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stern-Kolumne Winnemuth: Gemeinsam sind wir schwach

Je leichter Informationen zu beschaffen sind, desto mehr grassiert fröhlich demonstrierte Ahnungslosigkeit: Irgendeiner wird's schon nachgucken. So entsteht eine moderne Form der Faulheit.

Von Meike Winnemuth

Die moderne Form der Faulheit: Das nachschlagbare Wissen nicht zu nutzen

Alle Informationen der Welt finden wir auf einen Klick im Internet - trotzdem sind wir oft zu faul, um nachzuschauen

Gelegentlich bekomme ich Leserfragen per Mail. Das freut mich fast immer, aber auch immer öfter nicht. Was denn bitte Kryptonit sei, das hätte ich kürzlich in einer Kolumne verwendet. Ob man Problem korrekt Pro-blem oder Prob-lem trenne. Ob es „aufwändig“ oder "aufwendig“ heiße. Ob es ein bestimmtes Hotel in Hamburg noch gebe, man plane einen Wochenendtrip in die Stadt.

Das Pro-blem oder auch Prob-lem bei solchen Fragen ist nun, dass sie mir erstens nicht viele Optionen lassen und dass zweitens alle davon unangenehm sind. Entweder unangenehm für mich, wenn ich augenrollend, aber ergeben antworte, oder für den Fragenden, wenn ich die leicht selbst zu beantwortende Frage einfach ignoriere, oder für uns beide, wenn ich die in solchen Fällen verbreitete passiv-aggressive Reaktion wähle: nämlich einen Link auf die Seite gidf.de oder lmgtfy.com. Auf diese Weise landet man auf der Google-Suchmaske, als zarter Hinweis, doch bitte selbst für die Antwort zu sorgen. Das Akronym gidf steht für „Google ist dein Freund“, lmgtfy für „Let me google that for you“, also das unbedingt sarkastisch gemeinte höfliche Angebot „Darf ich das für Sie googeln?“

Die moderne Form der Faulheit

Ich hätte das nicht weiter der Rede wert gefunden und sogar für ein Privatprob-lem gehalten. Doch als ich gestern Abend beim Wein über diese moderne Form der Faulheit maulte – die fröhlich demonstrierte Ahnungslosigkeit und noch fröhlichere Unlust, diese Ahnungslosigkeit selbsttätig zu beenden –, kamen Dutzende von Beispielen für das Phänomen auf den Tisch: Wird auf Facebook oder in Internetforen über etwas debattiert, kann man sich darauf verlassen, dass früher oder später jemand etwas von der Art „Wer ist eigentlich diese Helene Fischer? Muss man die kennen?“ kommentiert, und zwar völlig unironisch. Eine Freundin erzählte, dass bei Verabredungen in einem Restaurant eine Bekannte garantiert per Mail bittet: „Schick mir doch noch mal die Adresse.“ „Per Mail! Sie war also eh schon im Netz und hätte leicht selber nachgucken können. Aber nein …!“

Das Tischgespräch drehte sich schnell um die Frage, was man heutzutage eigentlich wissen muss und was man wissen wollen muss. Je leichter Informationen verfügbar sind, so scheint es, desto größer der Unwille, sie sich auch tatsächlich zu beschaffen. Je lauter die Rede von der Wissensgesellschaft wird, von der stetig ansteigenden Informationsflut, desto größer offenbar das Bedürfnis, im eigenen persönlichen Niedrigwasser zu waten und lieber in einer Keine-Ahnung-und-null-Bock-es-herauszufinden-Gesellschaft zu leben.

In der Sozialpsychologie gibt es den hübschen Begriff „Soziales Faulenzen“, ausgehend vom sogenannten Ringelmann-Effekt. Ende des 19. Jahrhunderts beobachtete der französische Agraringenieur Maximilien Ringelmann, dass Menschen, die gemeinsam eine schwere Last ziehen, weniger schaffen, als erwartbar wäre, wenn man die Leistungen jedes Einzelnen zusammenrechnet. Ähnlich hat man das später bei Ruderern gemessen: Gemeinsam sind sie nicht etwa stärker, sondern schwächer. Man schont sich lieber, der Impuls ist: Lass doch die anderen machen.

Ist also mentales Faulenzen ein Phänomen der Digitalgesellschaft, in der wir alle gemeinsam die schwere Last des Alltags schleppen müssen? Nee, beschlossen wir beim dritten Wein: „Es ist auch nicht viel anders als bei meinem Mann, für den unsere deppentaugliche Waschmaschine angeblich zu kompliziert ist“, kommentierte eine der Freundinnen. Ist wohl so: Jede verfügbare Information schafft sich ihre eigenen Informationsverweigerer.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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