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Gentechnik im Essen: Die Angst vor Genreis auf dem Teller

Seit in deutschen Supermärkten gentechnisch veränderter Reis gefunden wurde, sind die Verbraucher verunsichert. stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu Gentechnik im Essen.

Von Nicole Heißmann

Was sind genveränderte Pflanzen?

Ein Züchter verändert das Erbgut seiner Pflanzen durch Kreuzung, Inzucht und Auswahl innerhalb einer Art, etwa Soja oder Mais. Bei der Gentechnik werden ins Pflanzengenom Erbgut-Stücke von Arten eingebaut, die sich nicht mit der entsprechenden Pflanze kreuzen könnten. Genveränderte Sorten tragen häufig Schnipsel aus dem Erbgut von Bakterien.

Diese Sequenzen sollen etwa gegen Unkrautmittel immun machen: Sprüht ein Bauer Herbizide auf sein Feld, sterben unerwünschte Kräuter ab, genveränderter Mais, Raps oder Soja nicht. Ebenfalls weit verbreitet sind Sorten, die mit Hilfe von Genen aus dem Bakterium Bacillus thuringiensis selbst Gifte gegen Insekten produzieren ("Bt-Pflanzen").

Was für eine Sorte ist der "Genreis" LL 601?

Dieser Reis wurde vor einigen Jahren von Aventis CropScience (heute Bayer CropScience) zusammen mit der Louisiana State University entwickelt - aber nie auf den Markt gebracht. Er ist gentechnisch so bearbeitet, dass er ein Protein namens PAT herstellt. Das macht ihn resistent gegen das ebenfalls von Bayer CropScience verkaufte Herbizid Liberty. Weil der Reis zusammen mit Liberty hätte verkauft werden sollen, trägt er das Kürzel LL für "Liberty Link".

Wie gelangte LL 601 in deutsche Lebensmittel?

Wahrscheinlich wurden die Körner bei Freisetzungsversuchen versehentlich mit anderem Saatgut vermischt, ausgesät und die Ernte vermarktet. Inzwischen ist der Reis in Europa, wo er nicht zugelassen und damit illegal ist. Nachgewiesen wurde LL 601 in Reisprodukten aus Deutschland, Frankreich und Schweden.

Wo wurde der Reis gefunden?

Deutsche Prüfer fanden den Reis bei Edeka Südwest und Kaufland: Daraufhin nahmen die Ketten die Produkte "fit for fun Vollkornreis Marathon", "fun Trix Reis-Mix Triathlon" und "Natur-Reis Parboiled" aus ihren Regalen. Den von Greenpeace beanstandeten Reis "Bon Ri" nahm Aldi Nord ebenfalls aus dem Sortiment.

Was haben die Behörden unternommen?

Die EU-Kommission hat verfügt, dass jede Sendung von US-amerikanischem Langkornreis untersucht werden muss: Ab sofort darf man solchen Reis nur noch in die EU einführen, wenn ein zugelassenes Labor bestätigt, dass die Ware gentechnikfrei ist.

Ist LL 601 gesundheitsgefährdend?

Hundertprozentig lässt sich diese Frage zurzeit nicht beantworten: Der Reis LL 601 wurde nie für den Markt zugelassen, seine Sicherheit weder in den USA noch in Europa umfassend geprüft. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hält ihn für unbedenklich und beruft sich dabei auf andere Pflanzen mit dem PAT-Protein (siehe "Was für eine Sorte ist der "Genreis" LL 601?"), die zugelassen wurden.

Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA betont dagegen, dass für eine Risikobewertung nicht genug Daten vorliegen. Die EU-Experten ringen sich nur zu dem Schluss durch, dass es wahrscheinlich ungefährlich ist, mit LL 601 verunreinigten Reis zu essen.

Sind andere genveränderte Lebensmittel bedenklich für die Gesundheit?

Kritiker befürchten Allergien durch neue Substanzen in gentechnisch veränderten Lebensmitteln. Theoretisch können neue Eiweiße neue Allergien auslösen. Das gilt für neu gezüchtete wie für genveränderte Pflanzen. In der EU wird jede genveränderte Sorte vor der Zulassung auf ihr Allergiepotenzial geprüft.

Nach Angabe des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit sind in der EU bisher keine Pflanzen mit hohem Allergierisiko zugelassen. Ausschließen lässt sich aber nicht, dass empfindliche Menschen allergisch auf genveränderte Pflanzen reagieren.

Werden genveränderte Pflanzen weniger gespritzt?

Am ehesten lassen sich wahrscheinlich mit insektenresistenten Bt-Pflanzen (siehe "Was sind genveränderte Pflanzen?") Pestizide einsparen. Doch nicht jede genveränderte Pflanze behauptet sich in jeder Umgebung gleich erfolgreich: In den USA wird insektenresistente Baumwolle seit zehn Jahren angebaut und die Landwirte spritzen weniger Gift gegen den Roten Kapselbohrer. Auch in China kamen die Bauern auf ihren Bt-Baumwollplantagen zunächst mit weniger Pestizid aus. Dann aber verdrängten widerspenstigere Weichwanzen den Hauptschädling. Inzwischen sprühen die Farmer dort wieder ähnlich viel wie früher.

Wo werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut?

Im Jahr 2005 wuchsen weltweit auf 90 Millionen Hektar genveränderte Pflanzen, vor allem Soja, Mais, Baumwolle und Raps. Mehr als die Hälfte der Flächen liegt in den USA. In Europa sind Spanien und Rumänien die Länder mit den größten Feldern. In Deutschland wird 2006 auf 950 Hektar Mais kommerziell angebaut. Auf weiteren acht Hektar finden Freisetzungsversuche mit Mais, Kartoffeln, Raps, Gerste und Erbsen zu Forschungszwecken statt.

Welche genveränderten Lebens- und Futtermittel sind auf dem Markt?

In der EU dürfen genveränderter Mais, Sojabohnen, Raps und Baumwolle eingeführt und gehandelt werden. Anträge für Reis, Kartoffeln und Rüben sind im Zulassungsverfahren. Europa importiert große Mengen Sojabohnen für Tierfutter: Europäische Schweine oder Hühner fressen konventionelle und Gensoja. Der in Europa angebaute Bt-Mais wird ebenfalls überwiegend verfüttert.

In Süßwaren und Gebäck sind Sojarohstoffe wie Lecithin oder Sojaöl weit verbreitet. Hier können genveränderte Bestandteile enthalten sein, allerdings oft in so geringen Mengen, das keine Kennzeichnung vorgeschrieben ist. Genveränderte Soja oder Mais wurden von der Stiftung Warentest unter anderem in Mais-Chips, Diätnahrung, Tofu und Fleischersatz nachgewiesen.

Warum sind so wenige Produkte gekennzeichnet?

In der EU müssen gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel seit April 2004 gekennzeichnet werden. In den Läden finden sich aber kaum Produkte mit Gentechnik-Hinweis. Der Markt ist deshalb nicht gentechnikfrei: Viele Produzenten kaufen Soja mit einem Gentech-Anteil von weniger als 0,9 Prozent, etwa in Brasilien. Dann muss nicht gekennzeichnet werden. Fleisch, Milch und Eier von Tieren, die Gensoja oder -mais gefressen haben, müssen ohnehin nicht gekennzeichnet werden, ebenso wenig Zusatzstoffe, Vitamine oder Aromen, die von gentechnisch veränderten Mikroben stammen.

Aber anscheinend haben viele Hersteller auch "gentechnikgefährdete" Rohstoffe wie Soja oder Mais durch Alternativen ersetzt: Raps- statt Sojaöl, Weizen- statt Maismehl. Verboten ist die Anwendung von Gentechnik bei Bio-Produkten. Hier kann es nur versehentlich zur Kontamination mit Gentech-Bestandteilen kommen. Bleibt es bei Spuren, ist keine Kennzeichnung fällig.

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