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Stephen Hawking ist tot Er war das größte Genie unserer Epoche, doch der Erfolg zerstörte sein privates Glück


Ausnahme-Denker und Popstar der Physik: Mit Stephen Hawking verliert die Fachwelt einen ihrer genialsten Köpfe. Beruflich feierte Hawking große Erfolge - doch im Privaten haderte der Astrophysiker.
Von Kai Kupferschmidt

Er war der wohl berühmteste Wissenschaftler der Welt: Stephen Hawking war so bekannt wie kein anderer Forscher nach Einstein. Schon zu Lebzeiten schaffte er den Sprung zur Kultfigur, erreichte einen Bekanntheitsgrad, der sonst Schauspielern oder Popstars vorbehalten ist. Sein Privatleben machte in Klatschblättern Schlagzeilen, er hatte Gastauftritte in TV-Serien wie den "Simpsons" und "Star Trek", verkaufte Millionen Bücher, erhielt zahlreiche Preise. Ein Kinofilm über das Leben des Ausnahme-Physikers - "Die Entdeckung der Unendlichkeit" - heimste 2015 sogar einen Oscar ein.

Die Öffentlichkeit faszinierte vor allem das Bild des behinderten Genies - auf den Rollstuhl angewiesen, zu kaum einer Bewegung fähig, aber anscheinend in der Lage, die großen Geheimnisse des Universums zu ergründen. Und sie fieberte mit seinem Leben mit, das allen Prognosen zum trotz 76 Jahre währte. Jede Sekunde, so schien es manchmal, hatte Hawking dem Tod abgetrotzt, mit seinem unbändigen Lebenswillen und viel Humor.

Geboren wurde Stephen William Hawking am 8. Januar 1942, genau 300 Jahre nach dem Tod von Galileo Galilei. Seine Eltern waren vor den Bombenangriffen der Luftwaffe aus London nach Oxford geflohen und so kam Hawking in der gleichen Stadt zur Welt, in der er später auch studieren würde.

Woher kommen wir, wohin gehen wir?

Wäre es nach dem Willen seines Vaters gegangen, hätte der junge Stephen sich der Medizin gewidmet, denn Frank Hawking war selbst Arzt und forschte an Tropenkrankheiten. Aber sein Sohn wollte Mathematik und Physik studieren und setzte sich durch. Hawking hat später einmal gesagt, dass er sich schon mit 14 Jahren für die Physik entschieden habe, weil sie die fundamentalste Wissenschaft sei: "Ich erhoffte mir die Antworten auf die Frage, woher wir kommen und wohin wir gehen."

Aber zunächst sah es so aus, als würde Hawking nie dazu kommen, nach diesen Antworten zu suchen. 1963, kurz nachdem er sein Studium in Oxford abgeschlossen und seine Doktorarbeit in Cambridge begonnen hatte, erhielt er die schreckliche Diagnose. Er hatte schon festgestellt, dass etwas nicht stimmte. In seinem letzten Jahr in Oxford war er oft ungeschickt gewesen, einige Male ohne erkennbaren Grund gestürzt. Das Schuhebinden bereitete ihm Probleme, auch andere kleine Handgriffe fielen ihm seltsam schwer. Nachdem Ärzte den jungen Forscher untersuchten, stand fest: Er litt unter Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer unheilbaren Krankheit.

Diagnose ALS heißt: Es bleiben weniger als fünf Jahre

Bei ALS gehen nach und nach die Nervenzellen zu Grunde, die für Muskelbewegungen verantwortlich sind. Betroffene haben Koordinationsstörungen, die Sprache wird immer undeutlicher, die Muskeln bilden sich zurück, bis der Erkrankte schließlich völlig gelähmt ist. Die Lähmung der Atemmuskulatur und des Schluckapparats können zu einer Lungenentzündung führen. In der Regel bleiben Betroffenen nach der Diagnose ALS weniger als fünf Jahre.

