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Norwegen vor Breivik-Prozess: Begrenzter Ausnahmezustand für den Massenmörder

Es ist der größte Strafprozess in der Geschichte Norwegens. Zehn Wochen wird das Verfahren gegen den Attentäter von Utøya dauern. Das Gericht musste ausgebaut, ein ganzes Viertel lahmgelegt werden.

Von Swantje Dake, Oslo

Es ist ein gigantischer Zaun, 650 Meter lang und 3,60 Meter hoch. Unten solide Betonklötze, darüber Holzlatten, lückenlos aneinandergereiht. Ein unüberwindbarer Wall, wie es ihn in diesem Land wohl kein zweites Mal gibt. In Norwegen herrscht das "Allemannsrett", jeder darf sich überall frei bewegen. Daher konnte Anders Behring Breivik seinen weißen VW Crafter vor dem Regierungshochhaus parken, das nun vom Zaun abgeschirmt wird, und eine 950-Kilo-Bombe detonieren lassen.

Die Fassade des Hochhauses, in dem auch Ministerpräsident Jens Stoltenberg sein Büro hatte, ist mit weißer Plane verhüllt. Die Fensternischen der umliegenden Häuser sind mit Spanplatten ausgefüllt. Was als Provisorium gedacht war, wurde über Monate zu einem Mahnmal. Ob es so bestehen bleibt? Vielleicht. So wie der Schaukasten der Zeitung "Verdens Gang", der nur wenige Meter entfernt vom Hochhaus an der Akergata steht. Das Glas ist durch die Wucht der Bombe von Rissen durchzogen, dahinter hängen, längst verblichen, die Zeitungsseiten vom 22. Juli 2011.

Die Ereignisse dieses Sommertags werden in den nächsten zehn Wochen die Nachrichten des Landes beherrschen. Nur einen Häuserblock vom gigantischen Zaun entfernt liegt das Osloer Amtsgericht. Hier wird seit Montagmorgen, 9 Uhr, dem Mann, der die Zerstörung, die Verletzten und die Toten der Attentate von Oslo und Utøya zu verantworten hat, der Prozess gemacht. Ein Verfahren, das bizarr, grausam und in Teilen nur schwer auszuhalten sein wird.

Der Massenmörder hinter Panzerglas

Das "Oslo Tingrett" ist für einen solchen Mammutprozess nicht ausgelegt. Hier wird über Sorgerecht gestritten, Streitigkeiten zwischen Chef und Arbeitnehmer verhandelt und Einbrecher verurteilt. Ehen werden hier geschlossen. Für 35 Millionen Norwegische Kronen (5 Millionen Euro) wurde das Gericht umgebaut. Knapp 100 Millionen Kronen (13 Millionen Euro) wird das zehnwöchige Verfahren den norwegischen Steuerzahler kosten. 430 Journalisten sind aus dem Ausland gekommen. Die kleinen Straßen rund um das Gerichtsgebäude sind schon oder werden noch gesperrt. Auch aus Sicherheitsgründen, aber vor allem brauchen die Fernsehübertragungswagen Platz. Vor dem Gericht sind Bühnen aufgebaut, umhüllt von schwarzen Planen. Hier werden die Livesendungen und Sicherheitskontrollen stattfinden.

Auch der Gerichtssaal 250 musste umgebaut werden. Das juristische Personal wurde aufgestockt. Die Staatsanwälte Inga Bejer Engh und Svein Holden haben die Anklage verfasst. 77-facher Mord und Verstoß gegen den Terrorparagrafen werden dem geständigen aber dennoch auf "unschuldig" plädierenden Breivik zur Last gelegt. Die Richter Wenche Elizabeth Arntzen und Arne Lyng leiten das Verfahren, hinzu kommen drei Schöffen, zufällig ausgewählte Osloer Bürger. Üblicherweise sitzen nur ein Richter und zwei Schöffen im Gericht. Breivik sitzt zwischen seinen vier Anwälten, geschützt hinter einer Panzerglasscheibe. Auch die wurde extra montiert. Dies ist Kulisse für den Attentäter, der gesagt hat, dass Terror Theater ist.

