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Scientology, Shincheonji und Co. Sekten in der Corona-Zeit: Wenn man nur fest dran glaubt, kann man Covid wegbeten

Lee Man-hee führt die Shincheonji-Gruppe aus Korea
Lee Man-hee führt die Shincheonji-Gruppe aus Korea - im vergangenen Jahr gab er eine Pressekonferenz und entschuldigte sich öffentlich, weil zahlreiche Corona-Fälle auf seine religiöse Gruppierung zurückgingen
© Pool / AFP
In der Krise geraten Menschen schnell an problematische Angebote. Sekten haben unterschiedliche Strategien in Corona-Zeiten. Fragt man bei Beratungsstellen an, merkt man: Religiöse Gruppierungen sind nicht das einzige Problem.

Der Mann denkt doch tatsächlich: Wenn man nur ganz fest dran glaubt, kann man das Coronavirus wegbeten. Die Pandemie sei ein Test und Gottes Wille. Und sollte er sterben, dann sei das eben auch ein göttlicher Wunsch. Das erzählt ein Mitglied einer freikirchlichen Bewegung der Beraterin Sandra Pohl. "Er dachte, man müsse sich nicht an die Maßnahmen halten, wenn man nur fest genug an Gott glaube", sagt Pohl. Sie ist Leiterin der Beratungsstelle Zebra in Freiburg.

Das Angebot steht für "Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen". Pohl und ihr Team beraten dort Betroffene und ratlose Angehörige von Mitgliedern neu-religiöser Bewegungen – 2020 kamen Verschwörungserzähler dazu.

Corona auf dem Esoterikmarkt: Wunsch nach Heilung und Wundermitteln

Sogenannte Corona-Leugner bestimmten im Jahr des Coronavirus viele Gespräche; nicht nur die Pandemie bedroht Menschen, weiß Pohl mittlerweile: "Es gibt Paare, die vor einer Trennung stehen, weil sich eine Polarisierung nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Partnerschaften vollzieht." Bewegungen wie Qanon, deren Anhänger unter anderem Politiker, Reiche und Juden mit abstrusen Gräueltaten in Verbindung bringen, erhielten einen großen Zulauf. Pohl bezeichnet die Bewegung als "eine neue Form von Religion". Auch Anbieter auf dem Esoterikmarkt profitierten, weil der Wunsch nach Heilung und Wundermitteln ausgeprägt sei.

Trotz sinkender Mitgliederzahlen in den etablierten Großkirchen beobachtet die Zebra-Stelle in diesem Jahr ein großes Bedürfnis nach sinnstiftenden Angeboten. "In Krisenzeiten ist der Wunsch nach Halt und Orientierung stärker ausgeprägt", sagt Pohl. Einige Menschen hätten Sehnsucht nach weniger Komplexität und nach schwarz-weißen Weltbildern. "Manche neu-religiöse Gruppierungen vertreten ja genau diese Weltbilder, die schwarz-weiß sind", sagt Pohl. Doch gelingt es religiösen Bewegungen, die Krise für eigene Zwecke zu nutzen?

Scientology während Corona: weniger neue Mitglieder

Der umstrittenen Scientology-Organisation, die nach Einschätzung des baden-württembergischen Verfassungsschutzes ein totalitäres gesellschaftliches System anstrebt, fiel es nach Angaben der Behörde im Corona-Jahr schwerer, neue Mitglieder zu werben. Die Gruppe legte Broschüren mit Hygienetipps in Restaurants aus – darin versprach sie, Werkzeuge zu bieten, um mit der Isolation umzugehen. Oder die Gruppe veröffentlicht Videos, die millionenfach geklickt werden, und bietet Onlinekurse an.

"Über dieses Kursangebot beabsichtigt Scientology Menschen, die sich in einer psychischen Ausnahmesituation befinden, an ihre Lehre heranzuführen und als Mitglieder zu gewinnen", sagt ein Sprecher des Verfassungsschutzes. Behörden beobachten die Organisation in vielen Bundesländern, Kritiker sehen sie als gefährliche Sekte an. Experten halten den derzeitigen Einfluss jedoch für gering. "Scientology spielt in Deutschland eigentlich keine große Rolle mehr", sagt Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (Berlin).

Mit der Angst der Menschen spielen

Fritz sieht unter anderem bei einigen Evangelikalen und rechten Katholiken die Tendenz, sich im Internet Corona-skeptisch zu äußern. Und auch bei Demonstrationen gibt es Menschen mit Kruzifixen um den Hals oder in der Hand. "Ein paar evangelikale und pfingstliche Christen sind zu Corona-Demos gegangen, um da quasi diese Stimmung und die Verunsicherung aufzugreifen und als Missionschance zu nutzen", sagt Fritz.

Einige Gruppen mit apokalyptischer Einstellung mischen sich auch unter die Gegner der Corona-Regeln, sagt Jennifer Neumann, Beraterin bei der Sekteninfo Berlin. Sie versuchen, so erklärt es die Expertin, Mitglieder zu werben, "indem sie mit der Angst der Menschen spielen". Für manche Menschen sei die aktuelle Situation so belastend, dass sie sich deshalb problematischen Angeboten anschlössen – sie hofften auf Entlastung. Bei den Zeugen Jehovas etwa habe die Straßenwerbung abgenommen, sagt Neumann. In manchen Briefkästen landeten jedoch Briefe, die auf Hilfe bei einer sogenannten Pandemiemüdigkeit hinwiesen.

Shincheonji: "Eine sehr vereinnahmende Gruppe"

Sorgen bereitet der Sekteninfo eine christliche Bewegung namens Shincheonji aus Korea, die "zu einer der problematischeren Gruppen" gehöre. Im Internet köderten die Mitglieder junge und engagierte Menschen. Die Gruppe missioniere meist nicht unter dem ursprünglichen Namen, sondern mit sogenannten Tarnorganisationen. "Shincheonji ist eine sehr vereinnahmende Gruppe. Die Gruppe denkt in Freund und Feind sowie Schwarz und Weiß, was wir als sehr konflikthaft ansehen", sagt Neumann.

An der Zahl der Beratungsanfragen können die Berliner Sekten-Experten keine Veränderungen ablesen. Ähnlich wie im letzten Jahr haben etwa 600 Beratungs- und Informationsgespräche stattgefunden. Generell halten sich religiöse Gruppen an die Corona-Regeln, sagt Pohl. Die negativen Nachrichten durch Infektionsausbrüche nach Gottesdiensten wollten die meisten verhindern und "auf gar keinen Fall negativ auffallen". In den letzten Jahren ist es nach Ansicht von Experten ohnehin ruhiger geworden um die neu-religiösen Bewegungen; sogenannte Patchwork-Religionen haben zugenommen, wenn man Pohl fragt. Glaube werde individueller und eher weniger in Institutionen gelebt.

Neumann rät Menschen mit Angehörigen, die an problematische Gruppen oder Menschen gelangt sind, wachsam zu sein und sich mit ihnen auszutauschen und sie ernst zu nehmen. Die Gespräche, erklärt Neumann, sollten frei von Vorwürfen oder Häme sein. Es gibt Gruppen oder Angebote, die sich negativ auf das Leben von Menschen auswirken können, sagt Beraterin Pohl. "Für manche kann eine Gruppierung aber auch positiven Einfluss haben, weil sie eine Stabilisierung erleben."

Felix Schröder / Philipp von Ditfurth / feh DPA

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