängig davon, was er für die Stadt geleistet hat. Je früher sich Sauerland dieser Verantwortung stellt, desto besser. Das ist vor allem eine Frage der politischen Kultur. Alles andere ist, wie eine Traumatherapeutin treffend formulierte, ein Faustschlag ins Gesicht der Hinterbliebenen.