Liveübertragungen in 17 Gerichten im ganzen Land

Trotz Um- und Ausbau des Gerichts soll das größte Strafverfahren in der Geschichte des Landes wie ein ganz normaler Prozess ablaufen. Zu Beginn wurden nüchtern und trocken die Formalitäten geklärt. Am Dienstag beginnt Breivik mit seiner Aussage. Fünf Tage wird er über seine ideologischen Motive sprechen dürfen. Ankläger Holden kündigte an, er wolle versuchen, Breiviks Erklärung "auf das zu begrenzen, was relevant für den Prozess ist". Sein Hauptverteidiger Geir Lippestad wird hingegen dafür kämpfen, dass Breivik möglichst viel reden darf. "Es ist sehr wichtig, dass man ihm Zeit gibt, seine Motive und Gedanken zu erklären." Breivik werde "vieles sagen, das nur schwer anzuhören ist. Aber für einen guten Prozess müssen wir da durch." Da es keine eindeutige psychologische Einschätzung gebe, sei das das wichtigste Beweismittel um zu sehen, wie der mutmaßliche Massenmörder selbst vor Gericht auftrete.

Fast 200 Hinterbliebene, auf Utøya oder in Oslo Verletzte und Journalisten werden dann nur wenige Meter von Breivik entfernt sitzen. Weil dies aber längst nicht genügend Sitzplätze sind, wird der Prozess in weitere Säle und in angrenzende Gebäude und in 17 Gericht in ganz Norwegen übertragen. Die Jugendlichen im Ferienlager auf Utøya kamen aus dem ganzen Land. Sie und ihre Angehörigen sollen die Möglichkeit haben, den Prozess zu verfolgen und trotzdem weiterhin zur Schule oder Arbeit zu gehen. Sie treten als Nebenkläger in dem Prozess auf, vertreten von 170 Anwälten. Stunde um Stunde des 22. Julis wird Tag für Tag aufgerollt werden. Die Details der Explosion in Oslo werden Stück für Stück durchgegangen. Über jedes der 77 Todesopfer wird gesprochen werden, viele Hinterbliebene und Verletzte werden als Zeugen gehört. Die psychiatrischen Gutachter werden aussagen, Polizisten und die mehr als 30 von Breivik benannten Zeugen, darunter der rechtsextremistische Blogger Fjordman und der in Norwegen inhaftierte Islamist Mullah Krekar.

Eine zehnwöchige Hölle und Prozessmüdigkeit

"Das wird eine zehnwöchige Hölle" ist Trond Henry Blattmann überzeugt. Er ist Vorsitzender der "Nasjonale Støttegruppe", einem Zusammenschluss von Angehörigen und Verletzten. Was die direkt Betroffenen, und das sind mehr als 1000, in den kommenden Wochen durchmachen werden, ist unvorstellbar. Der Norweger war schon vor Beginn Prozessmüde. 68 Prozent wollen laut einer Umfrage der Zeitung "Aftenposten" von Breivik nichts mehr hören, halten den Rummel für übertrieben. Gemessen an deutschen Maßstäben, berichten die Medien wenig und sehr zurückhaltend in den Tagen vor dem Prozess. Weder am Samstag noch am Sonntag hatte eine der großen Tageszeitungen das Thema auf der Titelseite. In den Onlineausgaben war das Thema weiter unten fast schon versteckt.

Jenseits des Regierungsviertels versprüht Oslo Frühlingsfreude. Die Cafés haben ihre Tische und Stühle ins Freie gestellt. Tausende schlendern am Samstag über einen Markt auf dem Bogstadsveien, der Haupteinkaufsstraße im schicken Stadtteil Frogner, auf dem Kai an Aker Brygge halten die Osloer ihre Gesichter in die Sonne. Gegenüber dem Rathaus schallen unverständliche Laute über das Hafenbecken. Ein Sikh redet im Singsang zu den Passanten, sein orangefarbener Turban leuchtet wie die Narzissen im Beet zu seinen Füßen. Die Sikh-Gemeinde des Landes feiert den norwegischen Turbantag. Unter die Einwanderer aus Nordindien mischen sich viele Norweger, lassen sich ein quietschbuntes Stück Stoff kunstvoll um ihren Kopf schlingen. Weniger als Zeichen von multikulti und der nach dem 22.7. so häufig geforderten Offenheit, sondern aus Neugier und Spaß.