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Medizinisches Wissen Jungfernhäutchen: Ein Mythos – und einige Fakten, die damit aufräumen

Ein Jungfernhäutchen lässt sich mit einem Scrunchie, einem Haargummi, vergleichen
Ein Jungfernhäutchen lässt sich mit einem Scrunchie, einem Haargummi, vergleichen
© Panthermedia / Imago Images
Um das Jungfernhäutchen ranken sich viele Mythen. Einer davon ist: Es hält die Vagina verschlossen wie eine Frischhaltefolie und muss beim ersten Mal durchstoßen werden. "Völliger Schwachsinn", sagt Gynäkologin Sheila de Liz. Und räumt mit weiteren Fehlinformationen auf.

Das Jungfernhäutchen, ein straffes Häutchen, das beim ersten Sex durchstoßen wird? "Völliger Schwachsinn", sagt Gynäkologin Sheila de Liz. Ihr Video zum Thema "Das 'Jungfernhäutchen' gibt es nicht" hat bei Tiktok mehr als eine Million Aufrufe. Sie räumt mit einem Mythos auf, der sich hartnäckig ­hält – über Generationen hinweg. "Es gibt ganz, ganz viel Missinformation dazu", sagt de Liz. 

Statt Jungfernhäutchen sagt sie lieber medizinisch korrekt Hymen. "Das Hymen besteht aus Hautfetzen am vaginalen Eingang." Es verschließe die Vagina nicht, sonst wäre es auch nicht möglich, einen Tampon oder eine Menstruationstasse einzuführen, erklärt de Liz. Dann könnte auch nicht Monat für Monat während der Periode Blut durchkommen.

Sie vergleicht das Jungfernhäutchen mit einem Scrunchie, einem größeren, weichen Haargummi, der sich zusammenziehen und wieder auseinander gehen kann – ein Vergleich den auch Sexualpädagogen gerne heranziehen, da er anschaulich und unkompliziert beschreibt, was da passiert. 

Das Hymen sei eine sehr flexible Haut, die sich einfach an den Rand schiebe, wenn etwas in die Vagina reinkommt, sagt de Liz. Und diese Haut kann viele verschiedene Formen haben: Das Hymen könne aussehen wie eine Blume, wie ein Halbmond, der am unteren Scheideneingang sitzt, oder wie ein Seestern. Individuell und vielfältig wie die Frauen, zu denen es gehört.

Beim ersten Mal reißt das Jungfernhäutchen – ein Mythos

Mit dem Mythos des Jungfernhäutchens als Frischhaltefolie geht die Vorstellung einher, beim ersten Mal müsse eine Frau bluten. Das Hymen könne beim Sex einreißen, sagt de Liz, müsse das aber nicht. Viele Frauen würden beim ersten Mal überhaupt nicht bluten.

"Es gibt nichts, was man durchstoßen muss." Wenn der Mann beim Eindringen einen Widerstand spüre, habe das nichts mit dem Jungfernhäutchen zu tun, sondern damit, dass die Frau verkrampft sei, dass sie Angst habe oder nicht feucht sei. Wenn es nach dem Sex blute, dann, weil die Vagina eingerissen sei.

Sheila de Liz wurde 1969 in New Jersey geboren und kam mit 15 Jahren nach Deutschland. Sie studierte in Mainz Medizin und arbeitet seit 2006 in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wiesbaden.
Sheila de Liz wurde 1969 in New Jersey geboren und kam mit 15 Jahren nach Deutschland. Sie studierte in Mainz Medizin und arbeitet seit 2006 in ihrer eigenen Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe in Wiesbaden.
© Gaby Gerster

Der Ratschlag der Frauenärztin, damit das nicht passiert: sich streicheln, sich Lust aufeinander machen und reden, reden, reden. "Weil Kommunikation ist das beste Gleitmittel." 

Sieht der Frauenarzt am Jungfernhäutchen, ob jemand Sex hatte?

Sie könne als Gynäkologin nicht sehen, ob ein Mädchen oder eine Frau schon Sex hatte. Selbst wenn das Hymen eingerissen sei beim ersten Mal, wisse sie ja nicht, wie es vorher ausgesehen habe. Außerdem heile es, wie jedes andere Stückchen Haut an unserem Körper auch, zu.

De Liz erwähnt in einem ihrer Aufklärungsvideos von DAK-Gesundheit auch den ganz seltenen Fall, in dem ein Mädchen mit verschlossener Vagina zur Welt kommt. Das mache sich meist in der Pubertät bemerkbar, wenn während der Periode schlimme Schmerzen auftreten, weil sich das Blut in der Gebärmutter staut. Dann müsse ein Arzt das Jungfernhäutchen unter Narkose aufmachen.

Mythen um das Hymen: Was hat es mit dem Jungfernhäutchen auf sich? 

Dass sich die Mythen um das Jungfernhäutchen seit Jahrhunderten halten, hat mit dem hohen Stellenwert der Jungfräulichkeit in verschiedenen Gesellschaften und Religionen zu tun. Im Christentum beispielsweise spielt die Jungfräulichkeit von Jesu Mutter Maria eine bedeutende Rolle. Gottes Sohn soll von einer Jungfrau geboren worden sein.

 

Bis heute gibt es religiöse und kulturelle Strömungen, die hohen Wert darauf legen, dass eine Frau bei der Heirat Jungfrau ist. Jungfräulichkeitstests können die entwürdigende Folge sein. Laut Weltgesundheitsorganisation und der Vereinten Nationen gelten sie längst als Menschenrechtsverletzung. Eine dieser unwissenschaftlichen und misogynen Praktiken zur angeblichen Überprüfung von Jungfräulichkeit von Frauen hat Pakistan erst Anfang 2021 abgeschafft (der stern berichtete).

Das war zwölf Jahre, nachdem Schweden selbst das Wort Jungfernhäutchen abgeschafft hatte. Das schwedische Wort mödomshinna sollte damit aus dem alltäglichen Sprachgebrauch verschwinden. Der schwedische Sprachrat ersetzte 2009 den ideologisch aufgeladenen Begriff durch "vaginale Korona". 

Bleibt noch die Frage zu klären, welchen Zweck die vaginale Korona aus medizinischer Sicht erfüllt. "Es ist ganz einfach", sagt Gynäkologin de Liz. "Das Hymen ist nichts anderes, als ein Überbleibsel der Entwicklung der Geschlechtsorgane." Es sei wie ein Nebenprodukt. Und es habe "nichts, nichts, nichts" zu bedeuten.

Quellen: Youtube, Tiktok, Tagesanzeiger, taz, BBC, Terre de Femmes

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