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Nach Tod von 13-Jährigem in Chicago Polizeiproblem in den USA: "Wir brauchen keine wütenden Beamte. Wir brauchen Sozialarbeiter"

Polizistin erschießt Schwarzen Daunte Wright angeblich "versehentlich"
Sehen Sie im Video: Beamtin erschießt Schwarzen bei Verkehrskontrolle – Polizei spricht von "Unfall".






Nachdem ein Schwarzer am 11. April in Minneapolis von einer Beamtin erschossen wurde, hat die Polizei nun Videomaterial des Vorfalls veröffentlicht. 


Darauf zu sehen ist, wie drei Beamte den 20-jährigen Daunte Wright nach einer Verkehrswidrigkeit anhalten und kontrollieren. Nach einem Personenabgleich stellen sie fest, dass gegen ihn ein Haftbefehl vorliegt. Als sie ihm Handschellen anlegen wollen, kommt es zum Gerangel. Wright entzieht sich dem Griff und gelangt zurück in sein Auto. Eine Polizistin ruft daraufhin mehrmals „Taser“, was üblich ist bevor Beamte eine Elektroschockpistole einsetzen, greift aber zu ihrer Schusswaffe. Dann fährt Wright mit dem Auto davon und dieselbe Beamtin sagt: „Ich habe gerade auf ihn geschossen.“ 


Tim Gannon, zuständiger Polizeichef 
„Ich habe das Video gesehen und mir die Befehle der Beamtin angehört. Ich glaube, dass die Beamtin die Absicht hatte, ihren Taser zu benutzen. Allerdings erschoss sie Mr. Wright mit nur einer Kugel. Aufgrund ihrer bestürzten Reaktion nach diesem Vorfall gehe ich davon aus, dass es ein versehentlicher Schuss war.“ 
„As I watched the video and listend to the officers command it is my belief that the officer had the intention to deploit their taser and instead shot Mr. Wright with a single bullet. This appears to me for what I viewed in the officers reaction in distress immediately after that this was an accidental discharge.” 


Die Beamtin, die ihre Dienstwaffen verwechselt haben soll, ist bereits seit 26 Jahren im Dienst. Sie wurde vorübergehend beurlaubt.  






Anders als in Deutschland werden Polizisten in den USA kürzer ausgebildet, durchschnittlich sind es nur viereinhalb Monate. Während der Gebrauch von Schusswaffen hierzulande die letztmögliche Lösung sein sollte, müssen Beamte in den USA wegen der lockeren Waffengesetze immer damit rechnen, dass ihr Gegenüber bewaffnet ist. Daher dürfen sie schießen, wenn es ihnen angebracht erscheint. Rückendeckung bekommen sie dafür vom Obersten Gericht, das ihnen die sogenannte „qualifizierte Immunität“ verspricht. Diese schützt die Beamten vor juristischen Folgen, solange sie sich im Dienst an geltende Gesetze halten. 


Der 20-Jährige Wright starb nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem George Floyd im Mai vergangenen Jahres durch einen Polizisten ums Leben kam. Der Fall löst in den USA erneut heftige Proteste gegen rassistische Polizeigewalt aus. 

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Wieder wurde in den USA ein Nichtweißer auf offener Straße von der Polizei erschossen. Diesmal traf es einen 13-Jährigen Latino in Chicago. Die veröffentlichten Bodycam-Aufnahmen sorgen in der Stadt für Entsetzen.

Ein Polizist verfolgt einen Jungen durch eine dunkle Gasse. Der Beamte ruft mehrfach "Stehenbleiben!" und fordert den Jungen auf, seine Waffe fallen zu lassen. "Hände. Zeig mir deine Hände", ruft der Polizist. Als der Junge sich umdreht und seine Hände hebt, ertönt ein einziger Schuss und er bricht zusammen. Der Junge hieß Adam Toledo. Er war 13 Jahre alt.

Die am Donnerstag veröffentlichten Aufnahmen der Körperkamera des Beamten vom 29. März lösten erneut Schock und Wut über das Verhalten der Polizei aus. Aktivisten kündigten Proteste in der Innenstadt an. Chicagos Bürgermeisterin Lori Lightfoot nannte die Aufnahmen "verstörend", rief die Bevölkerung jedoch auf, Ruhe und Frieden zu bewahren. Adam, der im Little Village lebte, einem überwiegend von Latinos bewohnten Viertel, war einer der jüngsten Menschen, der seit Jahren von der Polizei im US-Bundesstaat Illinois getötet wurde. 

