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Explosion in Beirut Diese Katastrophen wurden ebenfalls durch Ammoniumnitrat ausgelöst - auch in Deutschland

Sehen Sie im Video - Aus dem Auto heraus gefilmt: Druckwelle der Explosion zerfetzt Autoscheiben. |


Eine heftige Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt fordert am Dienstag zahlreiche Menschenleben.  
Diese Handyaufnahme eines Autofahrers wurde bereits tausendfach auf Twitter geteilt.  
Zunächst sind nur Rauchwolken in einiger Entfernung zu erkennen.  
Die anschließende Druckwelle der Explosion trifft die fahrende Person unerwartet:  
Bereits nach einem kurzen Augenblick zerbrechen die Scheiben des Wagens.  
Nach offiziellen Angaben sind mehr als hundert Menschen durch die Explosion getötet und Tausende verletzt worden. 
Es wird vermutet, dass die Katastrophe durch eine große Menge Ammoniumnitrat ausgelöst wurde, die im Hafen gelagert wurde.  
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Als wahrscheinliche Ursache für die verheerende Explosion in Beirut wird unsachgemäß gelagertes Ammoniumnitrat vermutet. Schon in der Vergangenheit löste der Stoff katastrophale Detonationen aus. So unter anderem in Deutschland.

Die enorme Kraft der Detonation und die sich sichtbar ausbreitende Druckwelle haben wilde Spekulationen über die Ursache der verheerenden Explosion in Beirut ins Kraut schießen lassen. Die Suche nach dem Auslöser der Detonation wird andauern, als sehr wahrscheinlich gilt derzeit aber, dass eine große Menge Ammoniumnitrat im Hafen der libanesischen Hauptstadt explodiert ist. Nach Aussage des Regierungschefs des Libanon, Hassan Diab, war bekannt, dass seit Jahren 2750 Tonnen des unter Umständen hoch explosiven Stoffes offenbar unsachgemäß gelagert wurden. Ob das Ammoniumnitrat absichtlich zur Detonation gebracht wurde oder ob es sich um ein Unglück handelt, lässt sich noch nicht sagen. Derzeit deutet den Behörden zufolgen nichts auf ein Attentat hin.

Ob bei Unglücken oder bei Attentaten – Ammoniumnitrat war in der Vergangenheit schon in beiden Zusammenhängen Auslöser folgenschwerer Explosionen mit vielen Toten und Verletzten. Dies auch in Deutschland. Vor 99 Jahren ereignete sich in einem Werk der BASF in Ludwigshafen eine Detonation, die immer noch zu den größten Chemiekatastrophen in der deutschen Geschichte zählt.

Katastrophen:

Explosion des Oppauer Ammoniakwerks

Explosionkrater im BASF-Werk Oppau nach der Detonation 1921
Blick auf den Explosionkrater im BASF-Werk Oppau nach der Detonation eines Gemischs aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat im September 1921
© Public Domain

21. September 1921: Routinemäßig wurde im Ammoniakwerk der BASF in Ludwigshafen-Oppau ein verfestigtes Dünger-Gemisch aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat vor dem Versand mit Dynamit gelockert. Wahrscheinlich aufgrund eines Fehlers beim Mischungsverhältnis wurde durch die Explosion des Dynamits eine Initialzündung ausgelöst, die letztlich 4500 Tonnen des Gemisches detonieren ließ. 561 Menschen kamen ums Leben, ein großer Teil des Werks und der umliegenden Häuser wurde zerstört – eines der schlimmsten Explosionsunglücke der deutschen Geschichte.

Das Texas City Disaster

15. April 1947: Ein Feuer an Bord des französischen Frachter "Grandchamp" löste das sogenannte Texas City Disaster aus. Sowohl die "Grandchamp" als auch der US-Frachter "Highflyer" waren mit Ammoniumnitrat beladen. Nachdem sich die Chemikalie immer weiter erhitzt hatte, kam es schließlich zu einer katastrophalen Explosion. Beide Frachter wurden zerstört, 486 Menschen starben, 3000 wurden verletzt, 100 Personen blieben vermisst. Hunderte wurden obdachlos. Der Schaden wird seinrzeit auf 65 Millionen Dollar beziffert.

