HOME

Unglück der "Costa Concordia": Taucher bergen 16. Todesopfer

Am gekenterten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" wird das Abpumpen des Treibstoffs vorbereitet. Die Prozedur soll noch in dieser Woche beginnen. Gleichzeitig geht die Suche nach Vermissten weiter. Das 16. Todesopfer wurde unterdessen gefunden.

An der vor der Insel Giglio havarierten "Costa Concordia" haben die Vorbereitungen für das Abpumpen von rund 2300 Tonnen Schweröl aus dem Kreuzfahrtschiff begonnen. Mit dem Abpumpen wird wohl aber nicht vor Samstag begonnen. Taucher der Bergungsfirma Smit inspizierten den Rumpf des gekenterten Schiffes, um zu sehen, in welchem Zustand dieser ist.

Auch die Suche nach Vermissten wurde fortgesetzt. Marine-Taucher gingen daran, sich auf der Höhe des dritten Decks am Heck der "Costa Concordia" den Weg in das Schiffsinnere frei zu sprengen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Dort fanden Taucher am Dienstagnachmittag eine tote Frau. Die ältere Frau habe eine Rettungsweste getragen, sagte eine Sprecherin. Damit steigt die Zahl der geborgenen Toten auf 16.

Doppelte Barriere gegen das Öl

Am frühen Morgen war ein Kranboot der niederländischen Bergungsfirma aus dem Hafen von Giglio in die Nähe des gekenterten Kreuzfahrtschiffs gezogen worden. Noch in dieser Woche wollen die Experten mit dem Abpumpen des Treibstoffs beginnen. In den Tanks des Schiffes befindet sich überwiegend Schweröl. Dieses muss zunächst erwärmt werden, bevor es abgepumpt werden kann. Es gilt als weitaus umweltschädlicher als Diesel. Um die Gefahren einer Ölpest vor der toskanischen Küste einzudämmen, haben die Behörden zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen gefordert. So soll die bisher geplante schwimmende Barriere gegen auslaufendes Öl verdoppelt werden.

Die Einsatzleitung hatte Smit am Montag grünes Licht für die komplexe Aktion gegeben. Wenn keine Komplikationen auftreten, sollen die 17 Tanks des Ozeanriesen in knapp 30 Tagen geleert sein. Für den Abend sind stärkerer Nordwind und bewegte See in der Region vorhergesagt. Ob das die Arbeiten an dem Schiff bedrohen kann, ist unklar. Am Montag hatte ein Verantwortlicher des Zivilschutzes aber betont, Wellen von einer Höhe bis eineinhalb Meter würden den Einsatz nicht beeinträchtigen. Das Schiff drohe neuesten Messungen zufolge zufrm nicht weiter zu sinken.

Falsche Vermisstenmeldung aus Ungarn

Etwa 20 Menschen werden noch vermisst. Unter den bereits identifizierten Opfern sind nach den Angaben ein Deutscher, vier Franzosen - darunter ein Ehepaar - und je ein Mann aus Italien, Spanien und Ungarn. Am Dienstag wurde außerdem eine italienische Passagierin identifiziert.

Als falsch hat sich inzwischen eine Vermisstenmeldung aus Ungarn herausgestellt. Eine Familie hatte sich an die italienischen Behörden gewandt, weil eine Frau aus der Familie angeblich unangemeldet auf dem Kreuzfahrtschiff mitgereist war und sich nach dem Unfall nicht mehr gemeldet habe. Wie das Außenministerium in Budapest jedoch mitteilte, habe die Familie "die Daten einer vor drei Jahren gestorbenen Person missbraucht". Offenbar wollten die Ungarn mögliche Entschädigungszahlungen abgreifen.

Dagegen halten sich weiter Vermutungen, dass mehrere blinde Passagiere an Bord der "Costa Concordia" gewesen sein könnten. Zu viele Unbefugte habe es in der kritischen Zeit auf der Kommandobrücke gegeben, zitierten italienische Zeitungen aus den Verhörprotokollen der Offiziere. "Der Kapitän wurde von dem Gerede abgelenkt", soll die Offizierin Silvia Coronika den Ermittlern gesagt haben. Die Personen seien mit dem Kapitän auf die Brücke gekommen und hätten dann beim Manövrieren "gestört".

Reederei muss Bergungsplan vorlegen

Ein Feuerwehrhauptmann sagte, die Bergungsarbeiten im Inneren des Schiffes würden immer beschwerlicher, die Zustände immer chaotischer. "Stellen Sie sich vor, Sie fahren in den Urlaub und im Kühlschrank fällt der Strom aus", sagte Aquilino.

Gabrielli erklärte, der vor knapp eineinhalb Wochen gekenterte Luxusliner sei stabil. "Die Gefahr besteht nicht mehr, dass er absinkt", sagt er. Dies hätten umfangreiche Messungen in den vergangenen Tagen ergeben. Zuletzt hatten minimale Bewegungen der "Concordia" die Suche nach Vermissten zeitweise unterbrochen und den Start der Öl-Bergungsarbeiten durch Smit verzögert. Das Schiff war in der Nacht zum Sonntag erneut etwas abgerutscht.

Gesucht werden solle solange, bis das Schiff voll inspiziert werden könne, erklärte Gabrielli. Denn Opfer, die möglicherweise zwischen Rumpf und Meeresboden eingeklemmt worden seien, könnten erst dann geborgen werden, wenn das 290 Meter lange Schiff wieder aufgerichtet worden sei. Die Reederei Costa Crociere sei aufgefordert, einen Bergungsplan für das Kreuzfahrtschiff vorzulegen, sagte er.

Generalstaatsanwalt hat Costa Crociere im Blick

Der Generalstaatsanwalt der Toskana, Beniamino Deidda, rückte derweil die zuständige Reederei Costa Crociere ins Zentrum kritischer Fragen. "Der Arbeitgeber ist verantwortlich, man muss also den Blick auf die vom Reeder getroffenen Entscheidungen richten", sagte Deidda, berichteten italienische Medien am Dienstag.

Deidda bezog sich damit auch auf die Tatsache, dass die Reederei den beschuldigten und unter Hausarrest stehenden Francesco Schettino zum Kapitän gemacht hatte. In Sachen Sicherheit und Organisation habe es "Probleme und unglaubliche Leichtfertigkeit gegeben", hielt Deidda fest. Costa-Manager Roberto Ferrarini soll am Abend des Unglücks und der erst spät angeordneten Evakuierung des Schiffes mindestens dreimal mit Schettino telefoniert haben.

dho/swd/DPA / DPA