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Drogenboss: Auf den Spuren des bizarren Hypes um Pablo Escobar - ein Besuch in Kolumbien

Pablo Escobar war einer der größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, verantwortlich für mehr als 5000 Morde. 24 Jahre nach seinem Tod wird der kolumbianische Drogenboss nun zur Touristenattraktion.

Drogenboss Pablo Escobar – bizzarer Hype um den Patron des Bösen

Der Massenmörder Pablo Escobar trägt inzwischen fast ikonografische Züge. Im Kolumbien des 21. Jahrhunderts changiert sein Bild von Stalin über Idi Amin bis hin zum Allmächtigen

Der Bruder

Wenn es um den wahren Pablo Escobar geht, den ganz wahren, so anders als in der Netflix-Serie "Narcos", so anders als in dem neuen Film "Loving Pablo", so anders als in all den Mafiabüchern, könne es keinen besseren Experten geben als seinen Bruder und Komplizen, als Roberto Escobar, findet Roberto Escobar.

Der kleine schmale Mann empfängt hoch über Medellín in einem Bungalow, der dem Drogenkartell einst als Unterschlupf diente. Er trägt eine Schlaghose und ein breitkragiges Hemd, als käme er direkt aus den 70er Jahren. Der Unterschlupf ist einer von Dutzenden, die die Brüder in der ganzen Stadt hatten, ausgerüstet mit Safes, Geheimgängen und Garagen für ihre Luxuskarossen.

"23 Geheimgänge", sagt Roberto Escobar stolz.

– Das ist eine Menge.

"Eine Menge? Wir hatten so viel Bargeld, dass wir mehrere Warenhäuser anmieten mussten."

– Erstaunlich.

"Erstaunlich? Mit 38 war Pablo der zweitreichste Mann der Welt. Er hatte Mama schon bei seiner Kommunion prophezeit: Mama, ich werde Millionär."

– Das Jetset-Leben kommt in der Serie "Narcos" gut rüber.

"'Narcos?", sagt er entsetzt. "'Narcos' ist eine einzige Lüge. In 'Narcos' weint Pablo. Ein Escobar weint nicht. Ich verklage Netflix gerade auf eine Milliarde Dollar. Ich bin der einzige Überlebende, der die ganze Wahrheit kennt."

Roberto Escobar, 71, genannt Osito, das Bärchen, gerät schnell in Rage, wenn man ihm die falsche Frage stellt. Eine falsche Frage etwa ist eine über den Massenmörder Pablo Escobar. Eine richtige Frage ist eine über den solidarischen Familienmenschen.

"Kennt ihr einen besseren Boss als Pablo?", stellt er als Frage in den Raum.

Seine vier Leibwächter scheinen etwas überrumpelt. Auch sie wirken mit ihren Schnauzbärten wie Überbleibsel aus den Siebzigern.

Sie schütteln eifrig den Kopf.

Roberto Escobar blickt zwischen Kiefern hindurch ins Tal. Medellín, diese 2,5-Millionen-Stadt aus roten Backsteinbauten, liegt im Abendrot vor ihm wie ein brennendes Königreich. Von hier oben hatten die Brüder einen direkten Blick auf den Flugplatz im Tal, wo in Privatmaschinen unzählige Dollarsäcke aus dem Kokainhandel ankamen.

"Wie Heuballen", sagt Escobar und streicht sich durchs dünne Haar. "Ich muss es wissen. Ich war der Buchhalter. Ich hatte einen Stab von zehn Mitarbeitern."

Er wirkt in seinem Auftreten tatsächlich wie ein Buchhalter. Reden dagegen tut er wie ein Mafioso:

"Gerade wurde ein Location-Scout von Netflix tot aufgefunden", sagt er ansatzlos. "Körper durchlöchert."

Er lässt den Satz stehen. Er soll irgendwie seine Macht zeigen.

