Notfallseelsorger Begleiter in "Horror-Situationen"


Ob Autounfall, Selbstmordversuch oder Tsunami: Wenn das Leben zum Alptraum wird, sind Notfallseelsorger als Erste zur Stelle. Sie helfen bei Traumata und stehen Hinterbliebenen bei. Und sie holen so Manchen ins Leben zurück, der sich schon aufgegeben hatte.
Von Lenz Jacobsen

Ingeborg will sich umbringen. Sie will springen. Sie steht auf dem Fenstersims, die Fußspitzen über dem Abgrund, gut zehn Meter unter ihr grauer Betonboden. "Ihr sollt alle weggehen!" ruft sie schluchzend. Doch Pastor Michael Stanke geht nicht weg. "Ich würde gerne mit Ihnen reden, darf ich etwas näherkommen?" fragt er vorsichtig.

In Wahrheit heißt Ingeborg nicht Ingeborg, und sie will sich auch nicht umbringen. Sie ist Schauspielerin, und das hier ist ein Workshop mit dem Titel "Leitfaden Suizidsituationen". Pastor Stanke und seine Gruppe üben hier, mit Herausforderungen wie Ingeborgs Selbstmordversuch umzugehen. Wir befinden uns auf dem "11. Bundeskongress Notfallseelsorge und Krisenintervention" in Koblenz.

Die Teilnehmer dieses Kongresses sind alle erfahren im Umgang mit Ereignissen, die für normale Menschen nur schwer auszuhalten sind. Ihr Alltag ist der Nahkampf mit Alpträumen, mit Horror-Situationen. Sie sind es, die nach schweren Unfällen mit den geschockten Überlebenden reden und Angehörigen Todesnachrichten überbringen, und sie holen Selbstmordwillige wie Ingeborg von den Dächern.

Die menschliche Katastrophe ist für sie Alltag

Es sind Pfarrer, Feuerwehrleute, Polizisten und ehrenamtlich Engagierte, die sich hier für drei Tage treffen, um über den Umgang mit solchen Horror-Situationen zu reden. Auch Experten aus Österreich und Italien sind angereist. Sie beschäftigen sich in Workshops mit Themen, die auf Unbeteiligte deprimierend wirken: Es geht um Schuldgefühle, um die Arbeit mit Bürgerkriegsopfern, und um die Frage, wie man am besten Todesnachrichten überbringt.

"Erste Hilfe für die Seele" nennen die Experten ihre Arbeit. Dabei geht es vor allem um Stabilität, wie Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge und Veranstalter des Kongresses, erklärt: "Wenn wir beispielsweise an einen Unfallort gerufen werden, dann geht es erst mal darum, den Opfern zu zeigen: Ich bin da, wenn Du Hilfe brauchst." Notfallseelsorger wollen den Opfern nicht den Glauben aufdrängen. "Wir sind Begleiter mit Ruhe, Zeit und Beständigkeit", schildert Müller-Lange, "wir bieten Rituale an, die den Menschen stabilisieren können, das müssen nicht unbedingt religiöse sein."

3000 Mitarbeiter hat die Notfallseelsorge in Deutschland, rund 7000 Mal im Jahr rücken die Helfer aus. Die menschliche Katastrophe ist für sie Alltag. Und ohne Ehrenamtliche wären die hauptberuflichen Helfer hoffnungslos überlastet. Die Ehrenamtlichen, das sind Menschen wie die Jatzkos. Hartmut und Sybille, zwei kauzige Pfälzer mit einem warmen Lachen und ungeheurer Herzenswärme. Die beiden kennt hier auf dem Kongress jeder, und das aus gutem Grund: Seit 20 Jahren kümmern sie sich um die Opfer von Katastrophen.

Angefangen hat alles mit Ramstein, jenem schrecklichen Unglück bei einer Flugshow auf einer amerikanischen Airbase mit 70 Toten und über 300 Verletzten. Viele Opfer landeten in dem Krankenhaus, in dem Hartmut Jatzko arbeitete. Er merkte schnell, dass diese Menschen nicht nur Verbände und Spritzen brauchten, sondern viel mehr jemanden, mit dem sie reden konnten. Zusammen mit seiner Frau, einer Psychologin, hat er eine Nachsorgegruppe für die Opfer und Angehörigen gegründet - ohne Bezahlung und gegen den anfänglichen Widerstand seines Arbeitgebers. Diese Gruppe gibt es bis heute.