Analyse: Adam hatte zum Schuss-Zeitpunkt keine Waffe

Wie mehrere US-Medien berichten, war es durch eine Meldung über Schüsse in der Gegend zu dem Polizeieinsatz gekommen. Adam und ein 21-Jähriger waren vor den anrückenden Beamten davongerannt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft trug Adam eine Waffe bei sich. Aus den veröffentlichten Bodycam-Aufnahmen geht jedoch nicht eindeutig hervor, ob er sie zum Zeitpunkt des tödlichen Schusses in der Hand hatte.

Adeena Weiss Ortiz, die Anwältin der Familie Toledo, sagte auf einer Pressekonferenz, das Video zeige, dass Adam versucht habe den Anweisungen des Beamten nachzukommen. "Er warf die Waffe weg", sagte sie. "Wenn er eine Waffe hatte, warf er sie weg. Der Beamte sagte: 'Zeig mir deine Hände.' Er tat es. Er drehte sich um."

All das passiert innerhalb weniger Sekunden. In einer Analyse verlangsamt die "New York Times" das Polizeivideo sowie 21 weitere veröffentlichte Aufnahmen. Als der Beamte Eric Stillman, 34, den Schuss abfeuert, hebt Adam die Arme und scheint leere Hände zu haben. Doch laut der Analyse hat der Junge noch im Moment vor dem Schuss eine Waffe hinter dem Rücken, die er kurz bevor er die Hände hebt hinter einen Holzzaun fallen lässt. Als Adam zu Boden geht ruft Stillman sofort einen Krankenwagen und beginnt mit Hilfe eines anderen Beamten ihn wiederzubeleben. "Bleib bei mir", sagt er mehrmals zu Adam.

Bürgermeisterin drückt Adams Familie ihr Mitleid aus

"Wir leben in einer Stadt, die durch eine lange Geschichte von Polizeigewalt und -fehlverhalten traumatisiert ist", erklärte Bürgermeisterin Lightfoot in einem emotionalen Appell am Donnerstag. "Wir müssen mit tiefem Einfühlungsvermögen und Ruhe und vor allem Frieden weitermachen", sagte sie mit gebrochener Stimme, als sie über den Schmerz sprach ein Kind durch Waffengewalt zu verlieren.

"Keine Familie sollte jemals ein weitverbreitetes Video der letzten Momente ihres Kindes haben, geschweige denn überhaupt in die schreckliche Situation zu geraten, ihr Kind zu verlieren", sagte die Bürgermeisterin. In einer Erklärung hatte Adams Familie das Ansehen der Aufnahmen als "äußerst schwierig und herzzerreißend für alle Anwesenden" bezeichnet.

Gleichzeitig appellierte Lightfoot an die Bürgerinnen und Bürger Chicagos, Ruhe zu bewahren und das Ergebnis der Untersuchungen abzuwarten. Die Chicagoer Polizei hatte den Vorfall am 1. April als "tragisch" bezeichnet, wollte sich jedoch nicht weiter äußern.

"Alle sind extrem wütend"

Polizeigewalt ist seit langem ein hitzig debattiertes Thema in den USA – vor allem in Zusammenhang mit Rassismusvorwürfen. Derzeit läuft in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota der Prozess gegen den weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin, der vergangenes Jahr den Afroamerikaner George Floyd getötet hat. Der Anwalt von Floyds Familie nannte die Aufnahmen des tödlichen Schusses auf Adam Toledo "schrecklich und traumatisierend". Sie zeigten einmal mehr, dass die Polizei in den USA grundsätzlich reformiert werden müsse, schrieb Ben Crump auf Twitter.

Seit sich das Video über die sozialen Medien verbreitet hat, herrscht in Little Village Trauer und Wut. "Es war schwer anzusehen", sagte Baltazar Enriquez, Präsident des örtlichen Gemeinderats der "Times". Für ihn sei der Schuss Mord gewesen. "Adam hebt seine Hände und dann erschießt er ihn." Für Donnerstag und Freitagabend sind in dem Viertel Demonstrationen geplant. Die Einwohnerinnen und Einwohner fordern, dass das Polizeibudget in Sozialprogramme umgeleitet werden soll. "Alle sind extrem wütend", sagte Enriquez. "Wir brauchen keine wütenden Beamte. Wir brauchen Sozialarbeiter."

Weitere Quellen: "The New York Times", mit DPA


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