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stern-Reportage

Sensations-Fund von Franklin-Expeditionsschiff: Verloren im Eis der Arktis - die Geschichte vom Fund der "HMS-Terror"

Im September wurde das Wrack der "HMS Terror" gefunden – das letzte Schiff der Franklin-Expedition. Ihr Ziel war die Entdeckung der "Nordwestpassage". Doch das Abenteuer endete in einer Katastrophe.

Von Alexandra Kraft und Frank Ochmann

Franklin-Expedition Sammy Kogvik

Ranger Sammy Kogvik zeigt, wo seine Inuit-Vorfahren Männer der Franklin-Expedition gesehen haben wollen

Rührei, Speck, Toast. Früh am Morgen des 3. September 2016 sitzt Sammy Kogvik unter Deck der "Martin Bergmann" und will es sich schmecken lassen. Da stürzt einer von der Besatzung in die kleine Kombüse des für die Wissenschaft umgebauten Fischkutters. "Wir haben sie!", ruft er. "Da ist sie!" Sammy schaut kurz unter seiner schwarzen Baseballkappe auf, nickt – und isst weiter. Er lacht leise, als er Wochen später von jenem Morgen erzählt, der alle an Bord in helle Aufregung versetzte. Nur ihn nicht. "Ich wusste doch, dass sie das gefunden hatten", sagt er. Das Schiff? Sein Schiff! Betty, seine Frau, sitzt in dem kleinen Café neben ihm und hält seine Hand. "Sammy", sagt sie, "sei nicht immer so bescheiden." Tatsächlich haben sie an jenem Morgen des 3. September den Schlüssel zu einem der letzten großen Geheimnisse der Arktis entdeckt – dem grauenhaften Schicksal von zwei Schiffen mit 129 Mann Besatzung.

"Erebus" und "Terror"

Eher zufällig war Sammy Kogvik auf die "Martin Bergmann" gekommen. Das Schiff sollte den 50-jährigen einheimischen Ranger mit bester Kenntnis der Region abholen und als Verstärkung zu einem Eisbrecher bringen. Kogvik stammt aus Gjoa Haven an der Südostküste von King William Island in Kanada, etwa 250 Kilometer oberhalb des Polarkreises. Selbst für fließendes Wasser und eine Kanalisation fehlt den hier lebenden Inuit das Geld. Jeder Dritte der knapp 1300 Einwohner ist arbeitslos. Da lockt eine gut bezahlte Saisonarbeit, wie sie sich Sammy plötzlich bot. Und die "Martin Bergmann" musste die Fahrt zum Eisbrecher ohnehin machen. Denn beide Schiffe gehörten zu einem Verband, der eines der begehrtesten der vergangenen 200 Jahre finden sollte: die "HMS Terror".

Der Dreimaster – eine ursprünglich für den Küstenbeschuss ausgerüstete Bombarde – war eines der beiden robusten Schiffe, mit denen der Marineoffizier und Polarforscher Sir im Mai 1845 von England aus Richtung Arktis aufbrach. Das Kommando über die Expedition führte Franklin vom ähnlich gebauten Schwesterschiff aus, der "HMS Erebus". Terror und Erebus, der Schrecken und der griechische Gott der Finsternis – die britische Kriegsmarine liebte es, durch die Namen ihrer Schiffe klarzumachen, was Feinden drohte. Franklins Auftrag aber war friedlich. Vom Atlantik aus sollte er eine schiffbare Route oberhalb des nordamerikanischen Festlands finden, die bis in den Pazifik führte. Etliche Abenteurer hatten eine "Nordwestpassage" schon vergebens gesucht. Doch mit der besten Mannschaft und der besten je zur Verfügung gestellten Ausrüstung, Zentralheizung inklusive, würden sie die Durchfahrt diesmal finden. So glaubten sie fest im Reich der Königin Victoria. Wer denn sonst? Rule, Britannia!

Dabei war diese über Jahrhunderte verklärte Passage inzwischen weitgehend nutzlos geworden. Zu Zeiten von Königin Elisabeth I. im 16. Jahrhundert hatten es englische Schiffe noch schwer, zu den Schätzen Indiens zu gelangen. Den Weg um das südamerikanische Kap Hoorn herum versperrten die Spanier, die Fahrt um das afrikanische Kap der Guten Hoffnung die Portugiesen. Eine "Nordostpassage" entlang der sibirischen Küste war nicht gefunden worden. So blieb nur, oberhalb der nordamerikanischen Festlandküste in den Pazifik zu gelangen. Immer wieder wurden Versuche unternommen, eine solche "Nordwestpassage" zu finden. Zu Franklins Zeiten aber spielte die eigentlich keine Rolle mehr. England war unbestrittene Seemacht, und so konnten britische Kapitäne auf jeder beliebigen Route fahren. In den Köpfen der Admiralität aber schien sich das ungelöste Rätsel der wie eine Niederlage anzufühlen. Sie wollten es noch einmal probieren, ihre Einzigartigkeit der Welt beweisen!