Frachter-Detonation von Brest

28. Juli 1947: Im Hafen der bretonischen Stadt Brest explodiert der mit Ammoniumnitrat beladene norwegische Frachter "Ocean Liberty". 21 Menschen kommen dabei ums Leben. Der Sachschaden wird mit zwei Millionen Pfund angegeben.

Die Explosion von Toulouse

21. September 2001: Auf den Tag genau 80 Jahre nach der verheerenden Explosion im BASF-Werk Oppau ereignete sich im französischen Toulouse ebenfalls eine durch Ammoniumnitrat ausgelöste Explosionskatastrophe, bei der große Teile der Stadt beschädigt wurden. Auf einer Deponie für chemische Abfälle der zur TotalFinaElf gehörenden Düngemittelfabrik AZF detonierten etwa 40 von mehreren hundert Tonnen des gefährlichen Stoffs. 31 Menschen wurden getötet, mehrere tausend wurden verletzt. Die Ursache des Unglücks ist unklar. 

Die Katastrophe von Ryongchŏn

Zerstörungen nach der Zug-Explosion in Ryongchŏn
Zerstörungen nach der Zug-Explosion in Ryongchŏn, 22. April 2004
© Picture Alliance

22. April 2004: Im Bahnhof der nordkoreanischen Stadt Ryongchŏn explodiert um die Mittagszeit ein mit Ammoniumnitrat beladener Waggon eines Zuges. Die Detonation reißt mindestens 161 Menschen in den Tod. Mindestens 1300 Menschen wurden verletzt und etwa 40 Prozent der Innenstadt zerstört. Rund 8000 Gebäude sollen betroffen gewesen sein. Als Ursache des Unglücks gilt das Rangieren von mit Dynamit beladenen Waggons, die mit dem Funkenschlag aufgrund einer defekten Oberleitung in Kontakt gekommen seien, wodurch die Katastrophe ausgelöst worden sein soll.

Explosion im Hafen von Beirut

4. August 2020: Am späten Nachmittag detoniert im Beiruter Hafen ein Lagerhaus. Durch die gewaltige Explosion werden rund 50 Prozent der libanesischen Hauptstadt zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. Mindestens 100 Menschen kommen ums Leben, rund 4000 Verletzte werden gezählt. In dem Lagerhaus befanden sich nach Regierungsangaben 2750 Tonnen Ammoniumnitrat. Ob die Chemikalie absichtlich zur Explosion gebracht wurde oder ob es sich um ein Unglück handelt, ist zur Stunde unklar.

Attentate:

Bombenanschlag von Oklahoma City

Zerstörtes Regierungsgebäude in Oklahoma City
Das durch ein Attentat zerstörte Regierungsgebäude in Oklahoma City, 19. April 1995
© AP Photo / David Glass / Picture Alliance

19. April 1995: Beim Anschlag auf das Murrah Federal Building im Oklahoma City wird durch die Explosion einer Autobombe ein achtstöckiges Bürogebäude zerstört. Die Detonation lässt die gesamte Fassade des Hauses einstürzen. 168 Menschen werden getötet, darunter 19 Kinder, mehr als 800 verletzt. Der als Attentäter identifizierte Timothy McVeigh verwendete für seinen Sprengsatz eine Mischung aus Ammoniumnitrat und Nitromethan als Brennstoff. Das Motiv des Veterans des Zweiten Golfkriegs blieb unklar; die Wahl eines Regierungsgebäudes deutet auf einen regierungsfeindlichen Akt hin. Am Ort des Anschlags steht heute eine Gedenkstätte.

Autobombe von Anders Behring Breivik

22. Juli 2011: Bevor er am späten Nachmittag auf der der norwegischen Hauptstadt Oslo vorgelagerten Insel Utøya 69 Menschen erschoss, die sich dort aufgrund eines Feriencamps der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei aufhielten, ließ der Rechtsextremist Andres Behring Breivik vor dem Bürogebäude des Ministerpräsidenten im Zentrum der Stadt eine in einem Kleintransporter untergebrachte Autobombe explodieren. Dabei wurden acht Menschen getötet und zehn weitere verletzt. Mehrere Gebäude wurden beschädigt. Bei der Bombe handelte es sich um einen 950 Kilo-ANFO-Sprengsatz mit den Hauptbestandteilen Ammoniumnitrat und Dieselöl.

Quellen: Texas City Library; Oklahoma City Memorial Museum; Deutschlandfunk

dho

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