Escobar weist seinen kubanischen Leibwächter an, die anströmenden Touristen über das Grundstück zu führen, um ihnen den wahren Pablo zu zeigen, gegen 20 Dollar, zu den frisierten Autos und Geheimgängen. Der Kubaner schwärmt: "Hier steht das gepanzerte Fluchtauto, das Roberto für seinen Bruder Pablo umbauen ließ. Hier sind die Jet-Skis, die erst James Bond im Film benutzte und dann Pablo. Hier ist der Oldtimer, den sie Frank Sinatra abkauften."

Irgendwo in dieser Liga sahen sich die Escobars: zwischen Frank Sinatra und James Bond.

Der Kubaner führt an einen Vorplatz, wo sie die Umgebung des Bungalows per Kameras überwachen. Roberto Escobar hat immer noch Angst vor alten Rivalen und rachsüchtigen Polizisten. 14 Jahre saß er im Gefängnis für sein Wirken im Medellín-Kartell. Feinde schickten ihm eine Briefbombe in den Knast, die in seinen Händen explodierte und ein Auge zerstörte.

Ein Foto mit dem Drogenboss: 25 Dollar kostet der Eintritt in den Escobar-Bungalow in Medellín

Ein Foto mit dem Drogenboss: 25 Dollar kostet der Eintritt in den Escobar-Bungalow in Medellín

Nach der Tour, im Wohnzimmer, wirkt Roberto Escobar melancholisch. "Hier an diesem Tisch saß Pablo drei Tage vor seinem Tod", sagt er. "Sie wissen bestimmt, dass er sich bei einer Razzia selbst tötete. Es waren nicht Polizisten."

– Das sieht die Polizei anders.

"Das ist die Wahrheit: Pablo war ein Fuchs. Er war nicht nur dem Staat und der CIA immer einen Schritt voraus, sondern sogar seinen Mördern."

– Und was ist mit seinen Opfern im Drogenkrieg?

"Welche Opfer?"

– Tausende Tote.

"Die wahren Opfer sind wir. Der Staat hat unsere Familien verfolgt."

– Allein Escobars Auftragskiller Popeye hat mehr als 250 Morde gestanden.

"Popeye ist ein Lügner", erwidert Roberto und hebt wieder zu einem apologetischen Vortrag an. Es wird klar, dass hier kein Experte spricht, sondern ein verblendeter Mann, der Halbwahrheiten über einen der schlimmsten Verbrecher des 20. Jahrhunderts verbreitet. Er besitzt heute nicht viel mehr als einen Bungalow, der mit Narcos-Geld bezahlt wurde, und eine dubiose Lebensgeschichte, aus der er so verzweifelt Geld presst wie ein gealterter Schlagersänger.

24 Jahre nach dem Tod Pablo Escobars ist ein bizarrer Hype um seine Person entstanden. Er begann vor zwei Jahren mit der Netflix-Serie "Narcos" und wurde fortgesetzt mit drei Hollywoodfilmen, in denen Tom Cruise, Javier Bardem und Bryan Cranston die Hauptrollen spielten. In Medellín bieten inzwischen acht selbst ernannte Insider "Escobar"-Touren an, die sich auf die Spuren des größenwahnsinnigen Kartellbosses begeben: Wer war Pablo Escobar? Wie böse war er? War er Al-Capone-böse oder eher Robin-Hood-böse? Oder war er vielleicht sogar gut?

Am besten könnte Jhon Jairo Velásquez alias Popeye die Fragen beantworten, Escobars langjähriger Auftragskiller. Popeye war enger am Geschehen als Roberto. Mehr als zehn Jahre hat er fast jeden Tag mit dem "Patron" verbracht und Mordaufträge an Polizisten und Rivalen entgegengenommen. Für manchen Auftragsmord erhielt er eine Million Dollar.

23 Jahre saß Popeye im Hochsicherheitsgefängnis La Modelo und konnte wenig zur Aufklärung beitragen, jetzt sagt er am Telefon etwas mysteriös: "Ich wohne in einem Hochhaus in Medellín nahe dem Viertel La Estrella, wo El Patron oft verkehrte. Der Eingang führt durch die Tiefgarage. Weitere Anweisungen folgen, wenn ihr dort seid."

