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stern-Kolumne Winnemuth: Damit kann man arbeiten!

Beziehungsarbeit, Körperarbeit, Trauerarbeit - unser Leben ist ein einzig Schuften. Oder nennen wir nur Arbeit, was keine ist?

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth: "Unser Leben ist ein einzig Schuften, in jede Ritze dringt die Arbeit und breitet ihr härenes Tuch über die Welt"

Meike Winnemuth: "Unser Leben ist ein einzig Schuften, in jede Ritze dringt die Arbeit und breitet ihr härenes Tuch über die Welt"

Gelegentlich werde ich gefragt, wie es denn so sei, nur vier Tage im Monat zu arbeiten, pro Woche einen. Denn länger könne es doch nicht dauern, so eine Kolumne hinzupinseln, oder? Dann komme ich immer mächtig ins Stottern. Ich mache schließlich noch was anderes, behaupte ich (stimmt ja auch), ich schreibe Bücher und so’n Zeugs (könnte mehr stimmen), und überhaupt arbeite ich eigentlich Tag und Nacht, sogar unter der Dusche, weil mir da am meisten einfällt (stimmt total).


Aber das Thema Arbeit bleibt ein wunder Punkt für mich. Darf man Geld kassieren für etwas, das so verboten viel Spaß macht? War da nicht mal was mit im Schweiße meines Angesichts, mit Fron, mit Arbeit als Gottesdienst, der direkt ins Himmelreich führt? Andererseits hat Gott in seiner gesamten Karriere nur sechs Tage gearbeitet, am siebten ruhte er, und von einer zweiten Woche war nie die Rede.

"Alles ist Arbeit dieser Tage"

Vielleicht liegt es an meinem latent schlechten Gewissen, es zu gut erwischt zu haben, dass ich mich geradezu verfolgt fühle von Arbeit. Ich gehe mit dem Hund spazieren (und bewege derweil selbstverständlich nur die nächste Kolumne im Kopf), und an einem Laternenpfahl ist "Hawaiianische Körperarbeit" annonciert. Ich gucke das RTL-Trashfestival "Die Bachelorette" (natürlich nur zur Inspiration für die nächste Kolumne) und höre einen Schwachmaten namens Kevin die titelgebende Dame kommentieren: "Süße Maus - damit kann man arbeiten." Ich lese in den Klatschgazetten (natürlich nur … usw.) über die Scheidung von und , der in seiner Oscar-Dankesrede seine Ehe harte, aber lohnende Arbeit nannte, derweil seine zukünftige Exfrau im Publikum kariert lächelte.

Alles ist Arbeit dieser Tage. Ist etwas Schlimmes passiert, ein Todesfall oder eine Trennung, darf nicht etwa nur getrauert werden, geheult und getobt, nein: Es muss Trauerarbeit geleistet werden. Statt Liebe: Beziehungsarbeit. Oder Erziehungsarbeit. Und hinterher Aufklärungsarbeit. Du musst an dir arbeiten, heißt es bei jeder Unzulänglichkeit, sei sie eingebildet oder nicht. Unser Leben ist ein einzig Schuften, in jede Ritze dringt die Arbeit und breitet ihr härenes Tuch über die Welt.

58,5 Milliarden Überstunden pro Jahr

Wieso sind wir so verliebt in diese Vokabel, dass sie auf alles angewendet wird, was wir so treiben? Wird Alltägliches geadelt durch den Begriff, bekommt es Ernsthaftigkeit verliehen? Können wir gar nicht mehr anders, wollen wir nicht mehr anders, als alles nur als Arbeit zu sehen? Ist uns Arbeit am Ende so wichtig, dass Geld schon gar keine Rolle mehr spielt? Angesichts der monatelangen Arbeitskämpfe der letzten Zeit bei Bahn und Post verblüfft eine aktuelle Studie: 44 Prozent der deutschen Angestellten bekommen ihre Überstunden weder durch mehr Geld noch durch einen Zeitausgleich vergütet. Zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiten mehr als vereinbart, 58,5 Milliarden Überstunden kommen so pro Jahr zustande. Irre. Das arbeitet in mir. (Entschuldigung, der musste raus.)

Klar, mit der Spitzhacke muss heute kaum einer mehr malochen. Körperarbeit zum Beispiel scheint für viele im Wesentlichen darin zu bestehen, still zu liegen und andere an sich arbeiten zu lassen. (Also ungefähr so wie bei der „Bachelorette“ ab Folge sechs, wenn sich Kevin an die Arbeit macht.) Ganz so weit sind wir also nicht von den alten Griechen entfernt, die Müßiggang als einzige menschenwürdige Daseinsform betrachteten.

Vielleicht nennen wir ja nur Arbeit, was definitiv keine ist? Verwirrend. Ich gehe jetzt duschen, ich muss nachdenken. Denkarbeit leisten. Ihnen jedenfalls herzlichen Dank für all die harte Lesearbeit.

Die Kolume

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern.

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