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Pressestimmen

Münster und die Hetze: "Erbärmliche mediale Agitation dieser AfD-Funktionärin von Storch inmitten der Tragödie"

Auch zwei Tage danach steht Münster noch unter dem Eindruck der Amokfahrt mit mindestens drei Toten. Die Kommentatoren deutscher Zeitungen üben scharfe Kritik am Umgang mit dem Vorfall in den sozialen Medien, vor allem an dem von AfD-Politikerin Beatrix von Storch.

Reaktionen auf AFD-Hetze: "Es gibt Menschen, die sind nicht integrierbar - Storch gehört dazu"

Nach der Amokfahrt mit insgesamt mindestens drei Toten in Münster verstärken sich die Hinweise auf einen psychisch gestörten Einzeltäter. "Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Täter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen", sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) im Deutschlandfunk. Es würden zwar nach wie vor auch mögliche andere Hintergründe geprüft. "Aber es spricht schon sehr, sehr viel dafür, dass es ein Einzeltäter war." Der 48 Jahre alte Amokfahrer sei bereits auffällig gewesen und der Polizei bekannt, weil er kleinere Straftaten begangen habe. Auch wusste die Gesundheitsbehörde vom angeschlagenen Zustand des Mannes, der diesen laut Polizei auch in einem Schreiben an Bekannte beschrieben hat.

+++ Lesen Sie hier im stern die Zusammenfassung der Ereignisse in Münster: "Amokfahrer verschickte Lebensbeichte an Bekannte und Nachbarn" +++

Schon kurz nach der Amokfahrt und damit weit vor den ersten Ermittlungsergebnissen begannen in den sozialen Netzwerken die Schuldzuweisungen. Allen voran aus dem Umfeld der AfD wurde die Tat des mutmaßlich psychisch kranken Jens D. islamistischen Terroristen zugeordnet - das beherrschende Thema in den Kommentarspalten deutscher Zeitungen:

"Erbärmliche mediale Agitation von Storchs"

"Westfälische Nachrichten" (Münster): "Tiefe Trauer, beharrliche Fassungslosigkeit, diese innere Wut über die Sinnlosigkeit des entsetzlichen Verbrechens: Die Menschen Münsters und des Münsterlandes stehen noch immer unter Schock. (...) Bei aller Betroffenheit bleibt Raum für Bewunderung: Die Professionalität der Arbeit von Polizei und Rettungskräften und die spontane Hilfsbereitschaft unzähliger Hände beeindrucken ebenso wie die vielen Gesten der Anteilnahme. Der deutschlandweit übertragene Dom-Gottesdienst gibt der Trauer und dem Aufgewühltsein  der Menschen Raum, abends versammeln sich Tausende zum gemeinsamen Gebet. Münster steht zusammen, solidarisch, gelassen, bewegend - ja bewundernswert. Und welch ein wohltuender Kontrast zur erbärmlichen medialen Agitation dieser AfD-Funktionärin Beatrix von Storch inmitten der menschlichen Tragödie."

"Welt" (Berlin): "Obwohl sich bald herausstellte, dass Münster kein islamistischer Anschlag war, wusste doch jeder um die Chance, dass es einer hätte sein können. Denn die Bedrohungslage hat sich ja kaum verändert - wie der vereitelte Anschlag von Sympathisanten Anis Amris auf den Berliner Halbmarathon am Sonntag bestätigte. In Frankreich endete im vergangenen November zwar der sechsmal verlängerte, insgesamt zweijährige Ausnahmezustand, zugleich aber trat ein neues Anti-Terror-Gesetz in Kraft. In Deutschland hat sich die Zahl der Salafisten innerhalb von fünf Jahren auf 11.000 verdoppelt. Das Bundeskriminalamt stuft hierzulande 760 Personen als Gefährder ein, denen man einen Terrorakt zutraut. Und die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass die Szene weiter wächst."

