HOME

Skigebiet Matterhorn: "Es war wohl ein Unfall": Retter geben Hoffnung auf, Tengelmann-Chef lebend zu finden

Sechs Tage lang suchten Rettungstrupps nach dem verschwundenen Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub. Am Freitagnachmittag wurde die Überlebendensuche eingestellt. Für Haub gibt es keine Hoffnung mehr.

Von Frank Brunner, Zermatt

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub wird im Gebiet rund um das Schweizer Matterhorn vermisst

Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub stieg vor einer Woche aus der Klein-Matterhorn-Bahn. Seitdem fehlt von dem 58-Jährigen jede Spur

Picture Alliance

Am Freitagabend, kurz nach sieben Uhr, hat Anjan Truffer endlich Feierabend. Sechs Tage lang war der Leiter der Bergrettung im Schweizer Skiort Zermatt im Dauereinsatz. Jetzt parkt er sein Mountainbike vor einer Pizzeria am Bahnhof, sinkt erschöpft auf einen Stuhl und bestellt sich ein kleines Bier. Eigentlich will er so schnell wie möglich nach Hause zu seiner Familie, aber nun nimmt er sich doch noch Zeit, zu erzählen, was geschehen ist in den vergangenen Tagen. Sechs Tage, an denen Truffer und sein Team aus Ärzten, Sanitätern und Bergrettern nach gesucht hatten. Truffer sagt: "Eine Suche in diesem Ausmaß habe ich noch nie erlebt." Dabei ist Truffer seit über 20 Jahren Bergretter, ein Profi.

Der Vermisste, Karl-Erivan Haub, war der Chef von Tengelmann. Zu dem milliardenschweren Familienkonzern gehören die Baumarktkette OBI, der Textildiscounter KiK und die Netto-Supermärkte. Am vergangenen Samstag verschwand der 58-Jährige während einer Skitour. Truffer und seine Leute haben ihn gesucht. Leider vergeblich. "Er war ein sehr erfahrener Skifahrer und Alpinist", sagt Truffer. Er kennt den Manager seit zehn Jahren, sie waren schon zusammen auf Skiern in den Bergen. "Es war wohl ein Unfall, die Chancen, dass Herr Haub überlebt hat, sind nahezu Null", so Truffer.

Samstag, eine Woche zuvor: Kurz vor acht Uhr verlässt Haub sein Hotel. Er besucht regelmäßig Zermatt, ein Mekka für Skifahrer und Snowboarder. In diesem Jahr trainiert er für die "Patrouille des Glaciers", eines der härtesten Skitourenrennen der Welt, ausgerichtet vom Schweizer Militär. Um schnell zu sein bei seiner mehrstündigen Übungsrunde, hat er sich für leichte Kleidung entschieden. Gegen 8.30 Uhr steigt Haub in eine Gondel im Talbahnhof Zermatt, fährt bist zum Zwischenhalt Trockener Steg, wechselt in die Seilbahn und erreicht um 9.10 Uhr die Endstation am Kleinen in knapp 3900 Metern Höhe. Dort zeichnet eine Videokamera auf, wie Haub die Station verlässt. Danach verliert sich seine Spur.

Alle Pisten im Skigebiet Matterhorn sind an diesem Morgen geöffnet. Die Sonne strahlt, ein blauer Himmel wölbt sich über die schneebedeckten Gipfel der Walliser Alpen. Haub ist nicht alleine unterwegs. Allein Richtung Breithorn, einem nahegelegenen Viertausender, strömen etwa 200 Skitourer, schätzt Truffer. Wohin Haub gefahren sein könnte, weiß niemand. "Grundsätzlich raten wir, nie ohne Bergführer in die Berge zu gehen", sagt Experte Truffer. "Aber Haub war kein leichtsinniger Fahrer, sondern ein besonnener Sportler." Am Samstagnachmittag hat Haub eine Verabredung in ; als er am Sonntagmorgen immer noch nicht zurück ist, informieren seine Familienangehörigen die Polizei. "Um 9 Uhr ging bei uns die Vermisstenmeldung ein", sagt Mathias Volken, Sprecher der Walliser Kantonspolizei.


