VG-Wort Pixel

Skurriler Brief Deutsche Führerscheine und Armee: Großbritannien sucht händeringend nach Lösungen für Sprit-Krise

Großbritannien Sprit-Krise: Eine Tankstelle in London
Mit Schildern und Absperrungen weisen die Betreiber dieser Tankstelle in London darauf hin, dass es im Moment kein Benzin zu kaufen gibt
© Tolga Akmen / AFP
An britischen Tankstellen ist der Sprit knapp. Um das Problem aus der Welt zu schaffen, scheut die Regierung auch vor skurrilen Maßnahmen nicht zurück: In einem Brief wurde nun Tausenden Deutschen nahegelegt, über eine "Rückkehr" in die Lkw-Branche nachzudenken – auch wenn viele noch nie am Steuer eines Lasters saßen.

"No Fuel" oder "Sorry, out of use": Solche Schilder begegnen gefrusteten Autofahrern derzeit an vielen Tankstellen in Großbritannien. Vor den noch offenen Zapfsäulen bilden sich lange Warteschlangen. Weil auf der Insel Fahrer fehlen, stehen derzeit viele Lkw still, mit denen üblicherweise Diesel und Benzin ausgeliefert werden – Tankstellen, denen der Sprit ausgeht, können mitunter nicht rechtzeitig mit Nachschub versorgt werden. Während der Pandemie haben viele Fahrer aus Osteuropa das Land verlassen. Strenge Einreiseregeln nach dem Brexit sorgen dafür, dass viele nicht zurückkehren. Dem Land fehlen laut Schätzungen rund 100.000 Lkw-Fahrer. 

In Großbritannien lebende Deutsche sollen Lastwagen fahren

Die Regierung versucht händeringend, das Problem zu lösen – und scheut dabei auch vor skurril wirkenden Maßnahmen nicht zurück. So erhielten einem Bericht zufolge etliche in Großbritannien lebende Deutsche mit einem älteren Führerschein Post von der britischen Regierung. Tausende Deutsche im Land, die vor 1999 ihren Führerschein gemacht hätten, seien angeschrieben worden, da sie kleinere Lastwagen fahren dürften, berichtete die Zeitung "Independent".

In dem Brief des Verkehrsministeriums, der der Zeitung vorliegt, wird den Angeschriebenen nahe gelegt, eine "Rückkehr" in die Fernfahrerbranche in Betracht zu ziehen – auch wenn viele der Adressaten noch nie am Steuer eines Lasters gesessen hätten. "Es gibt großartige Möglichkeiten für Lastwagenfahrer in der Logistikbranche und die Arbeitsbedingungen haben sich im gesamten Sektor verbessert", heißt es in dem Schreiben. "Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen sind noch nie mehr gebraucht worden als jetzt."

"Noch nie ein größeres Auto als einen Volvo gefahren"

Aus dem britischen Verkehrsministerium hieß es, der Brief sei an fast eine Million Menschen mit Lkw-Führerscheinen gesendet worden. Aus Datenschutzgründen sei es unmöglich gewesen, die Liste der Empfänger genauer nach Berufen zu filtern. Autofahrer mit deutschen Führerscheinen, die vor 1999 ausgestellt wurden, dürfen unter bestimmten Bedingungen kleine Lastwagen mit einem maximalen Gewicht von 7500 Kilogramm fahren.

"Es ist schön zu wissen, dass es noch immer Job-Perspektiven hier für uns nach dem Brexit gibt", sagte ein 41-jähriger Deutscher, der mit seiner Frau in London lebt, dem "Independent". "Wären wir nach Deutschland gegangen, wären wir wohl niemals als Lastwagenfahrer von Headhuntern angeworben worden." Vorerst wolle er seinen Job bei einer Investmentbank jedoch behalten, und seine Frau habe auch noch nie ein größeres Auto als einen Volvo gefahren und werde die "aufregende Möglichkeit" wohl auch ausschlagen.

Britische Armee stellt 100 Fahrer

Auch soll ab kommendem Montag die Armee zur Belieferung der Tankstellen eingesetzt werden. Fast 200 Soldaten würden dafür bereit gestellt, die Hälfte davon als Fahrer, erklärte die Regierung am Freitagabend. Damit solle "der Druck von den Tankstellen genommen" und der Mangel an Lastwagenfahrern ausgeglichen werden. Angesichts der Zehntausenden fehlenden Fahrer wirkt das aber nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. 

Die Regierung macht für die Krise an den Tankstellen vor allem Hamsterkäufe verantwortlich. Nach den Worten von Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng bessert sich die Lage an den Zapfsäulen allmählich. "Es ist wichtig zu betonen, dass es auf nationaler Ebene keinen Treibstoffmangel gibt und dass die Leute ganz normal Treibstoff kaufen sollten", erklärte er.

Skurriler Brief: Deutsche Führerscheine und Armee: Großbritannien sucht händeringend nach Lösungen für Sprit-Krise

Der akute Fahrermangel hat auf der Insel derzeit drastische Konsequenzen: Auch Supermarktregale blieben bereits teilweise leer. Nach dem Brexit und durch die Corona-Pandemie ist die Zahl der Arbeitnehmer aus dem europäischen Ausland in der britischen Logistikbranche stark zurückgegangen. Dabei handelt es sich insbesondere um Jobs, die aufgrund schlechter Bezahlung und unangenehmer Arbeitszeiten von britischen Arbeitnehmern gemieden werden. Mit Kurzzeitvisa für einige Tausend Fahrer bis Weihnachten hofft die Regierung nun, zusätzlich Abhilfe in der akuten Krise schaffen zu können.

ikr DPA AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker