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Archäologie So sahen der "sibirische Tutanchamun" und seine Geliebte aus

In ihrer Blütezeit waren die Skythen ein mächtiges Kriegervolk
In ihrer Blütezeit waren die Skythen ein mächtiges Kriegervolk
© Elizaveta Veselovskaya, Ravil Galeev / Commons
Die Skythen waren ein Reitervolk, das über die eurasischen Steppen herrschte. Im Grab eines Königspaares haben unermessliche Schätze überdauert. Wissenschaftler bauten nun die Gesichter des Königs und seiner Geliebten nach.

2600 Jahre ruhten der König und seine Königin ungestört in ihrem Grab in Sibirien – bis es im Jahr 1997 geöffnet wurde. Die Skythen sind für kostbare Goldarbeiten bekannt, doch die Funde in dem Königsgrab stellten alles in den Schatten. Wegen der Pracht wird der König auch der "sibirische Tutanchamun" genannt.

Nun haben Wissenschaftler des Moskauer Miklukho-Maklai-Instituts für Ethnologie und Anthropologie und des Nowosibirsker Instituts für Archäologie und Ethnografie gemeinsam zum ersten Mal die Gesichter des Paares rekonstruiert. Zwei Teams von Anthropologen haben 3-D-Modelle der Schädel erstellt und mit Hilfe von Laserscanning die Gesichter des Paares nachgebildet, das über weite Steppen- und Berglandschaften in Sibirien herrschte.

Kopf schwer beschädigt

Der Kopf des Königs war eine besondere Herausforderung, da nur die Hälfte erhalten war. "Die Restaurierung des Gehirnbereichs war nicht besonders schwierig, da die verbleibende Hälfte es ermöglichte, den zerstörten Teil zu spiegeln", schreiben die Moskauer Anthropologen Elizaveta Veselovskaya und Ravil Galeev.

In dem Artikel für das russische "Journal of Archaeology, Anthropology and Ethnography" schrieben sie: "Große Schwierigkeiten waren mit der Wiederherstellung des Gesichts verbunden. Leider war weniger als die Hälfte des Gesichtes erhalten, und für die Rekonstruktion sind wichtige Elemente des Schädels verloren gegangen."

"Daher nahm die Restaurierung dieses Schädels viel Zeit in Anspruch: Jedes fehlende Element wurde anhand der vorhandenen Umgebungsstrukturen wiederhergestellt. Von großer Bedeutung bei der Restaurierung war der erhaltene Unterkiefer, dank dem der zerstörte Bereich des Oberkiefers wiederhergestellt werden konnte. Die Restaurierung wurde mit hartem plastischem Ton und hartem Polyurethanschaum durchgeführt."

Unermessliche Reichtümer

Der "König" und die "Königin" wurden in der Mitte einer hölzernen Kammer gefunden, die vor Räubern unter dem 80 Meter großen Grabhügel in der abgelegenen Republik Tuva versteckt war. Die Kammer selbst war in der Form eines zweischaligen Blockhauses gebaut. Auf den Teppichen am Boden ruhte das Paar. Die Köpfe waren abgetrennt und lagen auf einem Kissen. Über den "König" schreiben die Anthropologen: "Vor uns steht ein kampferprobter skythischer Krieger, der in seiner Erscheinung eine einzigartige Kombination von kaukasischen und mongoloiden Merkmalen trägt".

Vermutlich handelt es sich bei der Frau um die Lieblingskonkubine des Königs. Sie starb wahrscheinlich keines natürlichen Todes. Weitere 33 Menschen, darunter fünf Kinder, mussten den König ins Jenseits begleiten. Skythen neigten dazu, ihre Toten als Paar oder als Gruppe zu bestatten. Doch Wissenschaftler vermuten, dass die meisten Paare erst im Tod zusammenfanden, für normale Begräbnisse also keine Menschen geopfert wurden. Vierzehn Hengste in voller Montur aus Gold, Bronze und Eisen wurden ebenfalls in der Kammer des Königs gefunden.

Der Herrscher muss unermesslich reich gewesen sein. Er wurde mit einer schweren Halskette und mit einem Prunkgewand beigesetzt, das von goldenen Panthern geziert wurde. Insgesamt wurden an dem Paar etwa 9300 Schmuckstücke aus Gold gefunden, dabei sind die goldenen Perlen nicht mitgezählt. Über 20 Kilogramm Gold schmückten die Körper des Königspaares.

Das Volk der Amazonen

Der Fund wurde von Dr. Mikhail Piotrovsky, dem Direktor des Eremitage-Museums, 2020 in der "New York Times" als "eine Enzyklopädie der skythischen Tierkunst" beschrieben, da alle Tiere, die in der Region lebten, wie Panther, Löwen, Kamele und Hirsche, enthalten sind. Es enthält "viele großartige Kunstwerke - Tierfiguren, Halsketten, Anstecknadeln mit Tieren, die in eine goldene Oberfläche geschnitzt sind."

Die nomadischen skythischen Stämme durchstreiften im siebten bis dritten Jahrhundert v. Chr. die eurasische Steppe von den nördlichen Grenzen Chinas bis zur Schwarzmeerregion. Im fünften und vierten Jahrhundert v. Chr. trafen sie auf die antiken Griechen, die die Schwarzmeerregion kolonisiert hatten. In früher am Schwarzen Meer entdeckten skythischem Gold sind die griechischen Einflüsse offensichtlich, aber dieser Fund stammt aus der Zeit vor dem Kontakt mit den Griechen und aus dem Herzen Sibiriens, er zeigt den reinen Altai-Stil.

Die Skythen waren ein kriegerisches Volk. Die griechischen Überlieferungen über die Amazonen-Kriegerinnen gehen auf sie zurück. Neuere Forschung zeigt, dass auch Kulturen wie die Wikinger Frauenkrieger kannten. Doch sie waren eher die Ausnahme. Anders bei den Skythen. Ein Grund war, dass ihre Kriegsführung vom Pferd aus nicht auf überragender Körperkraft basierte, sondern die Koordination der Bewegung des Tieres mit dem Bogen entscheidend war.

Quelle: Journal of Archaeology, Anthropology and Ethnography

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