Franklin-Expedition Karte

Bereits 2014 wurde Franklins Kommandoschiff, die "HMS Erebus", an unerwarteter Stelle weit südlich von King William Island gefunden

Sir John Franklin war zweifellos ein Held jener Tage. Zum Ritter geschlagen und durch zwei arktische Expeditionen auch im Eis erfahren, schien er wie geschaffen für die Aufgabe. Er war zwar schon fast 60 und rund um die Hüften. Doch sollte er dem ehrgeizigen Unternehmen mit seinem großen Wissen dienen, nicht durch Gewaltmärsche. Zudem war der fromme Christ für seine Freundlichkeit bekannt. Seine Männer mochten ihn, und das konnte helfen, wenn sie im Packeis steckten.

Im Jubel der Menge fuhren die "HMS Erebus" und die "HMS Terror" am 19. Mai 1845 die Themse hinab. Die beiden Expeditionsschiffe waren sogar mit Dampfmaschinen auf neuesten Stand gebracht. Noch Ende Juli begegneten englische Walfänger den mit Proviant für drei Jahre und vielen Hoffnungen beladenen Schiffen westlich von Grönland. Danach aber verlor sich ihre Spur in der zu dieser Zeit kaum kartografierten Einöde. Mehr als 36.000 wie zur Verwirrung hingestreute Inselchen und Inseln bilden ein Labyrinth, dessen Buchten und Meerengen sich manchen Sommer nur für wenige Tage öffnen. Natürlich waren sie darauf vorbereitet, an Bord und auch zu Hause im Königreich. Ein, zwei Jahre ohne Nachricht, das war zu erwarten. Sie werden sich schon melden, dachten sie in der Admiralität und den Familien der Besatzungsmitglieder. Von den Sandwich-Inseln wahrscheinlich, wie Hawaii damals hieß. Dieses Ziel war Franklin vorgegeben worden. Dort würden sich die Männer unter Palmen die Knochen wärmen und für die Heimkehr im Triumph rüsten können. Doch die Jahre vergingen, und zu Hause warteten sie vergebens. John Franklin und 128 Männer unter seinem Kommando sind der Eiswüste nie mehr entkommen.

Schaurige Leichname

Ganze Flotten begannen schon bald, nach den Verschollenen zu suchen. Vor allem Franklins zweite Frau – die erste war früh an der Schwindsucht gestorben – setzte alles daran, das Schicksal der Männer aufzuklären. Jane war hübsch und eine resolute Unternehmerstochter mit enormem Reisepensum. Mit eigenem wie gesammeltem Geld schickte sie Schiff um Schiff Richtung Arktis, um das Schicksal Franklins und seiner Besatzungen aufzuklären. War es nicht doch ein böses Omen gewesen, ihrem Mann vor der Abreise eine britische Fahne zu sticken? Als er einmal ein Nickerchen machte, legte Jane ihm den Union Jack über die Füße. Er sollte nicht schon zu Hause frieren. Doch als Franklin aufwachte, fuhr er seine Frau entsetzt an: Ob sie nicht wisse, dass man nur Tote mit der Fahne bedecke?

Nicht alle Suchexpeditionen waren ganz und gar erfolglos, auch wenn sie zunächst ein unüberschaubares Gebiet durchkämmen mussten. Es stellte sich heraus, dass die Männer ihre im Packeis eingefrorenen Schiffe 1848 verlassen hatten. 1850 wurden auf Beechey Island drei sorgfältig beschriftete Gräber von Besatzungsmitgliedern gefunden. Exhumierungen in den 1980er Jahren brachten fast vollständig erhaltene, schaurige Leichname zutage. Natürlich wurde auch nach der Todesursache gefahndet. Tuberkulose könnte es gewesen sein. Und weil sich im Blut viel Blei fand, gerieten die verlöteten Konservendosen auf den Schiffen in den Verdacht, die Mannschaft könnte sich mit der damals so fortschrittlichen Ernährung vergiftet haben. Doch die freigesetzten Bleimengen reichten allenfalls, um den Allgemeinzustand der Männer zu verschlechtern. Eine andere Gefahr war bedrohlicher. Mit vielen Fässern Zitronensaft an Bord hatte man dem Skorbut vorzubeugen versucht, einer Mangelkrankheit, die nach einigen Monaten ohne Vitamin C auftritt. Der Zitronensaft verlor mit der Zeit seinen Gehalt. Blutendes und faulendes Zahnfleisch bei den Kranken musste die Folge gewesen sein, dazu Fieber, Müdigkeit und fortschreitender Verfall der geistigen Kräfte.