Hawking sagt, er habe sich damals als tragische Gestalt gefühlt, sich zurückgezogen, viel Wagner gehört und Alkohol getrunken: "Warum sollte meinem Leben so plötzlich ein Ende gesetzt werden?" Er sah wenig Sinn in der Arbeit, glaubte nicht, dass er lange genug leben würde, um seine Doktorarbeit abzuschließen. Immer wieder träumte er, er werde hingerichtet.

Ein leukämiekranker Junge half Stephen Hawking über sein Leid hinweg

Aber Hawking fand einen Weg aus seiner Depression. In einem Vortrag vor anderen Patienten mit ALS hat er 1987 eine Begebenheit geschildert, die ihm dabei half: Während seines Krankenhausaufenthalts habe er sehen müssen, wie ein Junge im gegenüberliegenden Bett an Leukämie gestorben sei. "Es war kein schöner Anblick. Ich fühlte mich zumindest nicht krank. Seither denke ich immer an diesen Jungen, wenn ich versucht bin, mich zu bemitleiden." Außerdem hatte Hawking kurz zuvor die Studentin Jane Wilde kennengelernt - und sich verliebt. Sie war ein Grund für Hawking, weiterzuleben. Die beiden wurden ein Paar, heirateten und bekamen zusammen drei Kinder: Robert, Lucy und Timothy.

Doktoranten als Pflegekräfte

Hawkings Frau war eine wichtige Stütze für ihn, während die Krankheit langsam fortschritt und sich sein Gesundheitszustand stetig verschlechterte. Als das Treppensteigen zu beschwerlich wurde, zog die Familie in eine Wohnung im Erdgeschoss. Bald war er auf einen Rollstuhl angewiesen und verlor zunehmend die Beweglichkeit in seinen Armen und Beinen. Bis 1974 konnte Hawking ohne fremde Hilfe essen, aufstehen und ins Bett gehen. Danach wurde die Situation für Jane Hawking, die nebenbei zwei Kinder groß zog (Timothy wurde erst 1979 geboren) zu schwierig.


Stephen Hawking: Mit diesen Zitaten sorgte er für Furore

So quartierten die Hawkings fortan einen Doktoranden als Untermieter ein, der dem Physiker beim Aufstehen und beim Zubettgehen half. 1985 erkrankte Hawking an einer Lungenentzündung, die Ärzte mussten einen Luftröhrenschnitt machen, um sein Leben zu retten. Danach konnte er sich zunächst nur mühsam verständigen, indem er die Augenbrauen hob, wenn jemand den richtigen Buchstaben auf einer Tafel anzeigte. Später bekam er den Sprachcomputer, dessen verzerrte Stimme durch Fernsehserien und Filme berühmt wurde.

Obwohl die Krankheit immer schlimmer wurde, arrangierte Hawking sich mit der Behinderung und sagte sogar, seit er an ALS leide sei er glücklicher als vorher. "Bevor die Krankheit anfing, langweilte mich das Leben." Wenn man aber nichts mehr zu erwarten habe, dann sei man wirklich für alles dankbar. Das Schlimmste sei für ihn, dass er nicht mit seinen Kindern habe spielen können.

Schwarze Löcher und die Hawking-Strahlung

Während die Krankheit fortschritt, machte Hawking eine erstaunliche Karriere im Bereich der theoretischen Physik. Seine Entscheidung für diesen Zweig stellte sich als Glücksfall heraus, denn in kaum einem anderen Fach hätte ein so schwer behinderter Mensch wie er an vorderster Front forschen können.

Hawkings wissenschaftliche Leistung ist eng mit dem Konzept der Schwarzen Löcher verbunden. Gemeinsam mit seinem Kollegen Roger Penrose konnte er beweisen, dass diese Gebilde keine exotischen Besonderheiten der Mathematik sind, die für das Universum keine Bedeutung haben, sondern dass Einsteins Theorien sie in zahlreichen Fällen vorhersagen. Ein Schwarzes Loch ist ein Punkt im Universum, an dem so viel Masse konzentriert ist, dass die Gravitationskraft unvorstellbare Maße annimmt. Es entsteht, wenn ein Stern kollabiert, der mehr als dreimal soviel Masse besitzt wie unsere Sonne. Dann reicht das eigene Gewicht, um den gesamten Stern auf ein so kleines Volumen zusammenzupressen, dass sich ein Schwarzes Loch bildet. Dessen Anziehungskraft ist so stark, dass ihm nichts entkommen kann, keine Materie und auch kein Licht.

