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Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" zum Fall Edathy: "Nicht jeder Pädophile begeht Kindesmissbrauch"

Jens Wagner vom Netzwerk "Kein Täter werden" sieht die Debatte um Edathy kritisch. Er erklärt, was Pädophilie tatsächlich bedeutet, was Vorurteile anrichten und warum es dringend ein Umdenken braucht.

Ein Interview von Mirja Hammer

Nach Meinung von Jens Wagner vom Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" wird Pädophilie viel zu leichtfertig mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt. Ein grober Fehler, sagt er.

Nach Meinung von Jens Wagner vom Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" wird Pädophilie viel zu leichtfertig mit Kindesmissbrauch gleichgesetzt. Ein grober Fehler, sagt er.

Das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden" bietet Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, Behandlungsangebote, damit sie nicht zu Tätern werden. Der stern sprach mit Jens Wagner, Sprecher des Netzwerks, über die aktuelle Pädophilie-Debatte, Vorurteile, Therapiemöglichkeiten und darüber, was sich in unserer Gesellschaft dringend ändern muss.

Herr Wagner, erklären Sie doch bitte den Begriff "Pädophilie".

Pädophilie heißt, dass jemand ausschließlich oder überwiegend durch vorpubertäre Kinderkörper sexuell angesprochen wird. Über das sexuelle Verhalten einer Person sagt dieser Begriff allerdings nichts aus, lediglich über die sexuelle Neigung.

Sie kritisieren die Debatte über das Kinderpornografie-Verfahren gegen Sebastian Edathy. Die Stellungnahme von Til Schweiger etwa finden Sie bedenklich. Wo sehen Sie Probleme in der aktuellen Debatte?

Die Schwierigkeit ist, dass in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder die sexuelle Neigung Pädophilie mit tatsächlichem sexuellem Kindesmissbrauch beziehungsweise dem Konsum von kinderpornografischen Bildern gleichgesetzt wird. Aber nicht jeder Pädophile begeht Kindesmissbrauch oder konsumiert solche Bilder. Genauso wenig ist jeder Kindesmissbraucher oder Konsument dieser Fotos pädophil. Diese Gleichsetzung ist insofern schwierig, da Pädophilen - ob sie eine Straftat begangen haben oder nicht - so vermittelt wird, dass die Gesellschaft sie für den letzten Dreck hält. Im Glauben, dass sie mit ihrer Neigung sowieso jeder als Kinderschänder betrachtet, ziehen sie sich zurück und isolieren sich.

Wieso ist es problematisch, wenn sich Pädophile zurückziehen?

Menschen, die sozial isoliert leben und sich nicht zu erkennen geben, sind eher gefährdet ihre Neigung auch auszuleben. Soziale Kontrolle senkt aber erwiesenermaßen das Risiko, zum Täter zu werden. Doch dafür braucht es gesellschaftliche Akzeptanz. Jemand, der auf einer Party ein Glas Wein mit den Worten "Ich bin trockener Alkoholiker" ablehnt, erntet Anerkennung dafür, dass er sich so verantwortlich zeigt. Sagt dagegen jemand: "Ich bin pädophil, gehe aber in Therapie, damit ich meine Neigung nicht auslebe", muss er damit rechnen, dass er infolge dessen geächtet wird. Diese Stigmatisierung, die durch eine Gleichsetzung von Pädophilie mit Kindsmissbrauch geschieht, erschwert die Prävention ungemein.

Wer kommt zu Ihnen in die Therapie?

Das sind Menschen aller Altersklassen und aus allen sozialen Schichten. Was sie alle eint, ist ein unwahrscheinlicher Leidensdruck und der Wunsch, etwas zu ändern. Unser Projekt basiert auf Freiwilligkeit, die Betroffenen, die zu uns kommen, haben ein Problembewusstsein bezüglich ihrer sexuellen Präferenz. Sie wollen verhindern, dass sie erstmals oder wiederholt Taten begehen.

Betrifft Pädophilie eigentlich nur Männer oder auch Frauen?

Von der sexuellen Präferenz Pädophilie sind tatsächlich vornehmlich Männer betroffen. Nach allem, was wir wissen, ist von 100 Pädophilen etwa eine weiblich. Dazu abzugrenzen ist sexueller Kindesmissbrauch. Hier wissen wir laut polizeilicher Kriminalstatistik, dass zwei bis drei Prozent der Täter weiblich sind. Doch das Dunkelfeld dürfte deutlich höher sein. Wir gehen davon aus, dass 10 bis 20 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Kinder und Jugendliche von Frauen begangen werden. Bei diesen Übergriffen ist in der Regel aber nicht von einer pädophilen Motivation auszugehen

Kann man Pädophilie heilen?

Nach allem, was wir wissen, kann man Pädophilie nicht heilen. Sie ist nicht aufzulösen oder wegzutherapieren. Aber wir können sie adäquat behandeln, mit dem Ziel, dass der Betroffene lernt, sein Verhalten zu kontrollieren.

Wie sieht die Therapie aus?

