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Viele Badetote an deutschen Gewässern: "Das war ein Irrsinn"

Die jüngsten Todesfälle bei Badeunfällen lassen die Lebensretter Alarm schlagen. Die DLRG fordert mehr bewachte Strände und einen besseren Schwimmunterricht. Die Kommunen seien in der Pflicht.

Ein Wochenende wie dieses hat der langjährige Rettungsschwimmer Peter Prussakowski noch nie erlebt. Bei hohem Wellengang an der Ostsee und einer starken Unterströmung mussten die Retter am Strand von Sellin auf der Insel Rügen am Sonntagnachmittag innerhalb einer Stunde acht Menschen aus dem Wasser ziehen. Sieben wurden lebend geborgen, für einen 56-jährigen Familienvater aus Langenhagen in Niedersachsen kam jede Hilfe zu spät. "Während der Wiederbelegungsmaßnahmen am Strand gingen Eltern nebenan mit ihren Kindern ins Wasser. Das war ein Irrsinn", schüttelt der Selliner Wachleiter einen Tag später den Kopf.

Allein sechs Menschen starben beim Baden am vergangenen Wochenende in der Ostsee. Deutschlandweit wurden mindestens 19 Badetote beklagt, darunter in Seen in Berlin, Brandenburg, Oberfranken, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein. Es ist die tragische Bilanz eines heißen Sommerwochenendes: Sonne satt und Rekordtemperaturen über der 30-Grad-Marke hatten Hunderttausende Deutsche an die Strände gezogen - einige haben aber offenbar ihre Kräfte überschätzt.

Viele für natürliche Gewässer nicht gewappnet

Experten sind sich sicher: Das "Seepferdchen" und Schwimmbaderfahrungen in einem wohltemperierten, nahezu wellenfreien Becken reichen nicht aus, um gewappnet für natürliche Gewässer zu sein. "Wer in einem freien Gewässer baden geht, sollte sicher schwimmen können", sagte die Einsatzleiterin der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) an der Ostseeküste, Mai Bartsch, am Montag in Stralsund. Ungeübte gerieten bei Wellen schnell in Panik. Die Risiken von Unterströmungen würden unterschätzt.

Hinzu kommt ein Phänomen der älter werdenden Gesellschaft: Ältere, die ein Jahr zuvor noch drahtig ihre Bahnen im Wasser zogen, erleiden vor Überanstrengung einen Herzinfarkt. Nach Angaben der DLRG sind rund die Hälfte der Badetoten älter als 50 Jahre. Wenn Bewusstlose nicht sofort aus dem Wasser gezogen werden, droht ihnen der Ertrinkungstod.

Im vergangenen Jahr starben 446 Menschen beim Baden in Seen, Flüssen, Schwimmbädern oder Meeren - nach einem Rekordtief 2012 waren die Zahlen im "Supersommer 2013" wieder in die Höhe geschnellt.

Hinweisschilder allein reichen nicht

Doch das Superwetter für die Badetoten verantwortlich zu machen, sei zu kurz gegriffen: Rund 80 Prozent der Badetoten waren 2013 an unbewachten Stränden zu beklagen, wie der DLRG-Bundessprecher Martin Janssen sagte. Um Kosten und Verantwortung zu sparen, stellten Eigentümer lediglich Schilder mit der Aufschrift "Baden verboten" oder "Baden auf eigene Gefahr" auf. "Wenn offensichtlich ist, dass ein See häufig zum Baden genutzt wird, sollte die Kommune eine Verpflichtung zur Absicherung haben", fordert er.

Und noch eine weitere Entwicklung beunruhigt die Rettungsorganisationen. Immer weniger Kinder können richtig schwimmen. Jeder zweite Grundschulabgänger sei kein guter Schwimmer, sagte Janssen unter Berufung auf eine von der DLRG in Auftrag gegebene Umfrage. Nur 40 Prozent der Kinder hätten das Bronzeabzeichen, das als Einstieg in das sichere Schwimmen gewertet werde. Auch hier sehen die Organisationen die Kommunen in der Pflicht. Die Schließung von Schwimmbädern dürfe nicht dazu führen, dass Kindern der Zugang zum Schwimmunterricht verwehrt werde.

In Mecklenburg-Vorpommern mit allein sieben Badetoten am vergangenen Wochenende appellierte der Tourismusverband am Montag an die Vernunft der Urlauber. "Die Ostsee ist nicht unberechenbarer geworden", sagte Verbandsgeschäftsführer Bernd Fischer. Urlaub an der Küste heiße Urlaub in der Natur. "Das bedeutet, dass man sich mit den in der Natur vorhandenen Risiken auseinandersetzen muss."

Martina Rathke/DPA / DPA