Bei dem Hochhaus handelt sich um einen von hohen Zäunen umgebenen Bau, der eher an eine Haftanstalt erinnert. Genau die Anonymität, die Popeye anstrebt nach 23 Jahren im Knast. "23 Jahre, drei Monate und drei Tage", verbessert er akribisch und führt von der Tiefgarage in eine Wohnung in den zwölften Stock, ausgestattet mit Flachbildfernseher und einem Studio, wo er Videos für seinen Youtube-Kanal dreht.

Der Killer

Popeye, 55, trägt eine Unmenge Tattoos am Körper und seine weißen Haare als Bürste. Er mag aussehen wie ein Mafioso, spricht aber eher wie ein Buchhalter. Pedantisch listet er auf: "Ich war der Hauptkiller von El Patron. 257 Morde. 250 Bombenanschläge. Wir haben auf dem Höhepunkt 540 Polizisten getötet."

– Sie klingen unangemessen stolz.

"Es war Teil des Krieges. Krieg erfordert diese Mentalität."

– So nennen Sie die Zeit des Kokainkartells – Krieg?

"Es war Krieg an mehreren Fronten. Gegen das Cali-Kartell. Die Polizei. Den Staat. Gegen Amerika. El Patron hat es mit allen aufgenommen." Popeye öffnet nun sein Hemd und zeigt stolz vier Narben – die Folgen von Schusswechseln. Für ihn Erinnerungen daran, dass die Hölle noch nicht bereit für ihn war.

Auf die Frage, ob Roberto Recht hat mit seiner Opferversion von Escobar, sagt Popeye: "Roberto ist ein Arschloch. Pablo war ein Terrorist, Mörder, Kidnapper. Aber er war auch mein Freund."

– Haben Sie heute Angst?

"Nein. Ich bekomme in den sozialen Medien Nachrichten wie: Wir töten dich. Ich antworte dann: Macht doch."

– Wagen Sie sich raus?

"Selten. Ich will Ruhe. Ich mache zu Hause meinen Youtube-Kanal und trinke mein Bierchen. Wenn, dann gehe ich ins Viertel Pablo Escobar. Das hat El Patron dem Volk gebaut. Da bin ich ein Held."

So ist nun sein Leben: Popeye hat sich nie von Escobar lösen können. Nicht vom Menschen und nicht vom Viertel.

Er holt jetzt eine 9-mm-Beretta aus dem Schlafzimmer und vollführt einige Trockenübungen, um zu demonstrieren, dass er noch nicht eingerostet ist. Auf seinem Unterarm prangt das Tattoo "El General de la Mafia" – eine Art Berufstitel und Treueschwur. Gleichzeitig ist es Teil seiner Vermarktung. Er sagt: "Der Patron war der größte Mafioso der Geschichte. Er wusste, in diesem korrupten Land musst du der Korrupteste von allen sein. Er hatte mehr Macht als der Präsident."

Wenn Roberto Escobar seinen Bruder als Robin Hood sieht, dann sieht Popeye ihn als eine XXL-Ausgabe von Al Capone und sich selbst als seinen ergebensten Gesellen, bis heute. "Ich bin einer von vier Killern, die noch leben. Und der einzige, der spricht. Ich bin die kollektive Erinnerung des Kartells."

Auch Popeye macht jetzt "Escobar"-Touren. Er fährt in Escobars ehemaliges Hauptquartier, das Monaco-Gebäude, wo sie sich Sambatänzerinnen aus Rio einfliegen ließen. Wo sie mit Säure Leichen verschwinden ließen. Wo sie Feinde den Krokodilen zum Fraß vorwarfen. Nicht so sehr James Bond und Sinatra als Idi Amin oder Ludwig XIV. Er kommentiert das mit lapidaren Sätzen: "So war das eben. Wir waren Mörder. Das Monaco war unser KZ."

