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Kolumne Winnemuth: Naturdefizitsyndrom - von lila Kühen und blau karierten Enten

Schön im Wald! Aber was mag das alles sein, das hier wächst und summt und singt? Und sind Enten nicht gelb? Zeit für die eigene Renaturierung.

Von Meike Winnemuth

Wald im Sonnenlicht

Hübsch, der Wald. Aber wie heißt das eigentlich alles?

Willkommen zur ersten vollständig unter freiem Himmel geschriebenen Kolumne dieser Serie. Ich melde mich heute live vom lieblichen Großen Pätschsee in der Mecklenburgischen Seenplatte, der kleiner ist, als er klingt, aber immerhin größer ist als der Kleine Pätschsee. Neben mir eine sehr dicke, sehr alte Buche mit sehr vielen Initialen und Herzchen („Benni und Doris 90“ – ich hoffe, ihr habt es geschafft, Benni und Doris), vor mir ein ins Wasser gestürzter Baum, auf den ein freundlicher Mensch (Benni?) zwei Planken zum Sitzen genagelt hat. Links zwei Enten, oben Himmel, hinten Wald, sonst: nichts.

Es ist wunderschön hier, so wahnsinnig schön, dass ich beginne, mich zu ärgern: Ich weiß die Schönheit nicht zu benennen. Ich habe keine Ahnung von Natur. Sind die weißen Blümchen mit der fusseligen gelben Mitte da Buschwindröschen? (Ehrlich gesagt die einzige Waldblume, die mir überhaupt einfällt.) Hier summt was: kenne ich nicht. Da singt was: kenne ich nicht. Da hinten wächst was: eine Eberesche? Behaupte ich einfach mal, beweisen Sie mir das Gegenteil.

Damit bin ich natürlich nicht allein. Kürzlich stolperte ich über den etwas doofen Begriff Naturdefizitsyndrom, erfunden selbstverständlich von einem amerikanischen Forscher, der den Untergang des Abendlandes daran festmacht, dass Kinder nicht mehr in den Wald gehen und auch sonst wenig Kontakt zur Natur haben. Grund: übervorsichtige Eltern, allgemeines Verschwinden von Grünzeug. Folge: Entwicklungsdefizite, Fettleibigkeit, psychische Probleme etc. etc. (Klammer auf: An dieser Stelle könnte ich länglich über den Einfallsreichtum amerikanischer Forscher bei der Erfindung stets neuer Syndrome, Symptome, Defizite und sonstiger zivilisatorischer Maleschen dozieren, die noch aus der klitzekleinsten Abweichung von der Normalität – viel Spaß bei der Definition davon! – eine psychische Störung machen. Ein steter Quell der Heiterkeit in Sachen Pathologisierung des Alltags ist das DSM, die Auflistung psychischer Krankheiten der American Psychiatric Association, die es in ihrer neuesten Auflage sogar schafft, aus schlichtem Rauchen eine Funktionsstörung namens „tobacco use disorder“ zu machen. Aber ich schweife ab. Tut man ja gern mal, wenn man auf den Großen Pätschsee schaut. Klammer zu.)

Disney-Vorstellung vom Wald

Wo waren wir? Richtig, "Naturdefizitsyndrom". In den Neunzigern, als bei einem bayerischen Schülermalwettbewerb 30 Prozent der 40 000 teilnehmenden Kinder beim Ausmalen einer Kuh die Farbe Lila wählten, gab es auch hierzulande einen großen Aufschrei. Soziologen der Uni Marburg nahmen das zum Anlass, das Naturwissen von Kindern zu erforschen. Ergebnis: Die wüssten schon zu unterscheiden zwischen Werbe- und wirklichen Kühen, hätten aber ansonsten eher eine Disney-Vorstellung vom Wald – Bambi ist nett, Jäger sind böse und Holzfäller auch. Und elf Prozent sagten, dass Enten gelb sind.

Ich weiß natürlich, dass Enten in Wirklichkeit blau kariert sind. Trotzdem arbeite ich jetzt an meiner Renaturierung. Ich fotografiere viel, bei gutem Empfang google ich noch vor Ort – ach, das ist also eine Schlüsselblume, eine Sumpfdotterblume, ein Borkenkäfer –, und ich gehe vor allem viel spazieren mit Leuten, die ohne Google Bescheid wissen. „Nee, eine Esche, keine Eberesche.“ Ah. Und wieso ist der Boden hier so zerwühlt? „Wildschweine, du Doofi.“ Oh. Und immer mal zwischendurch passiert ein Wunder, und aus irgendeinem Hirnwinkel taucht eine verschüttete Vokabel auf. „Ich weiß: Wiesenschaumkraut. Ha!“ Bambi finde ich aber weiterhin echt nett.

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