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Versorgung der ISS: Sojus-Fehlstart schockiert Russlands Raumfahrt

Erster Fehlstart nach 33 Jahren: Eine Sojus-Rakete versagt beim Transport von Versorgungsgütern zur Internationalen Raumstation. Die Folgen sind noch gar nicht abzusehen - zumal die Space Shuttle der Amerikaner gerade aus dem Verkehr gezogen wurden.

Von Gerhard Hegmann

Verstanden. Vielen Dank, dass sie uns so schnell informiert haben", sagte der Kommandant der Internationalen Raumstation ISS, Andrey Borsisenko. Am Mittwoch hat ihn die Bodenstation informiert, dass etwas schiefgelaufen ist: Rund fünf Minuten nach dem Start der sonst extrem zuverlässigen russischen Sojus-Rakete versagte die dritten Stufe. Bei der unbemannten Mission erreichte die Versorgungskapsel Progress daher nicht in die vorgesehene Umlaufbahn. Sie sollte an diesem Freitag an der ISS andocken und 2,9 Tonnen Versorgungsmaterial für die sechsköpfige russisch-amerikanisch-japanische Besatzung mitbringen: Treibstoff, Wasser, Lebensmittel bis hin zur Post. Das ist jetzt alles verglüht.

Die Sojus-Flüge galten bislang als Routinemissionen. Seit 33 Jahren gab es keinen einzigen Fehlstart. Gut 770 Mal in Folge hob eine Rakete dieses Typs seitdem problemlos ab. Mal mit Besatzung in einer Sojus-Kapsel, mal nur mit Nutzlast. Entweder für zivile, wissenschaftliche oder militärische Zwecke. Die Europäer sind bereits stolz, wenn die Ariane 5-Rakete 45 mal in Folge problemlos abhebt.

Fehlstart ist eine Besonderheit

Der europäische Raketenvermarkter Arianespace hat die Sojus-Rakete mit im Angebot und bietet sie weltweit Kunden an, ihre Satelliten zuverlässig mit einer Sojus ins All zu befördern. Demnächst wäre der US-Kunde Globalstar dran. Das klappte bisher auch sehr gut. Branchenkenner sprechen von insgesamt über 1700 Sojus-Flügen in der Geschichte. Zeitweise hob die Rakete im Wochentakt vom Weltraumbahnhof in Baikonur in Kasachstan ab.

Deshalb ist der Fehlstart einer Sojus-Rakete eine Besonderheit, die Schockwellen in der Branche auslöst. Die Nasa und der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner, beeilten sich aber am Mittwoch zu betonen, dass es wegen des Absturzes der Versorgungskapsel keine Engpässe auf der Raumstation geben wird. Es seien genügend Wasser, Sauerstoff und Nahrung an Bord.

Zweiter Fehlstart innerhalb einer Woche

DLR-Präsident Wörner forderte aber eine genaue Fehleranalyse ein, zumal auch bemannte Missionen anstehen. "Wir müssen jetzt die genaue Ursache ermitteln und können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagte Wörner der FTD.

Die dritte Stufe der Sojus, die jetzt versagte, ist bei den bemannten Missionen sehr ähnlich. Die Rakete sollte nach der bisherigen Planung am 20. Oktober auch erstmals vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abheben und die ersten Satelliten für das europäische Navigationsnetz Galileo ins All befördern. Der Start gilt ohnehin als risikoreich, weil gleich beim ersten Flug vom neuen Startplatz wertvolle Nutzlast mitgenommen wird. International üblich sind Testflüge - doch Europa will sparen.

Das Sojus-Debakel ist der zweite Fehlstart einer russischen Rakete binnen einer Woche und der vierte binnen eines Jahres - eine ungewöhnliche Häufung. In der vergangenen Woche versagte bereits eine Proton-Rakete, die einen 5,7 Tonnen schweren russischen Fernsehsatelliten vom Typ Express-AM4 ins All transportieren sollte. Seitdem taumelt der von der EADS-Tochter Astrium gebaute Satellit auf einer falschen Umlaufbahn.

Zuvor gab es bereits Fehlstarts mit der Proton und der kleinen Rockot-Rakete. Weil die Ursache der Proton-Misere noch nicht geklärt ist, hat die große Rakete aktuell Startverbot. Jetzt kommt die Sojus-Panne hinzu. Praktisch sind damit die beiden wichtigsten Trägerraketen Russlands stillgelegt. Das gab es noch nie.

FTD