Franklin Expedition Sammy Kogvik

Sammy Kogviks Schwiegervater Ben erzählte oft von einem Wrack in der Terror Bay, dessen Mast sogar aus dem Wasser ragte

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass eine Kombination all dieser Beeinträchtigungen zum Tod der Mannschaften geführt hat. Sicher ist nur, dass nach und nach alle verhungerten oder an anderen entsetzlichen Umständen starben. Wann genau, lässt sich kaum sagen, weil es fast keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Schließlich, 1859, entdeckten britische Suchtrupps im äußersten Nordwesten von King William Island einen aufgeschichteten Steinturm, in dem sich die bislang einzige Nachricht der Expedition fand. Demnach war John Franklin bereits am 11. Juni 1847 gestorben. Auch bei ihm weiß keiner, warum. Die Angaben auf dem offenbar mehrfach hervorgeholten und dicht beschriebenen Blatt lassen nur ahnen, welchen Weg die Männer genommen haben und welches entsetzliche Schicksal sie schließlich erlitten. Immer wieder fanden sich entlang der Küste von King William Island Gegenstände – auch Knochen. Heute noch liegen welche dort. Und bestimmte Schnittspuren zeigen Forensikern, dass die Verzweifelten auch Menschenfleisch verspeist haben müssen.

Davon hatten Inuit schon den ersten Suchtrupps erzählt. Doch in England schien es undenkbar, dass Männer aus ihrer kultivierten Mitte in der Verzweiflung zu Bestien werden konnten. Grausame Fantasien minderwertiger Gehirne seien das, behauptete auch Lady Jane. Heute ist klar, wie verlässlich die Zeugnisse der Inuit waren.

Der Mast im Meer

Die Schiffe der Franklin-Expedition blieben lange verschollen. Erst 2014 gelang es einem kanadischen Forschungsteam, die "HMS Erebus" zu finden, Franklins Kommandoschiff. Mit geknickten Masten und überwachsenem Rumpf lag es rund 200 Kilometer südlich der letzten bekannten Position, die auch auf dem Zettel im Steinturm von King William Island vermerkt war. Bis heute weiß keiner, wie die "Erebus" von dort weggelangte. Den Forschern war klar: Ohne das zweite Schiff musste die Geschichte der so grandios begonnenen und so furchtbar gescheiterten Expedition ein Fragment bleiben.

Zu diesem Zeitpunkt wusste Sammy Kogvik schon seit fünf Jahren, wo die "Terror" lag. Davon zu erzählen aber traute er sich nicht. Er hatte Angst. Vor den Geistern.

Es war im September 2009, als Sammy mit seinem Freund James weit in den Westen von King William Island zum Lachsfischen fuhr. Da fiel ihm sein Schwiegervater ein, der immer wieder von einem Wrack erzählt hatte, das dort liegen sollte. Ein Schiff der Franklin-Expedition. Sogar ein Mast würde zu sehen sein, hatte der alte Ben behauptet. So beschlossen die beiden Freunde, einen Abstecher zu machen. Es dauerte nicht lange, 20 Minuten Fahrt mit ihren Offroad-Flitzern über das flache Ufer, da sahen sie ein langes Stück Holz senkrecht aus dem angetauten Eis hervorstehen. Es gab keinen Zweifel: "Ein Schiffsmast!" Die beiden freuten sich wie Kinder. "Ich habe den Mast damals umarmt und bin sogar an ihm hochgeklettert", erzählt Sammy. Seine Kamera hatte er auch dabei, und so wurde das Ereignis fotografiert – Sammy, James und der Mast im Meer! Dann steckte Sammy die Kamera in die Außentasche seines Parkas.

Drei Tage später war sie plötzlich weg. Einfach verschwunden. Doch wer sollte ihnen die Entdeckung ohne Fotos glauben? "Alle hätten uns für Wichtigtuer gehalten", sagt Sammy. Und war der Verlust der Kamera nicht vielleicht eine Warnung? Ein Zeichen der Geister, die Finger vom Schiff zu lassen? Die Welt der Inuit ist durch und durch beseelt. In ihrem schamanischen Glauben gibt es keinen fürsorglichen Gott. Angst gehört zu ihrer Grundstimmung. Wer diese eisige Welt nicht versteht, sich ihren Gesetzen nicht unterordnet, verliert sein Leben. Die Inuit wissen das. So versprachen sich die Freunde: "Zu keinem ein Wort!" Knapp ein Jahr später passierte das Furchtbare: James brach mit seinem Motorschlitten ein und ertrank im eisigen Wasser. Da war sich Sammy sicher: Über dem Schiff liegt ein Fluch. Fortan schwieg er eisern über den Fund. Kein Wort zu seiner Frau Betty. Und keines zu seinem Schwiegervater. Sechs Jahre lang.