Auf den Vorwurf, dass das alles geschmacklos sei, sagt er: "Ich mache es so wie Deutschland. Ich sage offen: Ja, wir haben Körper zerstückelt. Ich gebe Einblicke in die Dunkelkammern der menschlichen Seele. Damit die Menschen es verstehen."

– Das ist fast so makaber, als würde ein KZ-Kommandant gegen Gebühr Touren in die Gaskammern anbieten.

Er fährt nun das einzige Mal aus der Haut. "Die Stadt sollte mir dankbar sein", findet er. "Medellín war nichts. Bekannt wurde sie in der Welt nur durch El Patron."

Die Museumsdirektorin

Zum Ärger der Politiker ist Medellín auch 24 Jahre nach Escobars Tod noch die Escobar-Stadt. Sie gehört zu jenen Orten, die sofort eine Assoziation hervorrufen – wie Hiroshima, Stalingrad, Verdun.

"Es gibt so viel anderes in unserer Stadt", sagt Adriana Valderrama. Sie ist die Direktorin des Museums Casa de la Memoria, in dem sich Medellín mit der Gewalt der 80er und 90er Jahre auseinandersetzt. Damals war die Stadt Operationsgebiet der Guerillas, Paramilitärs, Drogenkartelle, Straßenbanden. Valderrama sagt: "Es war die gewalttätigste Stadt der Welt, schlimmer als Beirut."

In ihrer Analyse war Escobar keineswegs der Gangster des Jahrhunderts, sondern ein Produkt seiner Zeit, in der Kolumbien im Krieg war, die Politik korrupt und Kokain die Modedroge. "Jeden Tag gab es Entführungen und Morde, jeder hatte ständig Angst, verlor Verwandte, auch ich", sagt sie und schluckt. "Medellín ist heute ganz anders. Wir sind noch nicht komplett drüber weg, aber schon weit gekommen."

Tatsächlich gilt Medellín heute als cooles Reiseziel, bekannt für gute Restaurants, das Nachtleben, das milde Klima. Seit Jahren hat die Stadt die richtigen Rezepte für soziale Probleme, sie setzt auf bessere Schulen und Transport, auf mehr Parks und Büchereien, vor allem in Armenvierteln.

Der neue Escobar-Hype lässt Valderrama etwas ratlos zurück. "Ich glaube, es hat viel mit dem Massenkonsum in den Medien zu tun." Escobar biete sich an für das "Fast & Furios"-Publikum der heutigen Zeit: schnelle Autos, viel Action, dicke Waffen, heiße Frauen. "Aber der Kerl ist irgendwann mal ausgeleuchtet. Der Hype wird auch wieder zurückgehen."

Die Filme sind ihr zu oberflächlich und reißerisch, nie gehe es um eine wahrhafte Auseinandersetzung. "Und wann", fragt sie anklagend, "geht es den Medien bei diesem Hype mal um die Opfer?"

Der Jäger

Jeden Sonntag sitzt ein kantiger Mann auf dem Friedhof Montesacro an einem einfachen, von Blumen umgebenen Grab mit der Inschrift: "Pablo Emilio Escobar Gaviria. 1. 12. 1948–2. 12. 1994."

Der Mann trägt Jeans und Poloshirt und spricht leise, aber bestimmt: "Ich habe dich überlebt, Mörder. Das war mein erster Triumph. Mein zweiter: Ich bin jetzt älter, als du je wurdest. Am Tag, als wir dich in deinem Versteck töteten, habe ich eine wilde Feier gemacht, wie du sie so liebtest."

Wenn Valderrama von den vergessenen Opfern spricht, dann meint sie auch diesen Mann am Grab, Carlos Palau. Er war einer der Chefs des "Bloque de Búsqueda", der Spezialeinheit, die Escobar jagte. Palau sagt: "Von unserer Einheit mit 152 Mann leben heute nur noch drei. Damals ermordete der Hurensohn pro Tag fünf bis sechs Polizisten – meine Freunde und Brüder. Auch ich bekam das übliche Angebot "plata o plomo", Geld oder Blei. Er hat vier Mordanschläge auf mich verüben lassen. Ich habe alle überlebt. Zuletzt, 1992, hat der Hurensohn fünf Millionen Dollar auf meinen Kopf ausgesetzt."

