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Unglückszone um Fukushima: Eine Evakuierung, die zu spät kommt

Lange hat Japans Regierung sich geweigert, die Evakuierungszone rund um das AKW Fukushima auszuweiten - nun will sie weitere Städte räumen lassen. Kritikern gehen die Maßnahmen nicht weit genug.

Von Mareike Rehberg

Seit Wochen fordern Greenpeace und die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) Japan auf, die Evakuierungszone rund um das havarierte Kernkraftwerk Fukushima 1 auszuweiten – am Montag hat die Regierung endlich reagiert. Bisher galten nur Städte im Umkreis von 20 Kilometern um das AKW als Sperrzone, jetzt sollen auch weitere Orte mit hoher Strahlung geräumt werden. Dazu zählen Namie, Katsurao und das 6000-Einwohner-Dorf Iitate, das 40 Kilometer von Fukushima 1 entfernt liegt. Zehntausende Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen. Die Begründung der Regierung: Die Krise im Atomkraftwerk halte an, in einigen Regionen könne die Strahlung 20 Millisievert oder mehr im Jahr erreichen. Die natürlich vorkommende Radioaktivität beträgt rund ein Millisievert pro Jahr.

Die Ausweitung der Zone ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, für den Greenpeace-Atomexperten Tobias Riedl gehen die Maßnahmen aber nicht weit genug. Noch 60 Kilometer von der zerstörten Anlage entfernt hat das Greenpeace-Messteam stark erhöhte Strahlungswerte in Bodenproben festgestellt. Das Problem: Radioaktivität verteilt sich nicht gleichmäßig, sondern abhängig von der Windrichtung und vom Regen. Die Verteilung der belasteten Städte auf der Landkarte gleicht – wie schon vor 25 Jahren in Tschernobyl – einem Flickenteppich.

Kinder und Schwangere sofort evakuieren

Daher könne man nicht einfach mit dem Zirkel ein Evakuierungsgebiet abstecken, sagt Riedl im Gespräch mit stern.de. Das sei möglich, wenn die Menschen nur vorbeugend in Sicherheit gebracht werden sollen. Doch in Städten wie Fukushima City oder Koriyama, die nicht evakuiert werden, seien gefährlich hohe Werte gemessen worden - Greenpeace fordert, zumindest Kinder und schwangere Frauen sofort in Sicherheit zu bringen. Japans Regierungssprecher Yukio Edano rät Kranken, Schwangeren und Kindern zwar, sich mindestens 30 Kilometer vom AKW entfernt aufzuhalten, doch wie soll man das machen, wenn man dort wohnt? Mit den Orten, die neu auf der Evakuierungsliste stehen, hat es die Regierung nicht eilig. Erst in etwa einem Monat sollen die betroffenen Gebiete ganz geräumt sein.

Atomexperte Riedl spricht sich dafür aus, die Sperrzone auf mindestens 40 Kilometer auszuweiten und alle radioaktiv belasteten Ortschaften, die außerhalb dieses Radius liegen, so schnell wie möglich zu räumen. Australien und die USA raten ihren Bürgern sogar, mindestens 80 Kilometer Abstand zum Unglücks-AKW zu halten.

Menschen, die weiter in den verstrahlten Städten bleiben, leben gefährlich: Nach einer Bodenprobenanalyse der Kyoto-Universität stammen 80 Prozent der Radioaktivität von Cäsium-Isotopen. Sie lagern sich in den Knochen ein und zerfallen nicht – wie radioaktives Jod – nach wenigen Tagen, sondern erst nach Jahren. Cäsium kann die Nieren schädigen und erhöht das Risiko für Lungen- und Knochenkrebs.

Diejenigen, die in den vergangenen Wochen bereits ihre Heimat verlassen mussten, durften jetzt zum ersten Mal in ihre Häuser in der Sperrzone zurückkehren, um letzte Habseligkeiten zusammenzusuchen. Ein großes Problem, wie Riedl findet. "Es besteht die Gefahr", warnt er, "dass die Menschen Radioaktivität, die sich als Staub auf den Gegenständen abgesetzt hat, verschleppen." Von glatten Oberflächen ließen sich die Partikel zwar abwaschen, aber in Kleidung und Handtüchern setzten sie sich fest. Schon das Einatmen des Staubs sei gefährlich, sagt Riedl, noch schädlicher sei aber, die Teilchen herunterzuschlucken.

Auch Tsunami-Opfer müssen versorgt werden

Doch warum hat Japan überhaupt so spät auf die erhöhten Werte in vielen Städten reagiert? Tobias Riedl vermutet, dass die Regierung sich lange vor dem logistischen Aufwand gescheut hat. Dieser Ansicht ist auch Gerold Reichenbach, Vorsitzender des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge: "Mit der Evakuierung Tausender Bürger sind beträchtliche Mühen verbunden." Irgendwann seien alle Turnhallen, Schulen und Hotels voll, dann müssten Baracken und Container aufgestellt werden. Außerdem müssten ja nicht nur die normale Bevölkerung, sondern auch Kranke und Bettlägrige in Sicherheit gebracht werden. Hinzu kommt, dass die Opfer des Tsunamis und des Erdbebens, die ihre Häuser verloren haben, ebenfalls untergebracht und versorgt werden müssen.

Immerhin hat Japans Regierung mit ihrer Entscheidung, weitere Gebiete zu räumen, eingestanden, dass viele Bewohner außerhalb der 20-Kilometer-Zone in ihrer Gesundheit bedroht sind. Ob sie in der Zeit, die durch das Zögern verstrichen ist, nicht bereits zu stark verstrahlt wurden, kann derzeit niemand sagen.

mit Agenturen