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stern-Kolumne Winnemuth Eine Frage des Timings


Menschen führen ihre Leben in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die stern-Kolumnistin könnte darüber wahnsinnig werden - wenn sie bloß die Zeit dafür fände.
Von Meike Winnemuth

Neulich sah ich mal wieder einen meiner Lieblingsfilme, "About Schmidt" mit Jack Nicholson in der Rolle des Versicherungsangestellten Warren Schmidt, dessen ergeben abgesessenes Leben nach seiner Pensionierung aufzuribbeln droht. Wer ist diese alte Frau, die da neben mir im Bett liegt, fragt er sich plötzlich beim Anblick seiner Ehefrau. Alles an ihr nervt ihn: wie sie riecht, wie sie sich hinsetzt und – am allerschlimmsten – wie sie auf dem Supermarktparkplatz, schon ewig lange bevor sie das Auto erreicht, den Wagenschlüssel aus ihrer Tasche zieht.

Unterwegs in unterschiedlichen Zeitzonen

Ich liebe dieses Detail, es ist so genau beobachtet und erzählt so viel darüber, in welch unterschiedlichen Zeitzonen Menschen leben können, auch wenn sie 42 Jahre verheiratet sind. Wie schnell oder wie langsam jemand Dinge erledigt, wie vorausschauend er agiert oder wie trödelig, ob er den Blick nach vorn oder nach hinten richtet und den Witz sofort versteht oder mit zwei Sekunden Verzögerung, das sind oft nur winzige Abweichungen, kleine Haarrisse im Zusammenleben, die aber leicht zu unüberwindlichen Canyons werden können.

Ich selbst gehöre wie Jack Nicholsons Filmfrau zur Spezies derjenigen, die 20 Meter vor der Tür den Schlüssel rausholen, meine beste Freundin hingegen wühlt vor der Haustür gefühlte zehn Minuten in ihrer Handtasche, bis sie ein weiteres Mal glücklich den Schlüsselbund gefunden hat. Wir kennen uns seit 26 Jahren, wir könnten unterschiedlicher nicht sein und lieben uns trotzdem oder gerade deshalb, wie das bei alten Freunden oft so ist. Aber ich könnte sie jedes Mal erwürgen, wenn sie wieder mit wachsender Verzweiflung in den Tiefen ihrer Tasche kramt. "Oh Gott, wo isser bloß … ich wird doch nicht … ach, da ist er ja" – rrraaaaaahhhhh! Jeee-des Mal.

Zu schnell? Zu langsam!

Jeder geht mit seinem höchst individuellen Pulsschlag durchs Leben, jeder tanzt nach seinem eigenen Beat, den er selbstverständlich für den einzig wahren hält. Und schon kommt man ins Stolpern: Wieso ist der so lahm? Warum ist die so hektisch? Ich war mal kurz, aber heftig in einen Mann verliebt, der in jeder Hinsicht toll war – bis auf die Tatsache, dass er zu langsam für mich war. Er dachte noch über etwas nach, wenn ich längst beim nächsten Thema war, auf E-Mails oder SMS reagierte er mit unerträglicher (also gern mal eintägiger) Verzögerung, seine Bedächtigkeit machte mich wahnsinnig. Nicht die gute Art von wahnsinnig. Umgekehrt war’s genauso. Wir taten das einzig Richtige, wurden gute Freunde und sehen uns selten – nach seiner Zeitrechnung also gerade oft genug.

Immer häufiger kommt es mir vor, als lebten wir zwar alle im selben Sonnensystem, in dem aber jeder eine andere Umlaufbahn hat. Ein Jahr auf dem Merkur dauert 88 Tage, eins auf dem Mars 687 Tage und eins auf Pluto 90.588 Tage. Ungefähr so scheint das auch bei den meisten Menschen zu sein. Kosmisches Gesetz. Unveränderlich. Zum Wahnsinnigwerden.

Gibt es ein Lebenstempo?

Wie kommt man bloß zu seinem persönlichen Tempo? Gibt es dazu Studien? Ist das ererbt? Erlernt? Ich bin die Tochter eines Vaters, der flott auf rote Ampeln zufährt und genau dann bremst, wenn es nötig ist, und einer Mutter, die schon im Oktober besprechen will, was es Heiligabend zu essen gibt. Beide machen mich, genau: wahnsinnig. Dabei bin ich nicht mal konsequent mit meinem eigenen Lebenstempo. Ich gehe schnell, ich esse schnell, ich lese langsam, und noch langsamer werde ich mit anderen warm. Liegt das an der Verdrahtung der Synapsen, am Metabolismus, am Luftdruck? Könnte mir das mal einer erklären? Macht auch nichts, wenn’s schnell geht.

Die Kolumne

... von Meike Winnemuth finden Sie immer schon donnerstags im aktuellen stern. Diese Kolumne erschien in der vergangenen Woche, Heft Nr. 46.


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