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Störfall: Wie sicher sind deutsche AKWs?

Nach dem Atom-Störfall in Schweden ist ein Streit um die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke entbrannt. Die AKW-Betreiber sagen, der Fall sei nicht auf Deutschland übertragbar. Die Atomkraftgegner fordern den Ausstieg.

Nach dem Atom-Störfall in Schweden schließen die Energiekonzerne eine vergleichbare Panne in einem der 17 deutschen Kernkraftwerke aus. Dagegen sprach die Umweltschutzorganisation BUND von einem "Beinahe-GAU in Schweden" und forderte die Bundesregierung auf, den gesetzlich vereinbarten Atomausstieg zu beschleunigen. Das Bundesumweltministerium teilte am Freitag mit, der Stromausfall im Atomkraftwerk Forsmark sei ein "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis". Es werde geprüft, ob die technischen Mängel bei der Notstromversorgung auch bei deutschen Meilern möglich seien.

Am Donnerstag war bekannt geworden, dass vier der zehn schwedischen Atomreaktoren abgeschaltet worden waren, um die Sicherheitssysteme zu überprüfen. Im Kraftwerk Forsmark, das vom Energiekonzern Vattenfall betrieben wird, der auch in Deutschland aktiv ist, waren am 26. Juli nach einem Ausfall der Stromversorgung zwei der vier Dieselaggregate zur Notstromversorgung nicht wie geplant automatisch angelaufen. Von der Abschaltung in Schweden ist auch der größte deutsche Energiekonzern E.ON betroffen. Das schwedische Tochterunternehmen nahm zwei von drei Reaktoren im Kraftwerk Oskarshamn vom Netz.

Das Energieunternehmen teilte mit, es gebe keine Vereinbarung, dass Vattenfall bei einer Störung in Schweden zusätzlich zu den dortigen Behörden noch Stellen im Ausland informieren müsse, sagte ein Sprecher des Unternehmens in Hamburg. Die Gefahr, dass sich in Krümmel und Brunsbüttel der gleiche Fehler wiederholen könnte, bestehe ebenfalls nicht. "Beide Kraftwerke haben eine andere Notstromversorgung als Forsmark", sagte der Sprecher. Dennoch würden die Anlagen vorsorglich untersucht. Vom Netz müsse deswegen aber keiner der Reaktoren.

Prüfung der Reaktorsicherheit

Eine Ministeriumssprecherin sagte, es müsse rasch geklärt werden, ob in den deutschen Atomkraftwerken die Notstromsysteme oder Komponenten vom Hersteller AEG geliefert worden seien, "die in Schweden möglicherweise Ursache der gravierenden Auswirkungen des Kurzschlusses waren". An der Prüfung beteiligt sind die Gesellschaft für Reaktorsicherheit, das Bundesamt für Strahlenschutz und die Atomaufsichtsbehörden der Länder.

Dagegen erfuhr DPA aus Kreisen der Energiewirtschaft, erste Analysen in den 17 deutschen Kernkraftwerken hätten ergeben, dass der schwedische Störfall nicht übertragbar sei. Falsch sei, dass in Forsmark eine Kernschmelze gedroht habe. Die Kühlung habe zu keiner Zeit versagt, hieß es weiter. Der Störfall habe auf der internationalen Skala von 0 bis 7 den Faktor 2 erreicht. Erst ab Stufe 4 gehe eine Gefahr für Menschen und Umwelt aus.

Laut Greenpeace kam es auch in deutschen Atomkraftwerken immer wieder zu Notstromversorgungsproblemen, etwa am 3. März 2004 im AKW Isar 2. Dazu E.On-Pressesprecherin Petra Uhlmann gegenüber stern.de: "Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Ja, wir hatten im März 2004 ein meldepflichtiges Ereignis, aber es ist in keiner Weise mit dem in Schweden vergleichbar. Wir haben die Stromversorgung unserer Atomkraftwerke geprüft und sind zu dem Schluß gekommen, dass alles in Ordnung ist. Wenn die schwedischen Behörden neue Ergebnisse vorlegen, werden wir noch einmal alles analysieren. Das ist aber ein Routinevorgang: Immer, wenn irgendwo auf der Welt ein Unglück in einem Kernkraftwerk passiert, prüft man die eigene Technik."

BUND warnt vor Laufzeitverlängerung

Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) soll es im Februar 2004 und im Oktober 2005 in Biblis ähnliche Ausfälle der Notstromaggregate wie jetzt in Schweden gegeben haben. Wenn nun selbst schwedische Atommanager vom "schwersten Störfall seit Harrisburg und Tschernobyl" sprächen, müsse die Bundesregierung Konsequenzen ziehen, sagte die stellvertretende BUND-Vorsitzende Brigitte Dahlbender. Die von den Stromkonzernen geplante Laufzeitverlängerung für das störanfällige AKW in Biblis dürfe nicht genehmigt werden. Die Reaktoren in Biblis, Neckarwestheim und Brunsbüttel müssten binnen vier Jahren abgeschaltet werden.

Der SPD-Umweltexperte Marco Bülow sagte, der Zwischenfall habe bewiesen, dass die Risiken der Atomkraft nicht beherrschbar seien. Am deutschen Atomausstieg dürfe deshalb nicht gerüttelt werden. "Jeder Tag, an dem wir uns dem unvermeidbaren Risiko, das jedes Atomkraftwerk mit sich bringt, aussetzen, ist ein Tag zu viel", sagte Bülow.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), die im Norden die Aufsicht über die von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel hat, kritisierte die Informationspolitik des Konzerns. "Ich hätte erwartet, dass der Betreiberkonzern uns unverzüglich über ein solches Ereignis in einer von ihm in Schweden betriebenen Anlage informiert", sagte sie. Das Ministerium habe von dem Störfall aus der Presse erfahren. Sie wandte sich gegen Bestrebungen, die Laufzeit von Brunsbüttel zu verlängern.

DPA/Reuters / DPA / Reuters