Er nennt Escobar nur Mörder oder Hurensohn. Popeye nennt ihn nur Patron.

Palau, 48, hat noch das breite Kreuz aus 15 Jahren Eliteeinheit, aber im Gesicht steckt tiefe Müdigkeit. Er ist ein Beispiel dafür, wie weit das Erbe Escobars reicht. 25 Jahre lang fand Palau keine Ruhe, litt am Posttraumatischen Belastungssyndrom, dachte an die Freunde, die getötet worden waren. "Ich vertraute keinem. Selbst meinen Eltern gestand ich erst vor zwei Jahren, dass ich damals Polizist war." Heute, endlich, hat er eine Art Therapie gefunden: "Escobar"-Touren. "Ich bringe Touristen an die Tatorte, und jedes Mal sage ich: Ich habe überlebt – du nicht. Und heute lebe ich von dir, Hurensohn."

Palaus Touren führen hoch auf einen Berg zu einem Kloster, wo einst La Catedral stand, das Luxusgefängnis, das Escobar einst für sich selbst erschaffen ließ. In Wahrheit konnte der Drogenboss hier regieren, wie er wollte, empfing Freunde und Frauen und tötete weiter. "Noch heute finden sie hier Knochen seiner Opfer", sagt Palau. Er betritt einen trashigen Kellerraum, in dem Escobars Originalbett steht und wo er seine Opfer mit den Worten empfing: Wir töten dich in jedem Fall nach dem Verhör. Aber wenn du schuldig bist, foltern wir dich vorher noch.

"Ich fühle hier schlechte Energie, ich muss raus", sagt Palau nach wenigen Momenten. "Der Verbrecher tötete 5000 Menschen, mehr als Osama Bin Laden." Er wird bleich im Gesicht und geht. Der Mythos Escobar ist aus seiner Sicht eine Farce. Er sei nichts als ein kaltblütiger Massenmörder mit einem Hang zum Sadismus. Ein pädophiler Psychopath, der besonders viel Geld für Sex mit Jungfrauen bot.

Auf seine Weise ist Palau, der Polizist, noch immer der Gegenspieler von Popeye, dem Killer. Das Duell heute lautet: Wer gewinnt das Rennen um die Geschichtsdeutung?

"Immer noch denkt die Hälfte der Kolumbianer, Escobar war nicht so schlecht", sagt Palau voll Abscheu. "Vor allem in seinen Vierteln."

Barrio Pablo Escobar

Der Weg in die Slums führt durch enge Gassen und über Serpentinen die dicht bebauten Hänge hinauf. Hoch über dem Tal, unterhalb eines alten Landsitzes, liegt das Viertel Pablo Escobar, eine Ansammlung kleiner Hütten mit 20.000 Bewohnern. Im Zentrum, unter einer Jesus-Statue, erstrahlt ein großes buntes Wandgemälde mit einem freundlich lächelnden Pablo Escobar und dem Schriftzug "Hier atmet man Frieden". Davor stehen Kerzen, die Bürger abgestellt haben in Anbetung ihres Volkshelden. Gleich nebenan, im Friseursalon El Patron, verkauft die Besitzerin Escobar-Schlüsselanhänger, Escobar-Bierkrüge, Escobar-Kaffee, sie bietet sogar Escobar-Frisuren an.

Pablo Escobar hat die Siedlung Mitte der 80er Jahre gegründet und armen Familien zunächst 330 Häuser geschenkt. Es war ein nicht ganz selbstloser Deal – wie immer bei ihm. Im Gegenzug sicherte er sich ihre Loyalität und Hunderte Fluchtwege, wenn er sie mal brauchte.

Schon bei unserer Ankunft am Wandgemälde ernten wir misstrauische Blicke jugendlicher Spitzel. Irgendwann fragt einer: "Was wollt ihr hier?"

– Mit einem Stadtvertreter sprechen.