1974 errechnete Hawking, dass Schwarze Löcher eine erstaunliche Eigenschaft haben: Sie können explodieren. Schwarze Löcher, behauptete Hawking, würden eine Strahlung abgeben und so an Masse verlieren. Über Millionen von Jahren könnten kleinere Schwarze Löcher wie eine Pfütze in der Sonne austrocknen und schließlich in einer Explosion verschwinden. Diese Strahlung wird heute als "Hawking-Strahlung" bezeichnet.

Das Buch hielt sich in den Bestsellerlisten wie kein anderes

Diese Arbeiten machten Hawking in der Welt der theoretischen Physik mit einem Schlag berühmt. Für den Rest der Welt wurde er 1988 ein Star, als sein Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" erschien. Hawking hat später erklärt, er habe damit eigentlich nur die Ausbildung seiner Kinder finanzieren wollen - das ist ihm mehr als gelungen. Das Buch hielt sich 237 Wochen auf der Bestsellerliste der britischen "Times", so lange wie kein anderes. Es wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt, bis heute wurden mehr als zehn Millionen Exemplare verkauft. Über den unglaublichen Erfolg des Buches ist oft spekuliert worden und auch darüber, wie viele Menschen das Buch tatsächlich gelesen haben. Ohne Frage haben Hawkings Persönlichkeit und seine Krankheit zum Erfolg des Buches beigetragen. Er hat es aber auch zu einer Zeit geschrieben, als wenige Forscher im Bereich der Kosmologie sich die Mühe machten, ihre komplizierten Ideen auch den Uneingeweihten zu vermitteln. Hawking war es wichtig, seine Gedanken auch der Öffentlichkeit näher zu bringen, aber der Ruhm hatte auch Schattenseiten.

1991 ließen sich Stephen und Jane Hawking scheiden. Hawkings Frau gab an, dass es sie verletzte, nur als Anhängsel des berühmten Physikers wahrgenommen zu werden, obwohl sie sich für ihn und die Kinder aufopferte. Es war aber auch Hawkings Einstellung zur Religion, die zur Trennung führte. Jane hat häufig erklärt, dass ihr Glaube ihr in den vielen dunklen Momenten geholfen habe, in denen die Lage ihres Mannes so aussichtslos erschien. Hawking hingegen sah wenig Platz für einen Schöpfergott in seinen Theorien und die Spannungen zwischen ihm und seiner Frau ließen sich nicht mehr überbrücken. 1995 heiratete Stephen Hawking ein zweites Mal. Die Ehe mit Elaine Mason, seiner Krankenschwester, hielt bis 2006.

"Das Leben ist einfach nicht gerecht"

Hawking war seit 1979 Inhaber der Lucasischen Lehrstuhls für Mathematik an der Universität Cambridge. Nach 30 Jahren musste er ihn abgeben, da er die Altersgrenze erreicht hatte. Bis zuletzt hielt Hawking an der Universität jedoch Vorträge vor Studenten, in denen er sie zur eigenen Forschung ermutigte: "Denkt daran, in die Sterne zu sehen - und nicht auf eure Füße."

Durch seine Bücher hat Stephen Hawking vielen Menschen etwas beigebracht über die Physik, das Universum und den Urknall. Aber vor allem hat er mit seinem Humor, seiner Lebensfreude und seiner Hartnäckigkeit der Welt etwas über die menschliche Existenz gelehrt, das er einmal selbst als sein Lebensmotto zusammengefasst hat: "Man muss erwachsen genug sein, um zu begreifen, dass das Leben nicht gerecht ist. Deshalb kann man nur das Beste aus der Situation machen, in der man sich befindet."


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