Stockende Erdbeben-Hilfe Haitianer errichten Barrikaden aus Leichen


Die Hölle auf Erden: Port-au-Prince gleicht einem Massengrab, und dazwischen irren Überlebende des Erdbebens umher auf der Suche nach Hilfe - doch die kommt nicht. Die Verzweiflung schlägt in Wut um.

Während Retter aus aller Welt sich nach Haiti aufmachen, kommt die Hilfe in den von Leichen übersäten Straßen der vom Beben zerstörten Hauptstadt nur sehr langsam an. Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten in der Nacht zum Freitag von dramatischen Szenen und einer zunehmend verzweifelten Bevölkerung in Port-au-Prince. Noch immer graben die Menschen zumeist mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten aus Angst vor Nachbeben im Freien - oder weil ihre Häuser zerstört sind.

Aus Wut über die ausbleibende Hilfe haben einige Haitianer einem Augenzeugen zufolge Straßensperren mit Leichen errichtet. Der Fotograf Shaul Schwarz vom Magazin "Time" sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Sie haben angefangen, die Straßen mit Leichen zu blockieren." Er habe in Port-au-Prince an mindestens zwei Stellen Barrikaden aus Toten und Steinen gesehen. "Es wird langsam hässlich da draußen", sagte Schwarz. "Die Leute haben es satt, dass ihnen nicht geholfen wird."

Sorge vor Ausschreitungen wächst

Auch Urs Bernhard von der Hilfsorganisation World Vision berichtet von dramatischen Szenen. "Die Versorgung wird sich in den nächsten Stunden verschlechtern, Wasser, Nahrungsmittel, medizinische Versorgung wird jetzt dringend gebraucht - das kann, wenn nichts bereitgestellt wird, sonst zu Ausschreitungen führen", sagte er im ZDF-Morgenmagazin. Im Moment sei es trotz einer katastrophalen Situation vor Ort noch weitgehend ruhig. Bernhard: "Es ist ein bisschen grotesk: Die Leichen liegen am Straßenrand und auf der anderen Seite gibt es Markttreiben."

Auch die brasilianische Soldaten der UN-Friedenstruppe in Haiti sehen sich mit wachsender Ungeduld von Überlebenden konfrontiert, die über den schleppenden Verlauf der Hilfsmaßnahmen aufgebracht sind. "Sie werden langsam wütender und ungeduldiger", sagte der Sprecher der UN-Friedensmission, David Wimhurst. "Sie wollen, dass wir ihnen Hilfe bringen, was wir natürlich auch wollen." Aber stattdessen sähen sie nur, wie die UN-Fahrzeuge durch die Straßen patrouillierten, um die Sicherheit aufrechtzuerhalten.

Massengräber werden vorbereitet

Nach Berichten von CNN-Korrespondenten wurden massenhaft Tote von den Straßen gesammelt und mit Radladern in große Lastwagen gekippt. Eine Identifizierung der Opfer sei kaum mehr möglich. Dafür fehle es an Zeit und Personal. Die Bergung der schätzungsweise 50.000 Toten kommt jedoch nur langsam voran. Es sei jetzt eine der wichtigsten Aufgaben, die Leichen von den Straßen zu holen, sagte der Bürgermeister von Port-au-Prince, Muscadin Jean Yves Jason. Es mangele aber an der nötigen Ausrüstung. Es wird befürchtet, dass die rasche Verwesung der Leichen bei Temperaturen von 27 Grad die Entstehung von Seuchen begünstigt.

Die Stadt begann am Donnerstag mit Vorbereitungen für ein Massengrab. Auf einem Friedhof bereiteten Baufahrzeuge die Aushebung vor. Auch die UN-Friedenstruppe begann, die Beisetzung von Erdbebenopfern in Massengräbern vorzubereiten. Vor der Leichenhalle des Zentralkrankenhauses von Port-au-Prince wurden mehrere hundert Tote zusammengetragen.

Im Laufe des Tages soll in den Gewässern vor Haiti der US-Flugzeugträger "Carl Vinson" mit 19 Hubschraubern und Tausenden Soldaten eintreffen. Von ihm erhoffen sich die Hilfsorganisationen eine Beschleunigung der Rettungsarbeiten. Die USA wollten außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienschiffe ebenfalls mit Helikoptern und 2200 Marineinfanteristen sowie ein Lazarettschiff. Insgesamt werden sich nach Angaben des US-Südkommandos in Miami am Wochenende mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte zur Unterstützung der Hilfsmaßnahmen in Haiti oder in Küstennähe aufhalten.

Der beschädigte Flughafen der Hauptstadt erwies sich am Donnerstag als größtes Hindernis für ein rasches Anlaufen der Rettungsarbeiten. "Dank der sofortigen Hilfe so vieler Staaten haben wir sehr viel Personal und Hilfsgüter. Aber wir müssen sie ja auch ins Land bringen. Die Flughäfen sind der Flaschenhals", klagte UN-Nothilfekoordinator John Holmes in New York.

Schicksal der 100 Deutschen auf Haiti ungewiss

Den Helfern, die Port-au-Prince erreichten, bot sich ein Bild von Chaos, Tod und Verwüstung. Zwischen Leichenbergen und Ruinen irrten Tausende verletzt, hungernd und traumatisiert durch die Trümmerstadt. Erste Plünderungen wurden gemeldet. Luftbilder zeigen Landschaften wie nach einem Bombardement. Trümmer in den Straßen machen ein Vorankommen für die Rettungskräfte vielerorts unmöglich. Etwa drei der neun Millionen Einwohner Haitis sind nach Angaben des Roten Kreuzes in akuter Not.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist bisher aber ebenso unklar wie das Schicksal vieler der knapp 100 Deutschen in dem Inselstaat. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien über den Landweg in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist.

DPA/APN/Reuters DPA Reuters

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