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Henri Lafont Ein Gangster herrschte im Namen der Nazis als König von Paris

Unter den Deutschen stieg Henri Lafont zum Herrscher von Paris auf.
Unter den Deutschen stieg Henri Lafont zum Herrscher von Paris auf.
© Wiki / Commons
Die Deutschen herrschten mit nur wenigen Männern über Frankreich. Die Drecksarbeit übernahmen Männer wie Henri Lafont. Ein amoralischer Berufskrimineller, der den Nazis nur diente, um plündern und prassen zu können.

1940 überrollte der Blitzkrieg der Wehrmacht ganz Frankreich, es begann die Zeit der Okkupation. Für viele Franzosen war das eine nationale Schande und Demütigung, für andere begann eine Zeit der Verfolgung. Aber für wenige brach ein Goldenes Zeitalter an, für Henri Lafont etwa. Er stieg im Dienst der neuen Herren auf: vom Milieu der Gangster und verkrachten Existenzen, dem er angehört, bis zum König von Paris.

Henri Louis Chamberlin, so sein richtiger Name, verwaiste mit 13 und lebte dann unter Straßenbanden. Mit 17 kam er ins Gefängnis, er kaufte sich frei und meldete sich zu den Kolonialtruppen. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg verbrachte er zwischen Gangster-Milieu und Gefängnis. Gelegentliche Ausflüge ins bürgerliche Leben – zeitweise leitete er ein Autohaus – scheiterten an seiner kriminellen Natur. 1940 drohte ihm wegen Betrugs die Abschiebung in die Strafkolonie Französisch-Guayana.

An die Spitze der Stadt

Doch dann marschierten die Deutschen in Paris ein und sein Aufstieg begann. Christopher Othen beschreibt in seiner Biografie die Zusammenarbeit der Nazis mit dem Abschaum von der französischen Hauptstadt. Hauptmann Wilhelm Radeke, Offizier der Abwehr, warb Lafont an, und der sagte freudig zu. Frankreich, die Grande Nation, bedeutet ihm nichts. "Sie schütteln mir die Hand", schrieb er, "füttern mich, behandeln mich mit Respekt, nicht wie die Franzosen, die mich nach Guayana abschieben wollen. Ich müsste der König der Idioten sein, um abzulehnen, und ich bin nicht der König der Idioten".

Lafont war in dem Milieu von Bars, Prostituierten und Berufskriminellen bestens vernetzt. Aus diesen Kreisen und direkt aus dem Gefängnis holte er sich die Mitglieder seiner Bande. Einer bescheinigte ihm, Laster und Bosheit auszustrahlen, sodass man ihm nur schwer widerstehen konnte. In der Gruppe fanden sich ehemalige Polizisten, ein ehemaliger Kapitän der französischen Fußballmannschaft und Männer mit Namen wie Pierrot le Fou (der Verrückte) oder die lesbische Kugelstoßerin Violette Morris. Den deutschen Offizieren der Abwehr war das Milieu fremd und die Personen zuwider. Kein Wunder, denn auch in deutschen Diensten hörten sie nicht mit kriminellen Aktionen auf eigene Rechnung auf.

Die Schläger der Besatzer

Doch je mehr sich in Frankreich der Widerstand gegen die Besatzung formierte, umso mehr waren die Deutschen auf Schläger und Mörder angewiesen. Sie beherrschten das besetzte Frankreich mit einem Minimum an eigenen Leuten. Nächtliche Überfälle und den Terror auf den Straßen überließen sie möglichst Männern wie Lafont.

Auch bei der Verfolgung der Juden machten die Männer von Lafont mit. Dabei waren sie nicht katholisch-antisemitisch, wie viele Figuren der Vichy-Regierung. Sie nutzen die Rechtlosigkeit der Juden aus, um ihre Wohnungen zu plündern oder ihnen zu versprechen, sie gegen ein Schutzgeld zu verschonen. Viele arbeiteten mit ihnen zusammen, denn die Bande schützte ihre Informanten. Ausgestattet mit Sonderausweisen konnte die Gruppe nicht einmal mehr vom deutschen Militär kontrolliert werden.

Die Bande lebte fürstlich von Erpressung, Schutzgeldern und Kunstraub. In ihrem Hauptquartier in der exklusiven Rue Lauriston feierten sie ein ewiges Fest mit Champagner und Prostituierten. Sie trugen die feinste Kleidung und aßen in den besten Restaurants. Während sie oben im Haus mit jungen Schauspielerinnen tanzten, wurden im Keller Gefangene gefoltert. Vor allem, um Informationen zu erhalten. Aber Violette Morris soll einfach nur aus Sadismus heraus ihre Opfer gequält haben.

Ende vor dem Erschießungskommando

Der Film "Lacombe, Lucien" von Louis Malle thematisierte 1974 diese französische Hilfs-Gestapo erstmals. Der Streifen war damals ein Skandal, er thematisierte nicht nur die französische Kollaboration. Er war auch verstörend aufgebaut. Denn die Hauptfigur, der Bauernsohn Lucien, ist kein böser Mensch, er gerät ganz naiv in die schlimmsten Verbrechen hinein.

1944 nahm der Krieg seinen Lauf und die unbesiegbar scheinende Wehrmacht geriet in die Defensive. Nun sollten Lafonts Männer eine Art Untergrundkrieg gegen die Resistance führen. Doch gegen echte Gegner zu kämpfen, bei denen nichts zu rauben war, kam für die Gruppe nicht infrage. Ein Mitglied erklärte: "Solange wir reich werden, bin ich an Bord. Aber ich sammle meine Schätze ein und gehe nach Hause, wenn wir Jagd auf Juden, Kommunisten und Gaullisten machen sollen."

Die Befreiung brachte Lafont in Gefängnis und Weihnachten 1944 vor ein Erschießungskommando. Er bereute nichts, seinem Anwalt erklärte er: "Ich habe zehn Leben gelebt. Es macht mir nichts aus, dieses zu verlieren."

Quelle: The King of Nazi Paris Henri Lafont and the Gangsters of the French Gestapo

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