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Antike: Antoninische Pest - wie eine Seuche den Untergang des römischen Imperiums einleitete

Fünf "gute" Kaiser führten Rom in eine Blütezeit, bis eine Seuche aus China das Reich verwüstete. Rom verlor mehr als ein Drittel der Bewohner. Das Imperium überstand die Pest – aber schwer geschwächt.

Der Engel des Todes vor einem römischen Haus.Stich nach Jules-Elie Delaunay.

Der Engel des Todes vor einem römischen Haus.Stich nach Jules-Elie Delaunay.

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Krankheiten, Seuchen und Tod waren die Bürger des römischen Imperiums gewohnt. Doch eine Krankheit wie die Antoninische Pest, die 165 n. Chr. ausbrach, hatte das Imperium zuvor noch nicht gesehen. In den Jahrzehnten davor war Rom zu nie da gewesener Größe emporgestiegen, nach der Pest begann der Zerfall der römischen Macht - auch wenn der Niedergang immer wieder für kurze Zeit gestoppt werden konnte.

Blütezeit der Adoptivkaiser

Vor der Pest - vermutlich handelte es sich um die Pocken - erlebte das Reich eine Blütezeit, wie es sie vorher nur in der langen Herrschaft des ersten Kaisers, des großen Augustus, gab. Der damalige Herrscher, Marcus Aurelius Antoninus, war der letzte der "fünf guten Kaiser". Alle kämpften zwar unentwegt an den Außengrenzen des Reiches, doch im Gebiet des Imperiums bewahrten sie Frieden, Sicherheit und Wohlstand.

Der Verlauf der Krankheit wurden vom griechischen Arzt Galen genau dokumentiert. Die Opfer litten zwei Wochen lang unter Fieber, Erbrechen, Durst, Husten und einem geschwollenen Rachen. Andere bekamen rote und schwarze Pusteln auf der Haut, schlechten Atem und schwarzen Durchfall. Von den Infizierten starb jeder Vierte, die Übrigen genasen und wurden immun gegen die Krankheit. Fast zehn Prozent des Imperiums mit 75-Millionen Einwohnern kamen bei mehreren Wellen der Seuche ums Leben. Doch das ist nur ein Durchschnittswert. Während manche Gebiete kaum betroffen waren, wütete die Seuche woanders weit stärker. Vor allen in den großen Städten und insbesondere in Rom war die Zahl der Toten höher. "Wie wildes Tier ", so ein Römer, "vernichtete die Krankheit nicht nur einige Menschen, sondern wütete in ganzen Städten und zerstörte sie".

In Pompeji haben sich zahlreiche erotische Darstellungen aus der Antike erhalten.

Krankheit kam aus China 

Sicher ist, dass die Krankheit zum Jahreswechsel 165 zu 166 n. Chr. erstmals im Osten des Reiches bei der Belagerung von Seleucia auftrat. Ursprünglich kam die Krankheit aus China und verbreitete sich entlang der Seidenstraße. Die römischen Legionen verbreiteten sie dann weiter bis nach Gallien und an den Rhein. Verwaltung und Medizin standen der Seuche vollkommen hilflos gegenüber. Die Römer konnten viel, doch vom Wesen der Ansteckungskrankheit verstanden sie nichts.

An die Entwicklung eines Gegenmittels war nicht zu denken. Das ganze Reich duckte sich weg, als die Seuche über es hinwegbrandete. Überall im Reichsgebiet finden Archäologen noch heute Amulette und bearbeitete Steinchen aus der Zeit, die die Krankheit abwehren sollten. Dazu passt die zeitgenössische Entstehungslegende: Die Römer glaubten, sie seien von den Göttern gestraft worden, weil der Feldherr Lucius Verus bei der Belagerung von Seleucia ein Grab aufbrechen ließ und so den Fluch des Toten heraufbeschwor.