Franklin Expedition John Franklin

Sir John Franklin sollte die Karte der Arktis vervollständigen: mit einer nördlichen Durchfahrt vom Atlantik bis in den Pazifik

Es war der Abend des 2. September 2016, als Sammy Kogvik an Bord der "Martin Bergmann" mit Adrian Schimnowski ins Gespräch kam. Der leitete die "Arctic Research Foundation" , einen privaten Partner der staatlichen kanadischen Stellen bei der Suche nach der "Terror" . Die beiden Männer verstanden sich sofort. "Er hörte mir zu", sagt Sammy, "und er interessierte sich für das, was ich erzählte." Er zeigte Schimnowski am Ufer eine Jagdhütte der Inuit und ein paar gute Stellen zum Fischen. Die Männer entdeckten Gemeinsamkeiten, respektierten sich – und plötzlich entfuhr Sammy ein folgenschwerer Satz: "Ich weiß, wo das Schiff ist, das ihr sucht."

Terror Bay

"Alle früheren Geschichten über den Ort der ‚Terror' blieben vage", sagt Schimnowski heute. Sammy aber war selbst beim Wrack gewesen. Und weil die Inuit keine Schriftkultur haben, sind ihre Geschichten überaus verlässlich. "Sie sind für die Franklin-Expedition die wichtigste Quelle. Sie kennen alle Geheimnisse", sagt Schimnowski. Er zeigte Sammy eine Seekarte. Würde er sein Geheimnis preisgeben? Schließlich wies Sammy den neuen Kurs: Richtung Terror Bay. Ihren Namen hatte die Bucht schon 1910 erhalten, ohne dass jemand die "HMS Terror" dort bereits vermutet hätte.

Ein Abstecher in die Bucht kostete Zeit. Den Eisbrecher, auf dem Kogvik arbeiten sollte, würden sie dann nicht wie geplant erreichen können. Darum, erinnert sich Sammy, erklärten sie der aufsichtführenden Behörde Parks Canada die Verzögerung durch Motorprobleme – die es nicht gab. "Bevor wir alle verrückt machten, wollten wir erst einmal selbst nachsehen", erläutert Schimnowski ihre erfundene Geschichte. "Außerdem war ein Sturm angesagt. In der Terror Bay waren wir zumindest sicher." Allerdings hatten sie für diese Bucht keine staatliche Suchlizenz, wie sie für derartige archäologische Aktivitäten benötigt wird. Doch sie konnten nicht widerstehen. Schließlich lockte nicht weniger als – eine Weltsensation.

Erst ein Schatten, dann das Schiff

Um vier Uhr nachts erreichte die "Martin Bergmann" die Bucht. Schimnowski war beim ersten Anblick nicht überzeugt. "Zu flach", sagte er. Hier könne kein Schiff liegen. Sammy erwiderte ungerührt: "Es ist da draußen." Eine ferngesteuerte Unterwasserkamera wurde heruntergelassen. Meter für Meter scannte sie den Boden. Fünf Minuten, zehn, eine halbe Stunde. Plötzlich: ein Schatten. Dann: das Schiff. Sie hatten die "HMS Terror" gefunden!

Nachdem Sammy in der Kombüse sein Rührei aufgegessen hatte und oben die ersten Bilder vom Wrack sah, war es auch bei ihm mit der Gelassenheit vorbei. Staunend stand er vor dem Monitor. Nach rund 170 Jahren im Eis schien dieses Schiff unglaublich gut erhalten. Sogar die Glasfenster hinten in der Kapitänskajüte waren noch heil. Womöglich finden sich endlich auch Dokumente, aus denen sich der Weg in die Katastrophe rekonstruieren lässt. Ja, sie hatten die gültigen Regeln gebrochen und sich nicht an Absprachen gehalten. Aber war der Fund dieses legendären Schiffes nicht für alle ein Gewinn?

Ein bisschen mulmig wurde es Sammy beim Anblick des so intakten Wracks dann aber doch, wie er erzählt beim Gespräch im Café von Gjoa Haven. Er habe sich nicht vor den verärgerten Behörden gefürchtet. Seine Angst galt noch immer: dem Fluch aus dem Jenseits.

Inzwischen aber scheint sie endgültig gewichen. Sammy Kogvik hat eine Ausrede gefunden, die notfalls auch die Geister überzeugen könnte. "Gefunden haben das Schiff ja die anderen", sagt er. Und seine Frau Betty pflichtet ihm eilig bei: "Sammy hat nichts gemacht!"