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Kolumne Winnemuth: Überraschungs-Allergie

Wird es ein Junge? Was gibt’s zum Geburtstag? Was bringt die nächste "Lindenstraße"? Wir wollen es wissen, alles und im Voraus.


Von Meike Winnemuth

Winnemuth: Wir wollen es wissen, alles und im Voraus

Winnemuth: "Richtig komisch wird es dann, wenn die Inhalte von ohnehin überraschungsarmen Formaten wie Seifenopern immer schon sechs Wochen im Voraus im Internet zu studieren sind."

Wir leben in einer Zeit, die Überraschungen nicht sonderlich schätzt. Berechen- und Erwartbarkeit, ordnungsgemäßer Gang der Dinge und verlässliche Langeweile sind das Maß aller Dinge, ob in Politik, Wirtschaft oder Helene-Fischer-Konzerten, ob bei "Tatort"-Morden oder in Inga-Lindström-Plots. Passiert dagegen ausnahmsweise mal etwas Unerwartetes, wollen die Schockwellen kaum ein Ende nehmen: Ein knappes Jahr nach der Brexit-Abstimmung hat sich die Fassungslosigkeit immer noch nicht gelegt, dasselbe wird für jeden weiteren Tag der Trump-Präsidentschaft gelten.

Ein knappes Jahr nach der Brexit-Abstimmung hat sich die Fassungslosigkeit immer noch nicht gelegt

Die Überraschungs-Allergie zieht sich durch alle Bereiche. Ein befreundeter Gynäkologe erzählt zum Beispiel, dass es kaum noch Paare gibt, die nicht so früh wie möglich das Geschlecht ihres Kindes wissen wollen und den möglichst genauen Geburtstermin, damit die mit Namen personalisierte Wiegendecke rechtzeitig bestickt werden kann. Dank hochauflösender 3-D-Ultraschallfotos sitzt der Fötus ohnehin spätestens ab dem fünften Monat quasi mit am Kaffeetisch und kann auf Mund- und Nasen-Ähnlichkeiten überprüft werden.

Fast genauso überraschungsfrei ist inzwischen das ehemalige Hochamt der Überraschungen: das Geschenk. Schon lange werden Geschenkpäckchen nicht mehr geschüttelt, um zu raten, was drin ist. Man weiß es ja, man hat es schließlich beim Schenkenden bestellt. Vor Hochzeiten und runden Geburtstagen werden Listen verschickt, gern mit Links zu den Orderformularen einschlägiger Websites. Man kann inzwischen ein Geschenk kaufen, das man nie selbst zu Gesicht bekommen, geschweige denn eingepackt oder gar überreicht hat – das macht alles der Lieferservice. Und das junge Glück bekommt wirklich nur den einen Langschlitztoaster mit automatischer Brotzentrierung und sieben Bräunungsstufen in Mintgrün, den das Herz wirklich begehrt.

Richtig komisch wird es dann, wenn die Inhalte von ohnehin überraschungsarmen Formaten wie Seifenopern immer schon sechs Wochen im Voraus im Internet zu studieren sind. Falls es mich interessieren würde, könnte ich jetzt bereits wissen, dass in der Folge 1630 der "Lindenstraße" am 21. Mai Andy genervt ist, weil Helga und Lösch … Oder das Drama in Folge 2704 von "Sturm der Liebe" am 9. Juni! "Tina versucht, David zur Besinnung zu bringen, während er seine Mutter heftig würgt." Das ist schön von Tina, aber merkwürdig von den Fernsehschaffenden, die ihre Karten so frühzeitig auf den Tisch legen. Andererseits: Zu schaden scheint es den Einschaltquoten ja gerade nicht, vermutlich nützt es ihnen sogar.

So spoilern wir uns um einen guten Teil unserer Lebensüberraschungen herum

Immer früher immer mehr immer besser wissen wollen: So spoilern wir uns um einen guten Teil unserer Lebensüberraschungen herum. Umso verblüffender scheint da ein neuer Trend auf dem Reisemarkt: Blind Booking. Über eine wachsende Zahl von Portalen wie Wowtrip, Blookery oder Travelbird kann man Flüge, Hotels oder gleich ganze Wochen-Arrangements buchen, ohne das Reiseziel zu kennen. Zwar gibt man vorher an, ob man lieber einen Strand- oder Städte- oder Wanderurlaub machen möchte, doch ansonsten erfährt man erst zwei Tage vor Abflug seine Destination – oder sogar erst im Flughafen. Wie passt das zu unserer Planungsobsession? Ach so: Für einen Mehrpreis kann man Ziele ausschließen, zu denen man auf gar keinen Fall will. Bei einer Überraschungsreise Geld zahlen, um nicht überrascht zu werden – das ist dann eine neue Stufe auf der nach oben offenen Skala des Nichtüberraschtwerdenwollens.

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