"Die gibt es hier nicht."

– Wen gibt es dann?

"Einen Patron", sagt der Junge.

Der Patron des Viertels heißt Juan und ist kein Politiker, sondern ein ehemaliges Gangmitglied mit Jeans und T-Shirt und einer Menge Narben. Er kommt in Begleitung zweier breitschultriger Hünen. Er hat etwas gegen Fremde, die schnüffeln, aber wenn er dem Patron eine Ehre erweisen kann, macht er es: "Ich habe Pablo als Kind kennengelernt, Ende der 80er. Wir waren arm, mein Vater wurde erschossen, meine Mutter hatte fünf Kinder. Und da kommt einer und schenkt uns ein Haus. Mir drückte er persönlich Geld in die Hand und Baumaterial. Pablo war der Herrgott für uns."

Über dem Tal von Medellín liegt das Viertel Pablo Escobar, in dem er wie eine Gottheit verehrt wird

Über dem Tal von Medellín liegt das Viertel Pablo Escobar, in dem er wie eine Gottheit verehrt wird

Nun auch noch Gott. Escobar ist also irgendetwas auf der Skala zwischen Stalin und dem Allmächtigen. Juan führt durch sein verwinkeltes Viertel, über Treppen, auf denen junge Mädchen ihre Babys stillen, vorbei an ambulanten Händlern, zumeist Venezolaner, die vor der extremen Armut ihrer Heimat geflohen sind und hier, tief im Slum, Zuflucht finden.

Juan, 36, war bis vor fünf Jahren selbst Drogendealer und ist heute einer der Bosse im Viertel. "Momentan ist es ruhig", sagt er. Seine Bande hat vor zwei Jahren eine gegnerische Gang vertrieben. Sie kassieren von den Bewohnern umgerechnet 40.000 Dollar im Monat, Schutzgelder, um den Frieden im Viertel zu sichern. Die Bandengewalt in der Stadt ist seit zwei Jahren wieder gestiegen, 2016 gab es 534 Morde, fast so viele wie in New York und Los Angeles zusammen.

Wen immer man hier im Viertel befragt, steht hinter Pablo Escobar. Sie sehen ihn – wenn nicht als Gott – so zumindest als einen Befreier der Kategorie Hugo Chávez oder Simon Bolívar. Er mag viel Unheil in der Welt angerichtet haben, aber hier ging es ihnen mit ihm besser.

"Nach ihm kamen verschiedene Gangs und Paramilitärs", sagt Juan, "die Rückkehr zur Herrschaft einer einzigen Bande wie zu Pablos Zeiten ist für die Bewohner die beste Lösung."

Es funktioniert wie in so vielen Slums Südamerikas: Wenn der Staat sich nicht kümmert, füllen andere das Machtvakuum. Die Anwohner sind dankbar für jede Hilfe, auch wenn sie von Verbrechern kommt.

Oben angekommen, in der dünnen Luft von 1800 Metern, blickt Juan auf sein Viertel, wie es einst El Patron getan haben muss. Er setzt zu einer Huldigung an, doch dann sagt er einen bemerkenswerten Satz: "Ich wollte früher immer wie Pablo sein. Geld, Autos, Frauen. Alle wollten das. Heute nicht mehr. Heute will ich nur Frieden."

Die Geliebte

Escobars große Geliebte wohnt 2300 Kilometer entfernt in den USA. Sie sitzt am Schreibtisch einer Wohnung am Rande Miamis, die Kleider elegant, das Haar gefärbt, das Alter ...

"Schreiben Sie alterslos", sagt Virginia Vallejo. "Eine zeitlose Schönheit."

– Beruf?

"Schreiben Sie Autorin. Salonlöwin. Diva. Aufdeckerin des größten Skandals Kolumbiens." Sie meint es ernst.

