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Kolumne Winnemuth: Fahr'n, fahr'n, fahr'n

Ja doch, die Bahn ist vernünftiger. Aber warum vernünftig sein, wenn es im Auto doch viel schöner ist?

Von Meike Winnemuth

Fünf, sechs Stunden im Auto von A nach B? Fantastisch, findet Meike Winnemuth

Fünf, sechs Stunden im Auto von A nach B? Fantastisch, findet Meike Winnemuth

Natürlich hatte sie recht, meine beste Freundin. "Bist du bescheuert? Hamburg – Darmstadt und zurück im , und das nur für zwei Tage? Fahr gefälligst mit der Bahn bei diesem Wetter!" – "Jaaaa, aber … der Hund", sagte ich. "Mit dem Auto kann ich seinen ganzen Krempel transportieren und zwischendurch mit ihm in den Wald."

Der Hund ist in vieler Hinsicht eine Bereicherung meines Lebens, aber fast am meisten durch seine Eignung als Universalausrede. Öde Veranstaltungen? "Muss heim, der Hund …" Sinnlos durch die Gegend kacheln trotz Bahncard 50? "Der Hund." In Wahrheit fahre ich einfach gern Auto. Allein. Über weite Strecken. Fünf, sechs Stunden von A nach B? Fantastisch, das bedeutet hin und zurück ein komplettes Hörbuch oder zehn gute Podcasts plus drei bis vier Sanifair-Bons für meine Sammlung, mit der ich eines Tages einen kompletten Tankstellenkiosk leer kaufen werde.

Das bedeutet vor allem aber: zehn Stunden Unansprechbarkeit im Irgendwo, nicht mehr dort, noch nicht hier, nur ein kleiner blauer Punkt auf dem Navi. Im Auto hat man was zu tun, aber nicht zu viel, und vor allem geht es immer in die richtige Richtung: weg, weiter, woandershin.

Raststättenschnitzel und braune Schilder

Stets an Bord: eine Thermoskanne mit Tee sowie eine Tasse mit dem Wappen der Windsors und dem Aufdruck "Welcome To Our Royal Baby" (zu Ehren der Geburt von Prinz George, ich möchte nicht darüber sprechen). Außerdem im Wagen: ein zusammengerollter Teppich, von dem ich noch nicht weiß, wohin er soll, zwei Kisten Primitivo, für die kein Platz in meiner Wohnung ist, mehrere ungeöffnete Briefe, diverse Schuhe und ein Ziegelstein in Packpapier, über den ich ebenfalls nicht sprechen möchte. Es ist ein Frauenauto: Zweitwohnsitz und rollendes Unterbewusstsein. Meines riecht nach unter den Sitz gerollten Pansenstangen und ausgelaufener Coke Zero, es ist für jeden Mitfahrer komplett unzumutbar. Mit anderen Worten: perfekt.

Zwei Rituale sind bei jeder langen Autofahrt unverzichtbar: erstens ein Raststättenschnitzel, idealerweise im Brückenrestaurant Dammer Berge an der A 1 oder im Taunusblick an der A 5 oder in Irschenberg Süd an der A 8, wahlweise eine Klappstulle auf einem Rastplatz mit Namen wie Bummelskampe (A 7) oder Flöz Mausegatt (A 45). Zweitens: Vervollständigung meiner Braune-Schilder-Sammlung. Sie wissen schon, die Hinweisschilder auf Sehenswürdiges links und rechts der Autobahn: "Roswithastadt Bad Gandersheim" , "Deutsches Panzermuseum Munster", "Meteorkrater Steinheim", "Kürassierstadt Pasewalk".

Extra-weich, weich oder hart?

Ein braunes Schild pro Fahrt ist Pflicht, einmal kurz raus zu irgendeiner Burg oder Mainschleife oder historischen Altstadt. Am schönsten ist es, wenn ich keine Ahnung habe, was mich erwartet. Brotjacklriegel? Senne? Wilsdruff? Was zum Teufel ist das, ein Fluss, eine Stadt, ein Berg? Heimatkunde mischt sich mit Schnitzeljagd, ich lasse mich überraschen, und jedes Mal ist es wie ein Geschenk, das ich rechts des Weges auspacken darf.

Heute, auf der Heimfahrt nach , fuhr ich beim braunen Schild "Melsungen" raus. Fehlte noch in meiner Sammlung. Ein hinreißend hübsches Fachwerkstädtchen wie aus dem Märchen, in dessen schnell erreichter Mitte gerade Wochenmarkt war. In gefühlt 70 Prozent der Wagen gibt es Ahle Wurscht. "Eine Stracke, bitte." Der Verkäufer: "Extra-weich, weich oder hart?" Er lässt mich fühlen und erspart sich und mir jeden doofen Witz. In seinem Blick liegt: "Ich könnte." In meinem: "Ich weiß." Eine halbe Stunde später bin ich wieder auf der A 7, esse harte Stracke vom Beifahrersitz und denke: Mehr davon. Mehr Abzweigungen, mehr Umwege. Mehr braune Schilder.


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