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stern-Kolumne Winnemuth: Lovestory mit Büttenrand

Früher machte man wenige Fotos und erzählte damit viel. Heute knipsen wir dauernd, aber sagen fast nichts. Oder müssten wir nur besser hinsehen?

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth fragt sich diese Woche, wie es sein kann, dass man mit 24 Bildern pro kostbarem Agfa-Film mehr festhalten kann als mit fast unbegrenztem Speicherplatz auf dem Smartphone

Meike Winnemuth fragt sich diese Woche, wie es sein kann, dass man mit 24 Bildern pro kostbarem Agfa-Film mehr festhalten kann als mit fast unbegrenztem Speicherplatz auf dem Smartphone

Vor ein paar Wochen feierten meine Eltern ihren 60. Hochzeitstag. Ich muss bei solchen Familienfeiern natürlich was sagen und bin in den vergangenen Jahren dabei jedes einzelne Mal in Tränen ausgebrochen. Keine Ahnung, warum, ich habe sonst eigentlich nicht nah am Wasser gebaut, aber Familienfeierreden sind mein Kryptonit. Es ist immer dasselbe: Ich spreche unter Schluchzen, keiner versteht was, alle gucken mitleidig bis peinlich berührt, und hinterher betrinke ich mich zügig mit notdürftig nachgetuschten Wimpern.

Dieses Mal sollte es anders sein, hatte ich mir geschworen. Ich brachte deshalb zur Illustration dieser 60-jährigen Liebe zwei Fotoalben aus der Frühzeit meiner Eltern mit zur Feier. Getroffen haben die sich nämlich 1953 auf einer Bus-Pauschalreise von Ruhpolding nach Venedig – ausgerechnet Venedig, Stadt der Liebe. Mein Vater reiste mit seinem Freund Franz, meine Mutter, damals 20, unerschrockenerweise ganz allein. Mein Vater hatte leichtes Spiel, denn von den drei halbwegs heiratsfähigen Männern an Bord des Busses war er der einzige, der tanzen konnte. So einfach war das damals noch. Die Reise fand im August statt, anschließend schrieb man sich Briefe (sie wohnten 600 Kilometer voneinander entfernt). Zu Silvester fuhr mein Vater Richtung Norden und machte meiner Mutter, die er da gerade zum zweiten Mal sah, einen Antrag. Der Rest ist Geschichte.

Das Wunderbare ist nun: Der Beginn dieser Geschichte ist in den beiden grünledernen Fotoalben bestens dokumentiert. Eigentlich wollte mein Vater ja nur Reisefotos für die Daheimgebliebenen machen, stattdessen sieht man in Schwarz-Weiß mit gezacktem Büttenrand, sorgfältig eingeklebt und mit gestochen scharfer Schrift untertitelt: eine Lovestory. Auf einem Gruppenbild steht meine Mutter neben meinem Vater, darunter ist zu lesen: "Psst … sie rückt schon näher." Auf einem anderen Foto sitzen die beiden in einem Ruderboot und stecken gemeinsam in einem Rettungsring. Man blättert zwischen schwarzem Karton und pergamentenen Trennseiten durch das, was ich immer „How I Met Your Mother I und II“ nenne: Fotos vom Millstätter See, von den Tropfsteinhöhlen von Postojna und zwei bis eben noch Fremden.

Wenn ich diese tausendfach betrachteten Alben vergleiche mit den Tausenden von Fotos, die ich auf meinem Smartphone habe, frage ich mich oft, wie es sein kann, dass man mit 24 Bildern pro kostbarem Agfa-Film mehr festhalten kann als mit unbegrenztem Speicherplatz in einer Welt unter digitalem Dauerbeschuss. Wir knipsen reflexhaft, besinnungslos, kontrollieren anschließend noch mal kurz, ob’s was geworden ist, löschen sofort alle Bilder, auf denen wir uns nicht gefallen – und gucken dann nie wieder drauf. Oder posten bestenfalls noch auf Facebook, jeden einzelnen Tag werden da mehr als 300 Millionen Fotos hochgeladen. Eigentlich müsste sich doch angesichts der Bilderfluten zart die eine oder andere Geschichte herauskristallisieren, ähnlich die meiner Eltern. Aber vielleicht guckt man im Moment des Knipsens schon nicht mehr hin oder missbraucht so wie ich die Kamera faul als banalen Notizblock – zum Beispiel für Möbeletiketten bei Ikea, damit ich mir das Regalfach in der Abholhalle nicht merken muss.

Wir haben an dem Abend der diamantenen Hochzeit lange in den beiden Alben geblättert, haben dabei viel vom Festlegen gesprochen (auf ein Bild, auf einen Menschen) und vom Festhalten (an einer Erinnerung, an einer Liebe) und davon, warum das alles so selten gelingt. Natürlich habe ich wieder geheult, ich heule ja immer. Aber dieses Mal war ich jedenfalls nicht die Einzige.

Die Kolumne

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Themen in diesem Artikel
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.