Anfang der 80er Jahre verliebten sich die damalige TV-Reporterin und der Kokainkönig ineinander. Sie war die Erste, die Escobar interviewte, und verhalf ihm damit auf die Weltbühne. Er verhalf ihr zu viel Geld und ihrem größten Scoop. Sie verbrachten fünf Jahre zusammen, von denen der Film "Loving Pablo" mit Javier Bardem und Penélope Cruz handelt. Escobar schenkte ihr Yachten, Cartier-Uhren und Gedichte. Im Gegenzug sollte sie seine Biografie schreiben – vom armen Bauernsohn zum Milliardär.

"Es war sehr romantisch mit Pablito", sagt Vallejo. "Wir waren jung und unschuldig. Unser Leben war eine Neuausgabe von 'Die Schöne und das Biest'. Eine unglaubliche Geschichte."

Es wirkt so, als habe die Begegnung mit Escobar alle Leben in Superlative verwandelt. Wenn Roberto sich als Erbe des Königs sieht und Popeye als General der Mafia und Palau als Jäger des Monsters, dann sieht sich Vallejo als Hauptfigur eines Märchens.

"Bis Pablo ein Terrorist wurde", schiebt sie hinterher. "Ich verließ ihn 1988, als ich erfuhr, dass er ETA-Terroristen angeheuert hatte, um Massenmord zu begehen."

Jahre später schrieb Vallejo ein Buch über sich und Escobar und kündigte an, gegen ihn und Justizminister Santofimio auszusagen. Sie sollen Jahre zuvor konspiriert haben, um den Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán zu ermorden. Da brachte man sie mithilfe der CIA außer Landes. Vallejo sagte in Miami als Zeugin aus und sorgte mit dafür, dass Santofimio zu 24 Jahren Haft verurteilt wurde. Wegen Morddrohungen erhielt sie 2010 in den USA politisches Asyl.

"Zwei Gründe gab es dafür", sagt sie, "meine Feinde lobten eine Belohnung von 100.000 Dollar aus, wenn mich eine Gang vergewaltigte. Und es gab einen Attentatsversuch auf mich auf dem Weg zur Botschaft, wo ich als Zeugin geladen war."

Heute hat ihr Leben eine tragische Wendung genommen. Vallejo ist eine Gefangene dieser längst vergangenen Liebe. Sie ist die meiste Zeit allein. Sie traut sich nicht raus. Sie glaubt, sie werde abgehört und verfolgt von Kolumbiens Präsident Santos und Ex-Präsident Uribe und dem TV-Sender Univision und anderen. "Ich habe schon die Wohnung gewechselt, aber es geht weiter", sagt sie verzweifelt. "Jetzt will ich in einen anderen Staat ziehen."

Am 2. Dezember 1993 wird Escobar bei einer Razzia erschossen – einen Tag nach seinem 44. Geburtstag

Am 2. Dezember 1993 wird Escobar bei einer Razzia erschossen – einen Tag nach seinem 44. Geburtstag

Das Schlimmste aber, findet sie: In den Filmen und Seifenopern werde sie falsch dargestellt, zu hässlich, zu skandalös. "In 'Narcos' haben sie mich mit einer Mulattin besetzt."

– Wie finden Sie die Serie?

"Mein Anwalt sagt, ich darf keinen Kommentar abgeben."

– Und wie finden Sie die Verfilmung Ihres Lebens in dem Film "Loving Pablo"?

"Ich sage besser nichts. Ich habe zu Javier Bardem gesagt: Das ist die Rolle deines Lebens. Dafür gewinnst du einen Oscar."

– Es scheint nicht ganz zu klappen.

Sie schweigt. Nur um dann wieder auszuholen: "In allen Produkten haben sie aus mir die Böse gemacht und aus Pablito den Heiligen. Sie haben mich in eine Hure verwandelt. Sie verdienen mehr als eine Milliarde damit."

Es ist, so könnte man meinen, Escobars späte Rache. Sie schmiss ihn zwar aus ihrem Leben, aber es ergeht ihr wie allen anderen: Sie werden ihn nicht mehr los.

Sie wollen auch nicht.

Die Reportage über den Hype um Pablo Escobar ist dem aktuellen stern entnommen:


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