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Ehemaliger Drogendealer Zum Tod von Ronald Miehling: Der Kiez nannte ihn "Schneekönig"

Der Kiez nannte ihn Schneekönig: Ronald Miehling
Der Kiez nannte ihn "Schneekönig" – Ronald Miehling im Jahr 2012
© Screenshot NDR
In den 1990er Jahren wurde Ronald Miehling zum größten Drogendealer Deutschlands. Er schleuste Tonnen von Kokain nach Deutschland. Nun ist er im Alter von 72 Jahren gestorben. Wer war der Mann, den der Kiez bis heute "Schneekönig" nennt?

Deutschlands ehemals größter Drogendealer ist tot. Ronald "Blacky" Miehling verstarb am vergangenen Dienstag im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. Seine Lebensgeschichte ist hollywoodreif. In den 1990er Jahren avancierte er zum größten Drogen-Dealer in Deutschland. Er schmuggelte tonnenweise Kokain von Kolumbien nach Deutschland, verkaufte es zu Discount-Preisen. Mehr als 30 Jahre saß er dafür im Gefängnis. Wer war der Mann, der bis zum Schluss sagte: "Ich bereue nichts"?

Der erste Deal

"Wir hatten zwei Kilo Koks, und die waren ziemlich groß. Wir wussten gar nicht wo wir die hinstecken sollten. Irgendwann hat es dann einer genommen, in eine Socke gepackt, in seinen Koffer geschmissen und gesagt: 'So geht's'", so berichtete Miehling dem NDR von dem Beginn seiner Drogenkarriere 1988 in Kolumbien. Der 38-Jährige hat schon zu dieser Zeit einiges auf dem Kerbholz. Er wächst als Polizistensohn auf, "gut behütet" wie er später dem "Spiegel" erzählt. Doch das solide Elternhaus kann seinen kriminellen Werdegang nicht verhindern. Schon mit 18 Jahren sitzt Miehling wegen schweren Raubes das erste Mal im Gefängnis. Später kommt eine zehnjährige Haftstrafe wegen fahrlässiger Tötung hinzu, weil er mit einem Komplizen als Geldeintreiber einen Fleischgroßhändler tötet. 

Als er entlassen wird, versucht er sich als Zuhälter. Doch diese Arbeit habe er als "menschenverachtend" empfunden, wie er später sagt. Nun also Drogen. Ende der 1980er Jahre hat der Hamburger Kiez einen gigantischen Hunger nach Kokain. Die goldenen Jahre der Prostitution haben durch das Aufkommen von Aids ihr jähes Ende genommen. Mehr und mehr entwickelt sich St. Pauli zum Partyviertel. Und das brauchte einen "Booster", wie Miehling sagt, "und den hatte ich." 

Miehling denkt größer als andere Kleindealer – und er ist abgezockter. Kaum jemand geht damals das Risiko ein, selbst nach Südamerika zu fliegen, um die Droge ins Land zu schmuggeln. "Blacky" entwickelt eine eigene Taktik, um den Zoll zu umgehen. Er fliegt fast immer in einer Gruppe. Er selbst hat dabei keine Drogen im Gepäck. Dafür schaut er auf dem Flug von Kolumbien nach Deutschland absichtlich tief ins Glas. Er benimmt sich an der Gepäckausgabe daneben. Beamte von Zoll und dem damaligen Bundesgrenzschutz werden auf ihn aufmerksam. Während sie alle mit diesem "höchstverdächtigen" Betrunkenen beschäftigt sind, und ihn von vorne bis hinten durchsuchen, ziehen seine Kollegen unbemerkt kiloweise Kokain in ihren Koffern an den Beamten vorbei. "Wir hatten eine Phase – egal, was wir angefasst haben, es hat funktioniert", berichtet Miehling dem NDR später.

"Ich war der Aldi des Kokainhandels"

Miehling expandiert. Immer mehr "Mitarbeiter" kommen in sein "Unternehmen". Man habe "ganz schön Betrieb gehabt", ständig hätten seine Leute mit neuen Ladungen Kokain in Fliegern von Südamerika nach Deutschland gesessen. Der Drogendealer setzt auf eine Verkaufsstrategie, die damals voll im Trend liegt. "Ich war der Aldi des Kokainhandels", erklärte Miehling dem "Spiegel". Er streckt seine Ware im Verhältnis 1:1 – auf der Straße eine sehr gute Qualität – und er bietet sein Kokain zu Spottpreisen an, um Konkurrenten vom Markt zu drängen. "Manchmal habe ich das Zeug für 35.000 Mark pro Kilo geholt und für 28.000 verkauft. Die anderen hatten keine Chance. Dann bin ich mit dem Preis wieder hochgegangen." 

