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Zweiter Prozesstag in Oslo Breivik verhöhnt seine Opfer


Er hing an seinem wirren Manuskript, lobte das Zwickauer Terrortrio und beschwerte sich, die Medien würden ihn als feige darstellen. Anders Breivik hat vor dem Gericht sein Massaker verteidigt.
Von Swantje Dake, Oslo

Insgesamt 70 Minuten durfte er reden, obwohl die Richter ihm nur eine halbe Stunde eingeräumt hatten. Monoton und konzentriert las der Massenmörder Anders Behring Breivik vor dem Gericht in Oslo am Dienstag alle 13 Seiten seines Manuskripts vor und hob nur selten den Blick. In freier Rede schaffte er es nicht, die Tötung von 77 Menschen im vergangenen Sommer zu verteidigen.

Immer wieder unterbrachen ihn die Richter und baten ihn, zum Ende zu kommen. Doch er entgegnete, diese Rede sei existenziell für seine Verteidigung. "Ich habe nie darum gebeten, die ersten fünf Tage des Prozesses auszusagen. Ich will nur diese eine Stunde."

"Ich habe den raffiniertesten und spektakulärsten politischen Angriff in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg unternommen", sagte Breivik. Er begründete das Massaker damit, dass es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg keine wahre Demokratie mehr gegeben habe. Das Volk sei beschwindelt worden. Da eine friedliche Revolution nicht möglich sei, sei Gewalt die einzige Möglichkeit. Seine Attentate würde er wiederholen, sagte der rechtsradikale Islamhasser mit ruhiger Stimme. "Ja, ich würde das wieder machen."

Richter und Staatsanwaltschaft hörten mit versteinerter, ernster Miene zu. Zuvor hatte Breivik angegeben, seine vorbereiteten Formulierungen über sein Weltbild und seine Motive aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen im Gerichtssaal abgeschwächt zu haben. Die Richter mussten ihn jedoch mehrfach auffordern, seine Äußerungen zu mäßigen.

Breivik beschwert sich, er werde als "feige" dargestellt

"Das waren keine unschuldigen Kinder, sondern politische Aktivisten, die für den Multikulturismus arbeiteten", sagte Breivik zu seinem Massaker in einem Jugendcamp auf der Fjordinsel Utøya. Dort hatte der Angeklagte nach eigenem Geständnis 69 Teilnehmer eines Sommerlagers kaltblütig erschossen. Breivik verglich die sozialdemokratische Jugendorganisation AUF mit der Hitlerjugend. Das Ferienlager auf Utøya sei ein Indoktrinierungslager gewesen. Ihm sei klar, dass seine Taten nicht verstanden werden. Schließlich seien die norwegischen Medien einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Richterin Wenche Elizabeth Arntzen unterbrach ihn sofort und forderte ihn auf seine Formulierungen abzuschwächen.

Journalisten stellten ihn als feige, zurückgeblieben und schwachsinnig dar, beschwerte er sich. "Sie behaupten, ich sei ein Kindermörder, dabei habe ich niemanden unter 14 erschossen." Die unfassbaren Aussagen Breiviks blieben unkommentiert vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft. Im Saal schüttelten Journalisten und Betroffene gelegentlich den Kopf, murmelten, verdrehten die Augen.

Die Gefängnisstrafe fürchte er nicht. "Ich wurde in einem Gefängnis geboren, dieses Gefängnis heißt Norwegen. Es spielt keine Rolle, ob ich in einer Isolationszelle im Gefängnis Ila sitze oder in Oslo lebe." Die Attentate in Oslo und Utøya hatte Breivik bereits in den Polizeiverhören als notwendig bezeichnet. In seiner Erklärung am zweiten Prozesstag sagte er, dass das kein Terror gewesen sei. "Der wahre Terror ist, dass die Gegner des Multikulturalismus sich nicht frei äußern dürfen." Norwegen sei keine wahre Demokratie, sondern eine liberalistische, kulturmarxistische Diktatur. Stärker kann man die norwegische Gesellschaft wohl kaum verhöhnen, denn die Meinungsfreiheit wird in dem Land sehr wichtig genommen.

Immer wieder driftet Breivik ab

Breivik sagte, er wolle in seiner Rede deutlich machen, dass Norwegen durch die Einwanderungspolitik der regierenden Arbeiterpartei eine Islamisierung drohe. Die Norweger würden an den Rand gedrängt, würden eine Minderheit im eigenen Land werden. Statistiken über die Einwanderungspolitik nannte er "gefälscht". Er behauptete, laut Umfragen hätten die Briten Angst vor dem Islam. Die Quellen gab Breivik nicht an.

Seine Tat sei ein präventiver Angriff gewesen, so wie die NSU in Deutschland Migranten ermordert habe. Kurz vor Ende der Rede lobte er Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, zollte ihnen Respekt. "Europa braucht mehr solcher Helden."

Immer wieder driftete Breivik ab, lobte plötzlich Japan und Südkorea für ihre restriktive Einwanderungspolitik. Dann wiederum stellte er die Indianerhäuptlinge Sitting Bull und Crazy Horse als Helden dar. Sie würden für die Urbevölkerung Amerikas kämpfen. So wie es auch in Tibet und Bolivien geschehe. Diese Kämpfe würden auch von Norwegen unterstützt, nur im eigenen Land werde das Urvolk von Muslimen verdrängt.

Angehörige der Opfer beschwerten sich über den langen Vortrag des Angeklagten. Über ihre Anwälte forderten sie Breivik am Dienstag im Prozess in Oslo auf, seine Stellungnahme abzukürzen. Seine Rede war eine Mischung aus Selbstrechtfertigung und wirren politischen Statements.

Ist Breivik schuldfähig oder nicht?

Breivik hatte schon am ersten Prozesstag provoziert und seinen Arm mit geballter Faust zu einem rechtsradikalen Gruß erhoben. Die zentrale Frage in dem Prozess ist, ob das Gericht ihm Schuldfähigkeit attestiert. Bei einem Schuldspruch drohen ihm bis zu 21 Jahre Haft. Andernfalls könnte der Mann lebenslang in der Psychiatrie untergebracht werden.

In dem Prozess gibt es drei Schöffen und zwei Berufsrichter. Das Gericht entließ am Morgen einen der drei ehrenamtlichen Richter. Thomas Indrebø hatte nach der Tat Breiviks im vergangenen Juli auf Facebook für den Mann die Todesstrafe als einzig gerechte Strafe gefordert. Die Schöffen waren vor dem Prozess über ihre Aktivitäten in sozialen Medien befragt worden. Indrebø hatte jedoch nicht angegeben, dass er sich zu den Attentaten geäußert hat. Der Laienrichter wurde durch eine 71-jährige Rentnerin ersetzt. Der Prozess wurde nach einer Pause fortgesetzt.

Das Gericht hatte bereits im Vorfeld des Prozesses zwei der fünf berufenen Laienrichter ausgeschlossen. Ein Mann wurde für befangen erklärt, weil sein Sohn Mitglied der sozialdemokratischen Jugend AUF ist. Diese Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei war eines der Hauptziele von Breiviks Attentaten im vergangenen Sommer.

Der wegen Terror und vorsätzlichen Mordes Angeklagte darf sich fünf Tage lang zu seinen Motiven für die beiden Anschläge mit 77 Toten im vergangenen Sommer äußern.

mit Agenturen

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