Thomas Reiter auf der ISS Versuchskaninchen im All

Der fünfmonatige Aufenthalt Thomas Reiters auf der Internationalen Raumstation neigt sich dem Ende zu. Sein Programm war vollgepackt mit wissenschaftlichen Experimenten. Zum Teil musste er selbst als Versuchskaninchen herhalten.

Runterfallen kann dem deutschen Astronauten Thomas Reiter bei seiner wissenschaftlichen Arbeit auf der Raumstation ISS nichts - höchstens etwas davonschweben, denn hier herrscht Schwerelosigkeit. Genau das macht die Forschung im All für Wissenschaftler auch so spannend. Fünf Monate war Reiter nun im All - wenn alles planmäßig verläuft, wird er am 19. Dezember mit dem Spaceshuttle zur Erde zurückkehren. Harte Arbeitsmonate für den erfahrenen Astronauten: Die Europäische Weltraumorganisation Esa hatte für diese Zeit ein eigenes wissenschaftliches Programm für den Astronauten zusammengestellt. Reiter hat neue Geräte installiert und Experimente aus der Physik, Medizin und der Biologie betreut. "Astrolab" - das Labor im Weltraum - lautete der Name seiner Forschungsmission.

Atmungsorgane der Astronauten sind besonders gefährdet

"Es geht bei diesen Experimenten sowohl um die bemannte Raumfahrt selbst als auch um Informationen für die Forschung auf der Erde", sagt Dieter Isakeit von der Esa-Direktion für bemannten Raumflug, Schwerelosigkeitsforschung und Planetenerkundung in Noordwijk. "Die Schwerkraft ist ein Faktor, der viele Vorgänge auf der Erde stark beeinflusst", betont Isakeit. Diese einmal abschalten zu können, ermögliche Einsichten in Zusammenhänge, deren Effekte durch die Schwerkraft verdeckt oder dominiert würden. Auch die medizinische Forschung auf der Erde kann von den Untersuchungen an Astronauten in der Schwerelosigkeit profitieren: "Knochen- oder Muskelschwund laufen im All beschleunigt ab. Die Astronauten können deshalb als Zeitraffer-Versuchskaninchen dienen, um solche Erkrankungen zu erforschen", sagt Isakeit.

Eine grundlegende Aufgabe von Reiter bei der Astrolab-Mission war die Inbetriebnahme europäischer Forschungstechnologie. Darunter befindet sich beispielsweise das Lungenfunktionsgerät PFS. Dieses Analyseinstrument überprüft die ausgeatmete Luft der Astronauten und kann daraus fast unmittelbar den Gesundheitszustand der Lunge und sogar des Herzens ermitteln. "Die Atmungsorgane von Astronauten sind in der Schwerelosigkeit besonders gefährdet", erklärt Isakeit. "Staub und Luftpartikel sinken auf der Erde irgendwann zu Boden. In einer Raumstation ist das nicht so - und das kann dann Entzündungen hervorrufen." Das Schnelltest-Gerät PFS ist extra für den Weltraum entwickelt worden - klein, leicht und einfach zu bedienen. Wenn solche handlichen Geräte aber erst einmal gebaut sind, finden sie häufig auch Anwendung auf der Erde. "Die Weltraumforschung ist ein Technologietreiber", erklärt Isakeit.

Hautalterung wurde hautnah an Reiter untersucht

Es klingt paradox, aber für die Schwerelosigkeitsforschung an Pflanzen installierte Reiter auf der ISS ein Gerät, das künstlich Schwerkraft erzeugen kann. Die Pflanzenzuchtanlage EMCS lässt sich in eine Zentrifuge verwandeln, um bei Bedarf auch im All wieder eine dosierte Beschleunigungskraft auf die Pflanzen wirken zu lassen. So können direkt in der Schwerelosigkeit Vergleichsexperimente unter Gravitationsbedingungen durchgeführt werden, wie sie auf der Erde herrschen. "Das soll nicht etwa für viel Geld Bedingungen herstellen, die man auf der Erde umsonst hat, sondern zeigen, ob ein beobachteter Effekt tatsächlich schwerkraftabhängig ist - also kommt und geht, wenn die Schwerkraft an oder abgeschaltet wird", erläutert Isakeit.

Auch ein kommerzielles Forschungsprojekt war Teil der Astrolab-Mission. "Skincare" soll die beschleunigte Hautalterung in der Schwerelosigkeit untersuchen und wird von der Kosmetikindustrie gesponsert. Dafür musste Thomas Reiter mit seiner eigenen Haut herhalten. Mithilfe eines Messgeräts testete der 48-Jährige regelmäßig den Wasserverlust seiner Haut und kontrollierte, ob neue Fältchen dazugekommen sind. So könnte künftig auch der Effekt von Hautcremes im Zeitrafferverfahren untersucht werden.

Thomas Reiter: eher Flugingenieur als Wissenschaftler

Trotz der vielen Experimente war Astrolab keine reine Forschungsmission. "Thomas ist eigentlich nicht in erster Linie Wissenschaftler an Bord der ISS", betont Martin Zell, bei der Esa verantwortlich für die Nutzung der ISS. "Ihm stehen nur insgesamt circa 150 Stunden in den sechs Monaten für Forschungszwecke zur Verfügung." Reiter ist vor allem Flugingenieur, überwacht wichtige technische Systeme und nimmt Installations- und Wartungsarbeiten vor.

Bislang bestanden die Bordmannschaften aus Astronauten der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa und russischen Kosmonauten, denn beide Nationen trugen auch die Hauptlast bei der Entstehung der Station. Mit Reiters Mission bauen jetzt die Europäer ihre Präsenz auf der ISS aus. "Die wertvollen Betriebserfahrungen sind dann enorm wichtig für den zukünftigen ISS-Missionsbetrieb", sagt Zell. Die Esa will die Forschung auf der ISS künftig weiter ausbauen: Der nächste große Schritt wird das europäische Weltraumlabor "Columbus" sein, das 2007 an die ISS andocken soll und gleichzeitig vier interne und zwei externe Forschungsanlagen umfassen wird.

Martin Vieweg/DDP DDP

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