Enorme Bevölkerungsverluste 

Die Seuche brandete in mehreren Wellen durch das Reich. Sie erfüllte das Leben ganzer Generationen mit Schrecken. Den Höhepunkt erreichte sie erst im Jahr 189, damals starben jeden Tag 2000 Menschen in der Stadt Rom. Vermutlich wegen der Herdenimmunität verschwand die Seuche später, für die Römer war das genauso unerklärlich wie ihr Kommen. Das Imperium wankte. Erstaunlich ist, dass der Verwaltungsapparat es schaffte, das Reich trotz der Bevölkerungsverluste zusammenzuhalten. Um das Funktionieren des Reiches zu sichern, ergriffen die Römer radikale Maßnahmen. Sie versuchten mit pragmatischen Mitteln die Lücken aufzufüllen, die die Seuche gerissen hatte. Die Söhne von Freigelassenen besetzten die verwaisten Magistrate. Sklaven wurden zu Legionären gemacht. Marcus Aurelius lud fremde Stämme ein, sich in den verwaisten Regionen niederzulassen.

Modernität des Reiches verstärkt die Seuche

Die Pest attackierte das Imperium an den Stellen, die zu seinen Stärken gehörten. Straßen, Metropolen und ein "globaler" Handel begründeten den Wohlstand. Doch gerade entlang der Handelsachsen wütete die Krankheit besonders. Die Modernität des Reiches pumpte die Seuche in jeden Winkel. Die Legionen, die die Seuche maßgeblich verbreiteten, litten besonders. 150.000 Soldaten sollen verstorben sein, das war der Großteil der Berufssoldaten. Kaiser Marc Aurel rekrutierte Sklaven und Gladiatoren, die so die Freiheit erhalten konnten.

Das Reich klammerte sich zäh an sein Leben und zerbrach in der Krise nicht. Doch die Seuche schwächte das Imperium enorm. Die Wirtschaftskrise traf das Reich an der empfindlichsten Stelle: bei den Einnahmen. Anders als die Stammesgesellschaften war Rom eine sehr arbeitsteilige Gesellschaft, die auf Geldwirtschaft basierte. Das Reich schützte mit seinen Legionen die wohlhabenden und fruchtbaren Regionen am Mittelmeer, doch es war auf den steten Zustrom an Steuern und Abgaben angewiesen, um die Infrastruktur zu unterhalten und den Schutz der Grenzen zu gewährleisten. Versiegten die Abgaben, erodierte auch die Machtbasis des Kaisers.

Ein angeschlagenes Reich 

So verhinderten die Maßnahmen Marc Aurels den Kollaps, doch das Reich blieb geschwächt zurück. Die neu aufgefüllten Legionen konnten gegen die germanischen Stämme nicht bestehen, die den Rhein überrannten. Rom hatte nicht mehr die Kraft, die neu angesiedelten Barbaren zu integrieren. Eine gefährliche Entwicklung. Allmählich entstanden im Reich weite Gebiete, die nur noch pro forma dem Kaiser unterstellt waren. Dazu schuf sich das Reich einen weiteren Feind im Inneren. Wegen ihrer Weigerung, den Göttern und Kaisern zu opfern, gab man den Christen die Schuld für den Ausbruch der Seuche. Sie wurden schwer verfolgt.

Doch in vielen Gegenden überstanden die Strukturen ihrer Kirche die Seuche besser als die staatliche Verwaltung. Die Christen waren die einzigen, die den Kranken und Genesenden halfen. So stiegen ihr Ansehen und auch ihr Anteil in der Bevölkerung. Während die römischen Strukturen schwer geschwächt wurden, bildete sich mit den Bistümern des Christentums eine Art von Gegenstaat, der den westlichen Reichsteil sogar überlebte.

Vielleicht hätte sich das Imperium nach der Antoninischen Pest regieren können, aber es folgten weitere Pandemien, die das Reich weiter schwächten. Dazu kam ein Zufall. Das für Rom fatalste Opfer der Krankheit war der Feldherr Lucius Verus. Er war Mitkaiser von Marc Aurel, als er starb, endete die segensreiche Tradition der Adoptivkaiser. Marc Aurels Nachfolger wurde sein eigener Sohn Commodus. Die klassische Geschichtsschreibung setzte hier den Scheitelpunkt der Macht Roms, danach ging es bergab. Commodus wurde zum Sinnbild für Grausamkeit, Degeneration und Cäsarenwahn. Einen Abglanz von ihm zeigte Joaquin Phoenix im Hollywood-Film "Gladiator".

Quellen: GibbonsSmithsonianAncient History 

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