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Transrapid-Unglück: 15 Menschen in den Tod gerissen

Es sollte ein ganz besonderer Ausflug werden. Mit 400 Kilometern pro Stunde wollten 29 Passagiere auf der Teststrecke der Magnetschwebebahn Transrapid durch das Emsland fahren. Das Abenteuer endete tödlich.

Von Monique Berends, Lathen

Es war die erste Testfahrt für heute. Doch nur etwa zwei Kilometer vom Bahnhof der Magnetschwebebahn entfernt fand sie ein tragisches Ende. Mit einer Geschwindigkeit von knapp 200 Kilometern pro Stunde prallte ein Testzug des Transrapids im emsländischen Lathen auf einen bemannten Inspektionswagen, der aus bisher ungeklärter Ursache auf der Trasse unterwegs war.

Schon 450 Meter vor der Unfallstelle liegen Stücke der Magnetschwebebahn neben der Trasse. Metergroße Trümmer lassen vermuten, dass von der Transrapid nicht viel übrig geblieben ist. Zerschmetterte Türen und ganze Stücke der Ummantelung liegen zwischen den Pfeilern. Das Rapsfeld und das angrenzende Wäldchen werden von Rettungskräften mit Leichenspürhunden durchkämmt. Zum Zeitpunkt des Unglücks um 9.30 Uhr befanden sich 29 Passagiere an Bord des High-Tech-Zuges, zwei Personen inspizierten mit dem Wartungswagen die Trasse. Bisher konnten zehn Verletzte geborgen werden, 15 Tote wurden bestätigt. Es besteht kaum Hoffnung, dass die restlichen Passagiere noch lebend aus den Trümmern geholt werden können.

Keine weiteren Lebenszeichen

Warum der Wartungswagen zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs war, konnte bisher niemand erklären. Täglich fährt er vor Beginn der Testfahrten die Strecke ab, um sicherzustellen, dass die Trasse nicht blockiert ist. Üblicherweise entfernen die Arbeiter Äste und anderes Gefahrengut. Doch heute wurden sie selbst zur Gefahr für den Zug. Bei dem Aufprall schob sich die Transrapid unter den Inspektionswagen, der nicht, wie der Zug, durch eine Magnettechnik mit der Schiene verbunden ist, sondern auf Reifen fährt.

Um 9.39 Uhr ging der Notruf bei der Leitzentrale ein. Nur wenige Minuten später waren mehr als 200 Rettungskräfte vor Ort, darunter 12 Notärzte, Einsatzkräfte der umliegenden freiwilligen Feuerwehren, Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes und des Deutschen Roten Kreuzes. Die Betriebsfeuerwehr stellte sofort zwei Kräne bereit, um an die mehrere Meter hohe Trasse mit dem Unglückszug zu gelangen. Daher verlief die Bergung der Überlebenden relativ zügig. Doch schon zu diesem Zeitpunkt konnte man keine Lebenszeichen anderer Opfer feststellen. Ein Gerichtsmediziner und ein technischer Sachverständiger kümmern sich um die Sicherung forensischer Beweise.

Wulff und Merkel vor Ort

Dr. Alexander Retemayer von der Staatsanwaltschaft Osnabrück geht davon aus, dass die Bergungsarbeiten noch mehrere Stunden andauern werden. Zahlreiche Opfer waren und sind eingeklemmt, Experten von der Meyer Werft in Papenburg wurden für Schweißerarbeiten hinzugezogen.

Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff zeigte sich erschüttert angesichts dieser Tragödie: "Die Transrapid ist 23 Jahre lang störungsfrei gefahren. Dies ist ein tragischer und grausamer Unfall. In Gedanken sind wir bei den Angehörigen der Opfer." Wulff betonte, dass das Land sich nun um die Hinterbliebenen kümmern werde. Es sei bereits ein Hilfsfonds eingerichtet worden, der die betroffenen Familien finanziell unterstützen solle. Besonders den Kindern, die ein oder mehrere Elternteile verloren hätten, müsse geholfen werden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel drückte vor Ort ihr Mitgefühl mit den Opfern aus.

Morgen früh wird Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee erwartet, der angesichts des Unglücks seine China-Reise abgebrochen hat. Stellvertretend für ihn war der Staatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, Jörg Hennerkes, an der Unfallstelle. Er zeigte sich fassungslos, im Zusammenhang mit diesem High-Tech-Gerät von einem solchen Unglück sprechen zu müssen. Es gebe jedoch keinen Anlass, an der Tüchtigkeit der Magnetschwebebahn zu zweifeln. Die Staatsanwaltschaft schließt unterdessen einen Sabotageakt aus. Vermutlich sei menschliches oder technisches Versagen Schuld an dem Unfall.

Regulär 90 Passagiere an Bord

Die Transrapid ist eine beliebte Touristenattraktion im Emsland. Der Zug wird für Betriebsfeiern, Schulausflüge und Präsentationen gebucht, gerne kommen auch Besucher aus den benachbarten Niederlanden nach Lathen, um die Höchstgeschwindigkeit von 400 km/h zu erleben. Normalerweise sind bei einer Testfahrt etwa 90 Menschen an Bord, heute waren es glücklicherweise nur 29. Darunter sind Mitarbeiter der Betreibergesellschaft IABG sowie vom Energiekonzern RWE. Zur Stunde werden die Opfer identifiziert, Sprecher der Polizei wollten zu den Ergebnissen keine weiteren Angaben machen.