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Debatte in sozialen Medien Sind europäische Opfer mehr wert als arabische?

Trauernde Verwandte in Beirut hält ein Porträt ihres getöteten Sohnes in die Luft
Trauer in Beirut: 43 Menschen wurden durch zwei Bomben des IS zerfetzt
© Joseph Eid/AFP
Ein libanesischer Arzt klagt nach den Pariser Terroranschlägen in seinem Blog die Doppelmoral des Westens an, der sich nicht um Opfer in arabischen Ländern schere. Er erhält viel Zuspruch, aber auch Kritik.
Von Tim Schulze

Ein junger libanesischer Arzt hat mit einem Blogeintrag eine heftige Debatte in den sozialen Medien ausgelöst. Die "New York Times" veröffentlichte den Text zuerst auf ihrer Internetseite, in Deutschland zogen die "Huffington Post" und "sueddeutsche.de" nach und brachten Übersetzungen. Auf Facebook wurde er fast 280.000 Mal geteilt und tausendfach über Twitter verbreitet.

In seinem Text stellt Elie Fares, ein 26-jähriger Arzt aus Beirut, fest: In unserer Welt zählen arabische Opfer nicht so viel wie europäische. Hintergrund ist der verheerende Bombenanschlag, den der Islamische Staat am vergangenen Donnerstag in Beirut verübte: Dabei fanden 43 Menschen den Tod, über 240 wurden verletzt.

Westliche Medien meldeten den Anschlag zwar pflichtbewusst, doch waren und sind die Berichterstattung und die Reaktionen auf den tödlichen Terror in der libanesischen Hauptstadt in keiner Weise zu vergleichen mit dem, was sich in Frankreich, Europa und den USA nach den Terroranschlägen in Paris abspielte.

Fares klagt an: "Als meine Leute am 12. November auf den Straßen Beiruts starben, standen die Führer der Welt nicht auf und verurteilten das. Es gab keine Statements, in denen Sympathie mit dem libanesischen Volk ausgedrückt wurde (Anm. d. Red: Das ist nicht ganz korrekt. Barack Obamas Nationaler Sicherheitsrat und die UN gaben Statements ab) Es gab keine weltweite Empörung darüber, dass unschuldige Menschen, deren einziger Fehler war, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nie so etwas passieren sollte oder dass ihre Familien niemals auf solche Weise zerstört werden sollten. (…) Als meine Leute starben, hielt es kein Land für nötig, seine Sehenswürdigkeiten in den Farben seiner Flagge zu beleuchten. Nicht einmal Facebook hielt es für nötig, dass meine Leute sich als "sicher" markieren konnten, so banal das auch sein mag,“ schreibt Fares.*

Der junge Arzt hat in Paris gelebt und bekennt seine Liebe zu der Stadt. Doch im Text zeigt er sich resigniert angesichts der unterschiedlichen Reaktionen auf die Attentate: "Im vergangenen Jahr habe ich mich damit abgefunden, eines von den Leben zu führen, die egal sind. Ich habe gelernt, es zu akzeptieren und damit zu leben.“ Noch schlimmer als das fehlende Mitleid der westlichen Welt sei allerdings, dass auch viele in Beirut mehr Anteil an den Toten in Paris nehmen als an den eigenen, auch, weil sie teilweise glauben, dass ihr "Leben nicht so wertvoll" sei.

Sein Text endet mit dem Satz: "In einer Welt, die sich nicht um arabische Leben schert, stehen Araber in der vordersten Frontlinie.“

Dass der Text sich rasend schnell im Internet verbreitete, beweist, dass viele Menschen die Meinung des Autors teilen. Kritiker weisen daraufhin, dass die Reaktionen vieler User im Internet viel mit "moralisierender Wichtigtuerei" ("Die Welt") zu tun hätten. Demnach sei es nur menschlich, dass uns in Europa französische Opfer näher seien als libanesische. Die Debatte wird weiter gehen.

Das Blut in Paris war noch nicht trocken, da begannen schon die Vergleiche: Über andere Anschläge sei im Westen weniger berichtet worden. Das ist einfach Unfug!

Posted by DIE WELT on Montag, 16. November 2015

* Die Übersetzung wurde von der "Süddeutschen Zeitung" übernommen.


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