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stern-Kolumne Winnemuth Pfui ist das neue Hui


Bei Sportschuhen, Diäten und leider auch in der Medizin: Ständig widerlegen Experten sich gegenseitig. Und wir? Stehen mittendrin und kratzen uns verzweifelt den Kopf.
Von Meike Winnemuth

Es geht langsam aufs Frühjahr zu, was bedauerlich ist. Denn ab sofort taugt das Wetter nicht mehr als Argument für die Grundhaltung der vergangenen Monate: die stabile Rückenlage mit zwei bis drei Kissen unter dem Kopf. Ich werde wieder laufen gehen. Wirklich. Nee, echt jetzt. Und wie immer, wenn ich echt jetzt wieder Sport treiben will, muss erst mal neues Equipment her, denn nichts motiviert mehr als ein 200-Euro-Laufjäckchen nicht unähnlich jenen Laufjäckchen, die bereits in der Sportkleidungsabteilung meines Kleiderschranks ruhen (also ganz oben, wo alle Dinge hingehören, die man selten braucht).

Vor allem aber müssen #link;http://www.stern.de/gesundheit/stern-laufserie-so-finden-sie-den-richtigen-schuh-1996697.html;Schuhe nach dem neuesten lauftechnischen Stand# her. Als ich zuletzt geguckt habe, waren das ungedämpfte Barfußschuhe: bessere Socken mit dünner Gummischicht drunter, von führenden Physiologen als die natürlichste, gesündeste, die Fußmuskulatur optimal trainierende Art von Laufschuh gepriesen. Heute, kein Jahr später, ist der heiße Scheiß das genaue Gegenteil: sogenannte maximalistische Laufschuhe, fett gepolsterte Puschen, auf deren schlauchbootartigen Schaumklotzsohlen man gefühlt einen halben Meter über Normalnull steht. Auch hier liefern die Experten wieder schlüssige Erklärungen, warum man in diesen Schuhen so gut läuft wie in nix anderem.

Was denn jetzt? Wie denn nun?

So. Kennt man ja. Was gestern richtig war, ist heute falsch. Was heute gilt, ist morgen Quatsch. An dieses Prinzip haben wir uns gewöhnt und es als Menschheitsgesetz des galoppierenden Widerspruchs abgeheftet. Das Leben verläuft in Pendelbewegungen, und Meinungen ändern sich wie Rocklängen, das gilt für Sportmediziner ebenso wie für Finanzberater, für Regierungen südeuropäischer Staaten ebenso wie für Diätfachleute, die gestern noch fünf Mahlzeiten empfahlen und heute keineswegs mehr als drei, bitte mit fünf Stunden Pause dazwischen. Und keinen Weizen. Aber dafür Fett, natürlich Fett! Wie jetzt, hatten wir irgendwann mal zu fettarmer Ernährung geraten?

Wir Ahnungslosen stehen zwischen diesen mit wachsendem Getöse vorgebrachten Expertenmeinungen und kratzen uns den Kopf. Was denn jetzt? Wie denn nun? Wissen entwickelt sich, Forschung bringt Veränderung, Erkenntnisse werden überprüft, modifiziert, revidiert – klar. Aber inzwischen ist es mehr und mehr nur noch Glaubenssache, welcher der diversen flottierenden Theorien man traut, auf welche der durcheinanderschreienden Stimmen man hört.

Wann immer Glauben das Verhalten bestimmt, ist der Glaubenskrieg nicht weit. Verunsicherung führt in der Regel nicht etwa zu stiller Introspektion, sondern zu radikaler Rechthaberei, die blind um sich schlägt.

Wir waren schon mal weiter

Hoppla, wie sind wir denn jetzt von Fußbekleidung in unerträglichen Schreifarben (das zumindest ist konstant geblieben) zu Impfgegnern und Islamophoben gekommen? Wollte ich nicht, ich wollte wirklich nur was Heiteres über Sportschuhe schreiben.

Aber schön, wenn wir schon beim Thema sind: Es scheint, als ob die von allen als richtig akzeptierte Grundlage in fast allen Lebensbereichen bröckelt. Als ob der gemeinsame Nenner immer kleiner wird, als ob Vernunft, Aufklärung, Zivilisation, Common Sense nicht mehr das Maß der Dinge sind. Wir haben bald ein Sechstel des 21. Jahrhunderts rum und plagen uns plötzlich wieder mit Fragen aus dem Mittelalter.

Der Zentralrat der Juden warnt vor dem Tragen der Kippa. Ein Anderthalbjähriger stirbt an Masern. All das in einem der am höchsten industrialisierten Länder der Welt. Wir waren schon mal weiter.

Die Kolumne

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