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Robustes Insekt: Stoppt die "Superbiene" das Bienensterben?

Im Kampf gegen das Bienensterben wollen Forscher eine robuste "Superbiene" züchten und ernten damit viel Kritik. Genmanipulierte Bienen könnten sich ungewöhnlich verhalten - und aggressiv werden.

Imker machen sich Sorgen um die Bestände der Bienenvölker: Löst die "Superbiene" das Problem?

Imker machen sich Sorgen um die Bestände der Bienenvölker: Löst die "Superbiene" das Problem?

Bruder Adam hatte sich einen schlechten Zeitpunkt ausgesucht, um Imker zu werden. Fast jeder Bienenstock auf der Isle of Wight war vernichtet worden. Eine geheimnisvolle Krankheit wütete. Der junge Mönch suchte nach einem Weg, die Katastrophe zu stoppen: Er züchtete eine krankheitsresistente Bienenart. Es war der erste Schritt zur Superbiene, jenem perfekt designten Insekt, in dem manche die Lösung für eines der größten landwirtschaftlichen Probleme unserer Zeit sehen: das Bienensterben.

Weltweites Massensterben

Weltweit gehen die Bienenvölker ein. Umweltverschmutzung und eine industrialisierte Landwirtschaft sind die Hauptursachen dafür. Dieses Massensterben bedroht nicht nur unsere Honigproduktion, sondern auch unsere Versorgung mit Lebensmitteln. Denn die Insekten bestäuben einen Großteil unserer Nutzpflanzen und Obstbäume.

Was können wir tun? Wissenschaftler verfolgen zwei Ansätze. Wir könnten besser mit der Natur umgehen, um die Belastung für die Insekten zu senken, sagen die einen. Die anderen sagen: Lasst uns fortführen, was Bruder Adam begann. Sie wollen eine Rasse züchten, die den Bedrohungen standhält, eine neue Superbiene. Sie nutzen dabei modernste Biotechnologie, genetische Veränderungen inklusive.

Bruder Adam musste damals zusehen, wie 29 von 45 Schwärmen der Abtei eingingen. Wissenschaftler machten später ein Virus als Verursacher der Krankheit aus. Es überlebten fast nur Hybride - Nachkommen heimischer Drohnen, die sich mit importierten Königinnen gepaart hatten. Diese Mischlingsrasse war widerstandsfähiger. So kam Bruder Adam die Idee, eine robustere Biene zu schaffen. Kilometer entfernt von anderen Bienen unternahm er zahllose Zuchtversuche. Schließlich brachte er eine neue Rasse hervor - die erste Superbiene. Sie war hellbraun, robust, stach ungern, produzierte eifrig Honig und war gegen die sogenannte ­Isle-of-Wight-Krankheit resistent.

Die Varroa-Milbe setzt den Bienenvölkern zu

Doch lange konnte sich Bruder Adam nicht über seinen Erfolg freuen. Eine asiatische Milbe - Varroa destructor - gelangte nach Europa und Amerika. Der Parasit saugt an Bienen und ihrer Brut und schwächt die Insekten, bis sie sterben. Bruder Adam war bereit, auch den Kampf gegen die Milbe aufzunehmen. Doch dann entzog ihm sein Abt den Posten.

Inzwischen ging es den Bienen weltweit immer schlechter. 2007 gab es überall in Europa, in Nord- und Südamerika Berichte über den "Völkerkollaps". Von "einer Bedrohung der globalen Landwirtschaft" und einer "Katastrophe für die Welt" war die Rede. Es war keine Übertreibung. Honigbienen sind der Garant für ein Drittel der weltweiten Versorgung mit Obst und Gemüse. Die Bienenforscher sind sich einig, dass eine Kombination mehrerer Faktoren den Tieren zusetzt: Schädlinge, Krankheitserreger, der Verlust von Lebensraum und giftige Chemikalien. Neben Pilzen und Viren ist vor allem ein Wesen die größte Bedrohung: die Varroa-Milbe.

Eigentlich werden diese Schlachten in der Landwirtschaft chemisch ausgetragen. Doch Imker setzen sie ungern ein. Es könnten Rückstände in Honig und Wachs bleiben - und vor allem wissen sie, dass die Varroa-Milben gegen oft eingesetzte Milbenbekämpfungsmittel resistent werden. Es bedarf einer anderen Lösung.

Neue Züchtungen könnten aggressiver sein

Die Bienenforscherin Marla Spivak von der Universität Minnesota verfolgt darum die 100 Jahre alte Idee von Bruder Adam: eine Biene züchten, die sich selbst schützen kann, die Milben und Krankheiten ohne Hilfe des Menschen widersteht. Spivaks Ziel: eine Putzbiene.

Putzbienen können einen gewissen Schutz gegen diese Bedrohung bieten. Anders als normale Honigbienen riechen sie die Milben. Spivak und andere Forscher haben bereits in den Neunzigerjahren Putzbienen gezüchtet. Doch es zeigte sich, dass diese nicht mit der Hausarbeit hinterherkamen, weil der Milbenbefall im Stock zu groß war. Man müsste also die Säuberungsleistung der Bienen steigern. Aber dafür müsste man die genetische Grundlage für das Putzverhalten noch besser verstehen. Manche Imker befürchten allerdings, dass dabei Wesen herauskämen, die vor lauter Putzen das Nektarsammeln vernachlässigen. Außerdem bestehe das Risiko, dass die Manipulation auch unerwünschte Verhaltensweisen hervorbringen könnte. Möglicherweise würden Putzbienen aggressiver sein als normale Honigbienen.

Eingreifen - oder abwarten und nichts tun?

Der britische Imker Phil Chandler verdreht die Augen, wenn er davon hört. "Wir können die Schwierigkeiten nicht mit demselben Denken aus dem Weg räumen, das sie verursacht hat", sagt Chandler. Es sei eine "hartnäckige Illusion", dass Menschen die Natur kontrollieren könnten. Die schlimmsten Feinde der Honigbienen seien nicht Milben und Viren; die wahre Bedrohung sei die industrielle Landwirtschaft.

Bei einer Imkertagung stimmten viele Kollegen Chandlers Diagnose zu. Es irritierte sie aber, als er sagte, das beste Mittel gegen die Varroa-Milbe sei: nichts zu tun. Man solle einfach dafür sorgen, dass die Bienen gesund und wohlgenährt sind und ansonsten auf die Evolution vertrauen. Die Evolution und die natürliche Auslese würden bald eine resistente Biene hervorbringen.

Mehr zum Thema lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von National Geographic.

Charles Mann