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Kolumne Winnemuth: Krieg am Kassenband

Hinten staut sich's, vorn fällt die Sahne von der Rampe, und der nächste Kunde seufzt lauter als nötig: Bezahlen im Supermarkt ist purer Stress.

Von Meike Winnemuth

Supermarktkasse

Oft herrscht an Supermarktkassen der große Stress: Vielen Menschen kann es nicht schnell genug gehen

Eine meiner Lieblingsmeldungen des vergangenen Jahres war, dass ein 61-jähriger Mann an einer Supermarktkasse in Tauberbischofsheim einer Frau ein Päckchen mit Tiefkühlgemüse an den Kopf geworfen hat, weil er fand, dass sie ihre Einkäufe auf dem Kassenband zu nah an seine gelegt hatte. Dass es diese Meldung überhaupt in den Polizeibericht und von dort ins Vermischte geschafft hat, deutet darauf hin, dass hier ein Vergehen beschrieben wird, an dem wir alle bislang eher zufällig vorbeigeschrammt sind, sei es als Opfer oder als Täter. Wenig befördert die Alltagsaggression so verlässlich wie das Bezahlen an einer Supermarktkasse. 

Seit der Einführung der Scannerkassen bei gleichzeitiger dramatischer Verkleinerung des Einpackbereichs steigt der Blutdruck schon in der Schlange. Denn jeder weiß, was gleich kommt: Man kann gar nicht so schnell aufs Band packen, wie es sich hinten stauen und/oder herunterfallen wird. Nach dem Entladen spurtet man vor, pfeffert hektisch alles Gescannte wieder in den Wagen zurück, ein logistisch halbwegs sinnvolles Einpacken - Sixpack unten, Weintrauben oben - ist völlig unmöglich. Mit tomatenfarbenem Kopf schiebt man den Wagen zu einem hoffentlich vorhandenen Packtisch, um alles ein drittes Mal in die Hand zu nehmen und fluchend die Erstversorgung der Sahnebecherfolie vorzunehmen.

"Moment - ich glaube, ich hab's klein"

Der ist gewollt: Je schneller die Kunden durchgeschleust werden, desto weniger Kassen und desto weniger Personal braucht man, so die Supermarktstrategen. Deshalb sind die früher üblichen Einpackbuchten mit hölzernem Schieberegler fast überall abgeschafft. Einfach zu langsam, die Dinger. Verrückterweise richtet sich der Kundenzorn aber nicht auf die Ladenplaner, sondern auf die anderen Kunden, speziell auf solche, die nicht verstanden haben, dass sie sich hier im Kriegsgebiet befinden, sondern freundliche Sätze sprechen wie "Moment - ich glaube, ich hab's klein". Da entsichert man innerlich wenn schon nicht die Tiefkühlgemüsepackung, so zumindest das Backpulvertütchen und seufzt lauter, als nötig wäre.

Fragen, die sich jeder stellt: Warum stehe ich immer in der langsamsten Schlange?


Ein beliebter Auslöser für passiv-aggressives Murren ist auch die ungeklärte Frage, wer jetzt eigentlich für die Platzierung des Warentrenners zwischen den Einkäufen zuständig ist. Hat man ihn vor oder hinter seine eigenen Sachen zu legen? Für die Abgrenzung zum Hintermann spricht, dass es ja im eigenen Interesse ist, dessen Kram nicht mit zu bezahlen. Zudem weiß der Nachrückende so verlässlich, dass er jetzt seinerseits loslegen kann. Trotzdem scheint es hierzulande üblicher zu sein, die Verantwortung dem Nächsten zu überlassen, obwohl der meist nur sehr umständlich an die in Höhe der Kassiererin herumliegenden Trennbalken herankommt. Ein ewiges Rätsel.

Das schöne Hobby des Einkaufswagenvoyeurismus

Was im Kassenbandwahnsinn leider ganz verloren gegangen ist: das schöne Hobby des Einkaufswagenvoyeurismus. Ich jedenfalls gucke wahnsinnig gern, was die anderen eingekauft haben, und stelle Mutmaßungen über deren Leben an. Och guck, ein armer Tiefkühlkost-Single mit dem Vorsatz, sich heute Abend eine Flasche billigen Roten in den Kopf zu gießen. Niedlich, zum Nachtisch hat er sich Götterspeise eingepackt. Hatte bestimmt einen miesen Tag und muss jetzt auf den Arm. Und da, eine klassische Schuld-und-Sühne-Frau: Fünferpack Mars und zwei 500-Gramm-Becher Joghurt mit 0,1 Prozent Fett. Und da … All das geht nicht mehr an der Kasse, deshalb lungere ich jetzt oft zwischen den Gängen herum und blicke sinnend in die Wagen. Nur um einen neuen Aggressionsschub auszulösen: "Das ist meiner!" Ja doch, weiß ich ja. Ich gucke doch bloß.


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