Münster zeigt: keine einhundertprozentige Sicherheit

"Volksstimme" (Magdeburg): "Hast und Hetze - das sind die Flüche des Internets, wenn es irgendwo zu einer Katastrophe wie in Münster kommt. So waren auf den diversen Kanälen Minuten nach den ersten Nachrichten aus Westfalen für viele die Ermittlungen abgeschlossen: Das waren Islamisten, niemand schützt Deutschland vor Terror und überhaupt ist die Merkel schuld. Das alles wohlgemerkt bar jeder Kenntnis über Einzelheiten des Geschehens und gern anonym. So entsteht ein Gebräu aus Gerüchten und Vorurteilen, dem Polizei und Behörden entgegenwirken müssen. Antworten diese mit Aufrufen zur Besonnenheit, wird dies als Vertuschung gewertet. Falsch, die Ermittler in Münster haben die Panikmacher mit solider Arbeit widerlegt."

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): "Vorschnelle Schuldzuweisungen verbieten sich auch jetzt. Allerdings wurde nun in Münster die traurige Erkenntnis bestätigt, dass es einhundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Offene, demokratische Gesellschaften lassen ihren Bürgern viele Freiheiten. Freilich können diese Freiheiten auch von islamistischen Terroristen, unverbesserlichen Verfassungsfeinden, eiskalten Rechts- wie Linksextremisten, durchgeknallten Reichsbürgern, anderen Kriminellen oder Psychopathen missbraucht werden. Sicherheit und Freiheit stehen in einem engen, wechselvollen Spannungsverhältnis zueinander. Die Sicherheitsmaßnahmen des Staates müssen da enden, wo sie die Freiheit der Bürger unverhältnismäßig einschränken. Doch die Frage, was in jedem einzelnen Fall verhältnismäßig und angemessen ist, ist gerade die Crux."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "In den sozialen Netzwerken wurde weniger spekuliert als in München. Es wurde auch weniger gehetzt. Hingegen folgten binnen Minuten rund 300 Menschen einem Aufruf zum Blutspenden - viel mehr, als die Uni-Klinik bewältigen konnte. Die Polizei informierte professionell. Das alles hat mit kollektiven Lernprozessen zu tun. Anschläge und Amoktaten finden in Zeiten von Twitter ja unter Live-Bedingungen statt. Dabei gehen Informationen, Emotionen und affektiver Meinungskampf ineinander über. Gefragt ist die Kunst der Beherrschung - auch der Selbstbeherrschung. Und zwar bei allen Beteiligten."

"Nürnberger Nachrichten": "Ein Auto ist in der Innenstadt von Münster in eine Menschenmenge gefahren. Es hat Tote und Verletzte gegeben. Der Fahrer soll sich noch im Wagen selbst gerichtet haben. Mehr wusste man kurz nach der Tat (...) zunächst nicht. (...) Und wenn ein Redakteur den Mumm hatte, angesichts der dürftigen Faktenlage von einem 'Vorfall' in Münster zu sprechen, schwappten durchs Internet prompt die üblichen Empörungswellen und es wurde beklagt, die Medien versuchten schon wieder, den islamistischen Terror herunterzuspielen. Wir alle sollten wissen: Wenn die zersetzende Wirkung des Terrors schon einsetzt, ohne dass Terroristen aktiv werden müssen, dann hat der Terror endgültig gesiegt."

"Stuttgarter Zeitung": "Auch wenn Taten dieser Art - ob durch Deutsche oder Flüchtlinge - zum Glück in Deutschland die totale Ausnahme sind: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Doch jeder muss überlegen, wie er auf solche Attacken reagiert. Besonnen, mitfühlend und hilfsbereit, wie die allermeisten Münsteraner, oder als politischer Trittbrettfahrer wie die AfD-Politikerin Beatrix von Storch: berechnend, eskalierend und kalt."


wue / AFP / DPA