Zunächst geht es darum, die sexuelle Präferenz in das Selbstbild zu integrieren. Das ist sehr schwer, denn die meisten Betroffenen hätten am liebsten, dass sie einfach nur eine Tablette schlucken müssen, die ihre Präferenz abschaltet. Ich habe noch keinen getroffen, der sagte: "Ich finde es super, dass ich pädophil bin". Wenn es sich die Teilnehmer aussuchen könnten, würden sie in der Regel ihre sexuellen Bedürfnisse lieber mit Erwachsenen ausleben. Doch das ist fast unmöglich, wenn man den erwachsenen Körper nicht als sexuell anziehend erlebt. Bei jenen, die nicht ausschließlich durch Kinderkörper erregbar sind, kann die Therapie helfen, die sexuelle Erlebnisfähigkeit mit Erwachsenen auszubauen. Für die Kernpädophilen, jene, die eine ausschließliche Neigung zu kindlichen Körpern haben, ist das deutlich schwerer. Eine Therapie integriert auch die Möglichkeit einer freiwilligen, medikamentösen Unterstützung. Etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen nehmen den Geschlechtstrieb dämpfende Medikamente. Das können Antidepressiva mit leicht hemmender Wirkung sein, aber auch Medikamente, die wie eine chemische Kastration wirken.

Wie werden Menschen pädophil? Sind die Ursachen erforscht?

Ähnlich wie die sexuelle Orientierung Homosexualität ist auch die Entstehung der Pädophilie nicht abschließend erforscht. Nach allem, was wir wissen, ist es wahrscheinlich, dass bei der Entstehung biologische, soziale und psychologische Faktoren eine Rolle spielen.

"Pädophilie ist das letzte große Tabu unserer Zeit"

Missbrauchen alle Pädophilen Kinder?

Nein. Sexueller Kindesmissbrauch ist zwar eines der schlimmsten Verbrechen überhaupt, aber wir kommen nicht weiter, wenn wir entweder Pädophilie leugnen oder so tun, als wären alle Pädophilen Kinderschänder. Von den schätzungsweise 250.000 Pädophilen begeht bei Weitem nicht jeder Missbrauch. Jene Menschen, die zwar pädophile Neigungen haben, aber weder entsprechende Bilder konsumieren noch Kinder missbrauchen, sprich niemandem Schaden zufügen, sollten als sexuelle Minorität akzeptiert werden. Sie haben sich diese Neigung nicht ausgesucht und sollten wie jeder andere Mensch auch an ihrem Verhalten gemessen werden.

Brauchen wir eine andere Debatten-Kultur zu dem Thema?

Pädophilie erscheint mir das letzte große Tabu unserer Zeit zu sein. Ganz anders als noch in den 70er Jahren. Leider ist das Pendel von der einen extremen Seite auf die andere geschwungen. Wir müssen uns in der Mitte einpendeln und auch im Sinne des Kinderschutzes einen unaufgeregteren Diskurs zu diesem Thema finden. Wie gesagt: Keiner ist verantwortlich für seine sexuelle Neigung, aber jeder ist verantwortlich für sein sexuelles Verhalten.

Und darauf sollte auch der aktuelle Prozess um Sebastian Edathy beschränkt werden?

Sebastian Edathy hat ein Verbrechen begangen, indem er Bilder von nackten Kindern konsumiert hat. Dafür wird er belangt. Dass das Strafmaß für den Konsum von Missbrauchsabbildungen, also jegliches Material, auf denen Kinder in eindeutig sexueller Pose zu sehen sind, in der Regel niedrig und möglicherweise dadurch wenig abschreckend ist, steht auf einem anderen Blatt. Doch aufgrund des Urteils kann keiner sagen, ob der Verurteilte pädophil ist oder nicht. Es gibt auch Menschen, die solche Fotos aus anderen Gründen konsumieren, beispielsweise sexuelle Sadisten, die Abbildungen suchen, in denen Menschen erniedrigt und degradiert werden. Oder Menschen mit ausgeprägter Sammlermentalität, die mit dem Sammeln Zwänge ausleben. Die momentane Berichterstattung suggeriert, dass jeder Konsument oder Kindesmissbraucher pädophil ist. So etwas und die damit verbundene Stigmatisierung der sexuellen Präferenz sendet ein falsches Signal an all jene, die problembewusst mit ihrer Neigung umgehen und treibt sie in die Isolation. Wir können den Menschen aber nur helfen, wenn sie sich zu erkennen geben.

Was muss passieren, damit ein gesellschaftliches Umdenken möglich wird?

Ich wünsche mir einen Ausbau des Opferschutzes, zudem fordere ich, dass Aufklärung und Prävention an Schulen zur Pflicht wird, sprich fester Bestandteil des Lehrplans. Andererseits brauchen wir dringend mehr und flächendeckende Hilfsangebote für pädophile und nichtpädophile potenzielle und reale Täter. Je mehr wir gesellschaftlich aufklären und ein gesamtgesellschaftliches Zeichen setzen, dass wir Missbrauch nicht dulden, umso größer sind die Chancen, dass es gar nicht erst zu Missbrauchsfällen kommt.

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