"Diesen abscheulichen Todesgeruch werde ich nie wieder vergessen

Ramstein war erst der Anfang für die Jatzkos: Bald kümmerten sie sich auch um die Angehörigen der "Birgen Air"-Opfer, eines Flugzeugabsturzes im Jahr 1996. Auch die Überlebenden der Seilbahn-Katastrophe von Kaprun treffen sich noch immer in einer Gruppe mit den Jatzkos.

Auch Thomas Dechert haben die Jatzkos geholfen. Der Wormser ist ein Überlebender der Tsunami-Katastrophe in Südostasien an Weihnachten 2004. Drei Tage hat er auf dem völlig zerstörten Inselparadies Phi Phi Island verbracht, hat zwischen Trümmern nach Überlebenden gesucht, hunderte Leichen am Strand gestapelt. "Diesen abscheulichen Todes-Geruch" berichtet er, "den werde ich nie wieder vergessen können."

Thomas Dechert ist traumatisiert. Als er zurückkommt nach Deutschland, sagen ihm alle, er solle sich doch freuen, dass er überlebt habe. Doch Dechert kann sich nicht freuen, er schluckt haufenweise Tabletten, und niemand hilft ihm wirklich. Erst nach Monaten, als er auf die Jatzkos trifft, findet er richtige Unterstützung. Und Leidensgenossen: Ein Jahr nach der Katastrophe treffen sich die Überlebenden von Phi Phi Island wieder, sie alle erzählen die gleichen Geschichten von Panikattacken, verständnislosen Freunden und der Unmöglichkeit, in den Alltag zurückzufinden.

Die Jatzkos organisieren heute eine ganze Reihe solcher Gruppentreffen für die Betroffenen von Katastrophen. Den Opfern von Schicksalsschlägen zu helfen, ist für Hartmut Jatzko, mittlerweile pensioniert, fast zum Fulltime-Job geworden. Er bekommt dafür keinen Euro. 2004 verlieh der Bundespräsident den Jatzkos das Bundesverdienstkreuz.

Psychische Probleme sind ernsthafte Krankheiten

So bewundernswert dieser Einzelfall ist, so ist die Frage nach einer vernünftigen Notfallseelsorge auch eine Politische. Für das Engagement der Leute, die sich hier in Koblenz versammeln, gibt es kaum öffentliche Gelder, zu diffus ist der Nutzen dieser Arbeit. Die Mittel der Kirchen sind knapp, und von staatlicher Seite ist die Lage auch dürftig. Das ärgert viele, auch Hartmut Jatzko: "Die Einsicht, dass auch psychische Probleme ernsthafte Krankheiten sind, ist bis heute in der Politik nicht angekommen", sagt er. Es ist das alte Problem: Knochenbrüche kann man sehen, Seelenbrüche nicht. Noch immer wird den meisten Traumatisierten ganz einfach irgendein neues Antidepressivum verschrieben, anstatt sich der wahren Probleme anzunehmen. Tabletten sind, oberflächlich betrachtet, immer der einfachere Weg.

Nebenan hat Pfarrer Michael Stanke derweil weiter auf Ingeborg eingeredet. "Wenn Sie allein sein wollen, dann kommen Sie von der Brüstung runter", ruft er der Frau am Fenster zu, "da kann Sie ja jeder sehen." Ingeborg macht einen Schritt zurück. "Ich habe alles falsch gemacht", murmelt sie. "Das gibt es gar nicht, dass man immer alles falsch macht", erwidert Stanke. "Überlegen Sie doch mal, Ingeborg, Sie haben doch bestimmt schon auch was Gutes in ihrem Leben geschafft." Ingeborg geht noch einen Schritt zurück, der Kursleiter ruft: "Okay, das war gut!" Ingeborg ist gerettet. Zumindest dieses Mal.


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