Miehling folgt der Discounter-Strategie: Weniger Gewinnmarge, dafür mehr Umsatz. Und das zahlt sich aus, im wahrsten Sinne des Wortes. "Blacky" lebt ein Leben in Luxus. Irgendwann habe er sein Geld nicht mehr gezählt, sondern nur noch gewogen, genau wie Drogenbaron Pablo Escobar. 

Und genau wie Escobar gibt Miehling sein Geld gerne aus. Zu den bekanntesten Legenden rund um den "Schneekönig" zählt die eines Autokaufs, bei der Miehling in Jeans und Pullover und mit einer Aldi-Tüte voller Bargeld bei einem Mercedes-Autohaus vorstellig wurde. Er suchte sich einen Mercedes SL aus, Listenpreis 300.000 D-Mark. Der Verkäufer nahm ihn nicht ernst, bis Miehling die Tüte auf dem Tresen ausschüttete, mit dem lapidaren Kommentar: "Zähl mal ab, was du bekommst." 

Die Flucht nach Kolumbien

1992 gerät Miehling zunehmend in den Blick der Polizei. Sein extravaganter Lebensstil macht ihn zu einem leichten Ziel. Auf dem Kiez ist es ein offenes Geheimnis, von wem das Kokain kommt, das den deutschen Markt flutet. Davon bekommen auch die Beamten Wind. Sie überwachen "Blacky". Doch was sie nicht wissen: Miehling hört den Polizeifunk ab. Als die Behörden genug gegen ihn in der Hand haben und der Zugriff erfolgen soll, flieht der Drogendealer in seinem Mercedes SL durch die Nebenstraßen von Hamburg-Barmbek und entkommt. Der "Schneekönig" setzt sich in sommerlichere Gefilde ab – nach Bogotá in Kolumbien. 

Seine Flucht ist offenbar schon seit längerer Zeit geplant. Miehling hat sich schon im Vorfeld kolumbianische Papiere besorgt: Ausweis, Reisepass, Waffenschein – "Blacky" ist vorbereitet. Auch wenn das südamerikanische Land deutlich günstiger ist als die Bundesrepublik – Miehling braucht Geld. Die Umkosten für sein Haus und die Angestellten belaufen sich auf knapp 15.000 Mark monatlich. 

Das Ende des "Schneekönigs"

Nach einiger Zeit plant er seine Rückkehr nach Deutschland – und das weiß auch die Polizei, die noch immer sein Telefon abhört. 1994 wird er an einem Flughafen in Venezuela festgenommen. Die jahrelange Flucht hat ein Ende. 

Nach seiner Auslieferung an Deutschland wird ihm der Prozess gemacht. Miehling wird zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt, die er im Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel, genannt "Santa Fu", absitzt. 2003 wird er vorzeitig entlassen. Ein Gutachten stellt fest, eine Rückkehr ins Drogengeschäft sei nicht zu erwarten. 

Doch Miehling denkt nicht ans Aufhören. Nur wenige Tage nach seiner Haftentlassung fliegt er wieder nach Kolumbien. Er zapft seine alten Kontakte an. Der "Schneekönig" will wieder ins Geschäft.

Doch er muss einsehen, dass seine Zeit vorüber ist. Wieder versucht er Kokain von Südamerika über den Hafen in Antwerpen nach Deutschland zu schmuggeln. Und wieder hört die Polizei sein Telefon ab. Im Oktober 2005 fangen die Behörden eine Lieferung Kokain auf einem Containerschiff ab. Nur wenige Wochen später rammt ein Team des SEK Miehlings Wohnungstür ein und verhaftet ihn. Diesmal wird er zu sieben Jahren und neun Monaten Haft verurteilt und muss zusätzlich die Reststrafe seines vergangenen Urteils absitzen. Es ist das letzte Kapitel einer beispiellosen Dealerkarriere. 

Ronald Miehling: "Ich bereue nichts!"

Fast sein halbes Leben saß Miehling hinter Gittern. Trotzdem sagte er bis zum Schluss: "Ich bereue nichts." Die Jahre im Gefängnis seien für ihn der Preis für sehr viel Spaß gewesen. "Alles, was geil war, habe ich erlebt. Und wenn Sie dich erwischen, bezahlst du. Das habe ich akzeptiert", erklärte er dem "Spiegel". Wenn man losgeht, um Drogen zu verkaufen, wisse man, was man tut, so Miehling. Dann könne man anschließend nicht sagen, man bereue das.

Nach seiner letzten Haftstrafe versuchte sich Miehling in verschiedenen Branchen. Er gründete ein Modelabel, in einer Dokumentation des NDR erklärte er, er wolle in einem Anti-Drogen-Verein in Marburg mitarbeiten. Wie die "Bild" berichtet, verstarb Ronald Miehling am vergangenen Dienstag an den Folgen einer Lungenkrebserkrankung. Bis zu seinem Tod lebte er mit seiner dritten Ehefrau und seiner Tochter in Bremen. 

Quellen: NDR Dokumentation, Der Spiegel, Hamburger Morgenpost, Bild

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