Der erfahrene Beamte ist selbst passionierter Skiläufer. Zehn Jahre arbeitete er im Bereich Wirtschaftskriminalität, seit einiger Zeit kümmert er sich um den Kontakt zu den Medien. An der Wand vor seinem Büro bei der Polizeiwache am Bahnhof Zermatt hängt eine Handvoll Fotos von vermissten Skifahrern. Manche sind schon seit Jahren verschollen.

Am vergangenen Sonntagmorgen versuchen Volkens Kollegen zunächst Haubs Handy zu orten. Das Gerät hatte sich zuletzt an der Bergstation Trockener Steg in 2939 Meter Höhe in einen Sendemast eingeloggt. "Entweder hat Herr Haub sein Telefon ausgeschaltet oder der Akku war leer", vermutet Volken. Immerhin wissen sie, dass Haub zuletzt am Kleinen Matterhorn war.

Suche nach Vermissten: Die ersten 48 Stunden sind entscheidend

Zweieinhalb Stunden später, die Polizisten wussten, dass Haub zuletzt am Kleinen Matterhorn war, informieren die Polizisten die Bergretter. Mit vier Hubschraubern starten Truffer und seine Männer Richtung Bergmassiv. Rund 240 Quadratkilometer umfasst das Suchgebiet. Dreierteams suchen am Boden Gletscherspalte für Gletscherspalte ab, unterstützt von den Piloten in der Luft, die mit Wärmebildkameras und Spezialantennen zur Ortung von Lawinenpiepsern ausgestattet sind. Auf der angrenzenden italienischen Seite durchkämmen Bergretter des Nachbarlandes das Gelände.

Insgesamt sind über 60 Leute im Einsatz. Einsatzleiter Truffer sagt: "Die ersten 48 Stunden sind am wichtigsten."

In Zermatt geht das Leben weiter. Alle 20 Minuten spucken die Züge am Bahnhof Touristen aus, die mit Rollkoffern oder in Skiausrüstung zu den wartenden Elektrotaxis eilen, die sie in ihre Hotels oder zur Liftstation kutschieren. Die Straßencafés sind gut besucht, durch die engen Gassen schlängeln sich hunderte Besucher und das mehrtägige Musikfestival 2Zermatt unplugged" mit internationalen Popstars beschallt die Ortsmitte bis in die Abendstunden. Gleichzeitig kämpfen die Helfer 2000 Meter über Zermatt gegen die Zeit.

Wettkampf gegen die Zeit

Am Donnerstagmorgen müssen sie die Suche vorerst einstellen. Um das Kleine Matterhorn tobt ein Sturm mit bis zu 110 Stundenkilometern, in der Nacht zuvor hat es geschneit, die Temperaturen sind auf 15 Grad Celsius unter Null gesunken. Mittlerweile sind viele Journalisten in Zermatt eingetroffen. Spekulationen kursieren im Ort. Könnte der Milliardär entführt worden sein? Die hatte zunächst auch in diese Richtung ermittelt, schließt das mittlerweile jedoch aus. "Unsere Untersuchungen haben keine entsprechenden Anhaltspunkte ergeben", sagt er.

Haubs Familie hatte den Rettern unbegrenzte finanzielle Mittel zugesagt, was zu Gerüchten führte, das nach Wohlhabenden besonders intensiv gesucht werde. Polizeisprecher Volken widerspricht: "Bei einer Vermisstensuche wird zu keiner Zeit nach der finanziellen Situation des Vermissten gefragt, das wäre auch fatal." Das einzige Diktat, dem man sich unterordne, sei das Wetter.

Am gestrigen Freitagmorgen herrschen ideale Bedingungen. Deshalb steigt Truffer wieder in den Helikopter. Gegen Mittag kreist die Maschine um das Monte-Rosa-Massiv, gut zu erkennen von der Aussichtsplattform am Kleinen Matterhorn. Am Nachmittag dann die traurige Entscheidung: Die Retter stellen die Überlebendensuche ein. "Wir haben das riesige Areal abgesucht, bestimmte Sektoren sogar zehn Mal angeflogen", sagt Bergretter Truffer am Freitagabend. Er wirkt frustriert.

Jetzt stellt seine Truppe auf die sogenannte Bergungssuche um. "Etwa sechs bis neun Leute suchen weiter, aber nur bei guten Wetterbedingungen", sagt Truffer, "denn es herrscht ja nun kein Zeitdruck mehr."