Raumfahrt Einweg-Raumschiff für 1,3 Milliarden Euro


Am Sonntag startet Europa sein bisher größtes Raumschiff. Der Transporter Jules Verne bringt Nachschub zur ISS und wird die Raumstation auf eine höhere Umlaufbahn heben. Im September soll das Gefährt mit Müll beladen werden, bevor es sich selbst in die Erdatmosphäre schießt und verglüht.

Das über 20 Tonnen schwere Automated Transfer Vehicle (ATV) ist das "größte und komplexeste Raumfahrzeug, das jemals in Europa entwickelt wurde", sagt Jean-Michel Bois, der für die Europäische Raumfahrtagentur Esa im Kontrollzentrum in Toulouse für den Flug verantwortlich ist. Europa werde mit dem Schiff zudem erstmals ein Andockmanöver im All vollführen. Das bisher größte Projekt der Europäer war das jüngst per Space-Shuttle zur ISS gebrachte Raumlabor Columbus.

Die unter Führung der EADS-Tochter Astrium entwickelte Jules Verne soll am Sonntag um 04.59 mitteleuropäischer Zeit mit einer Ariane-Rakete vom südamerikanischen Weltraumbahnhof Kourou abheben. Nach der Trennung wird sich das ATV über mehrere Tage der ISS nähern und schließlich lasergesteuert an die Station ankoppeln. Allein für die komplizierte Computer- und Navigationstechnik wurden eine Million Zeilen Programmcode geschrieben.

4600 Kilogramm Nahrung, Wasser, Sauer- und Treibstoff

Für die ISS-Besatzung ist die Ankunft des zehn Meter langen ATV dann so wie Weihnachten und Ostern zusammen: 4600 Kilogramm Nahrungsmittel, Wasser, Sauer- und Treibstoff sowie Ersatzteile hat Jules Verne geladen. Dabei wird auch Rücksicht auf nationale Eigenheiten genommen: Die 268 Liter Trinkwasser sind nur für russische Kosmonauten bestimmt, denn die Nasa verlangt für ihre Astronauten eines spezielle Desinfektion. Als Schmankerl bekommt die Besatzung weltraumtaugliche Musik geliefert, die in einem Esa-Wettbewerb von einem norwegischen Teenager zusammengestellt wurde - von "Rocket Man" von Elton John bis zu Joe Cockers "Up where we belong".

Nach sechs Monaten ist die Mission des ATV beendet. Das Schiff koppelt sich von der ISS ab und wird durch seinen Raketenantrieb im steilen Winkel in die Erdatmosphäre gesteuert. Dort bricht es durch Hitze und Reibung auseinander. "Ein großer Teil des ATV wird in der Atmosphäre pulverisiert", sagt Esa-Sprecher Franco Bonacina. "Auf die Erde werden nur relativ kleine Teile fallen." Gefahr für Menschen bestehe nicht, denn die ATV-Reste würden wie schon die der russischen Raumstation MIR in unbewohnte Teile des Pazifischen Ozeans stürzen.

Kosten: 1,3 Milliarden Euro

Die Anlaufkosten für das Wegwerf-Raumschiff sind enorm: Entwicklung und Erstflug verschlingen 1,3 Milliarden Euro. Bei Folgeflügen rechnet die Esa allerdings mit deutlich geringeren Kosten von 300 Millionen Euro pro Mission. Bis 2015 sollen vier weitere ATV ins All geschossen werden. Dabei ersetzt das Esa-Raumschiff bei der ISS-Versorgung die US-Raumfähre Space Shuttle, die 2010 außer Dienst gestellt werden soll.

Die ATV-Erbauer haben längst größere Pläne: Studien sehen die Konstruktion eines wiederverwendbaren Raumfahrzeugs vor, das dafür mit einem Hitzeschild ausgestattet werden müsste. Auch ein Einsatz als Shuttle für bemannte Flüge wäre denkbar. Dazu müsste aber nicht nur eine Lebenserhaltung eingebaut werden, sondern auch ein Notausstiegssystem für die Startphase, wie Esa-Sprecher Bonacina sagt. "Das macht die Sache natürlich teurer." Zukunftsmusik sind auch Flüge als Transporter, um Weltraumteleskope oder Sonden in einen Orbit um Mond oder Mars zu bringen.

AFP AFP

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