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Alkoholkonsum: Drei Millionen Kassenzettel lügen nicht

Ist Wein wirklich gesünder als Bier - oder leben Weinliebhaber deshalb länger als Biertrinker, weil sie sich gesünder ernähren? Dieser Frage gingen dänische Forscher nach - an der Kasse im Supermarkt.

Die Wahrheit über Bier und Wein ist auf 3,5 Millionen Papierschnipseln zu finden. Das zumindest glaubt ein dänisches Forscherteam, das der Frage nachging: Ist Wein wirklich gesünder als Bier?

Dafür werteten sie besagte 3,5 Millionen Stückchen Papier aus: Kassenzettel aus 98 dänischen Supermärkten. Sie listeten auf, welche Lebensmittel in den Einkaufswagen der Weinkäufer landeten, und verglichen diese Einkäufe mit denen der Bierkäufer. Dahinter steckte die Annahme: Ihre Gesundheit verdanken Weinliebhaber zumindest teilweise der Tatsache, dass sie sich gesünder ernähren als die Bier-Fans. Die Ergebnisse ihrer Studie haben die Wissenschaftler um Ditte Johansen im "British Medical Journal" veröffentlicht.

Leben Weintrinker gesünder?

Zahlreichen Studien zufolge schützt Alkohol in geringen Mengen das Herz - ganz egal, ob er aus Bier oder aus Wein stammt. Dem Wein schreiben Forscher aber weit mehr positive Wirkungen zu als dem Bier: Er soll zusätzlich vor Lungen- und Prostatakrebs schützen, das Thrombose-Risiko senken und positiv auf die Blutgefäße wirken. Eine Gruppe von Forschern aus Harvard und Connecticut kam gar zu dem Schluss, das im Wein enthaltene Polyphenol Resveratrol verlängere geradezu das Leben: Es aktiviere bestimmte Enzyme, die für die Lebensspanne verantwortlich sind.

Diese Effekte zweifeln Johansen und ihre Kollegen gar nicht an; sie halten es aber für zu kurz gegriffen, den Wein aufgrund seiner gesunden Inhaltsstoffe zum Wundermittel zu stilisieren. Denn aus anderen Studien weiß man, dass Weintrinker gewöhnlich ein höheres Einkommen und eine bessere Bildung haben als Biertrinker und insgesamt weniger Alkohol konsumieren - also einen gesünderen Lebenswandel pflegen.

Dass sie auch anders essen, hatte man schon länger vermutet - ein Beweis stand noch aus. Denn befragt man Menschen, was sie essen und trinken, erhält man selten brauchbare Ergebnisse: Da werden hier ein paar Bier unterschlagen, dort ein paar Äpfel hinzugelogen und die Tüte Chips vorm Fernseher gleich ganz verschwiegen. Statistiker sprechen von "Verzerrung durch Aspekte sozialer Erwünschtheit".

Mittelmeerdiät kontra Fett und Zucker

In dieser Hinsicht unbestechlich ist der Blick auf die Kassenzettel: An ihnen lässt sich genau ablesen, welche Lebensmittel zusammen mit Bier und Wein in den Einkaufswagen landen. Viele dänische Wein-Fans kauften der Studie zufolge gleichzeitig Obst und Gemüse, Oliven, Geflügelfleisch, fettreduzierten Käse und Milch. Die Bierkäufer hingegen griffen besonders oft zu Fertiggerichten, Aufschnitt, Schweinefleisch, Butter, Würstchen, Zucker und Limonade. Gesunde Mittelmeerdiät kontra gesättigte Fettsäuren und Zucker.

Freimütig räumen die Forscher ein, dass Kaufen nicht mit Trinken gleichzusetzen ist. Womöglich hat der Weinkäufer die Flasche Roten nur als Party-Mitbringsel besorgt und der Bierkäufer geht anschließend auf den Wochenmarkt, um sich mit Obst und Gemüse einzudecken. Bei einer derart großen Datenmenge sollten solche Fehler das Ergebnis jedoch nicht deutlich verfälschen.

Lebensstil-Faktoren berücksichtigen

Für die Forscher sind die Ernährungsgewohnheiten nur eines von vielen Puzzleteilen, die man braucht, um die Zusammenhänge zwischen Alkohol, Lebensstil und Sterblichkeit zu verstehen. In den Schlussbemerkungen der Studie heißt es: "Dass die Art des alkoholischen Getränks die Sterblichkeit zu beeinflussen scheint, könnte zurückzuführen sein auf mangelhafte Bereinigung der Daten in Hinblick auf Lebensstil-Faktoren wie Ernährung, Trinkgewohnheiten, Rauchen, sportliche Aktivität, Bildung oder Einkommen."

Wurden also die vermeintlich positiven Wirkungen von Wein auf die Gesundheit überschätzt? So richtig festlegen wollen sich die Forscher am Ende nicht: Die günstigen Auswirkungen des Weinkonsums auf die Gesundheit könnten verursacht werden durch "spezifische Substanzen im Wein" oder aber dadurch, dass Weintrinker ein anderer Menschenschlag sind als andere Trinker.

Angelika Unger
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